Imperfect Mobility: Chinas neue Mobilität

Um Neues auszuprobieren und einen Schritt voraus zu sein, wird in China fleißig experimentiert. Selten öffentlich, nicht immer offiziell, aber immer auf der geplanten Suche. 
Quelle: China Report 2017

In China gilt: Wenn Lösungen eine 80-prozentige Chance haben, werden sie eingeführt. Nicht immer ist eine Lösung nachhaltig oder vollkommen durchdacht – das Prinzip Hoffnung, gepaart mit dem Legitimationsdruck für die eigene Macht, muss reichen. Die Change Agents der Nation handeln in dem Bewusstsein, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nachvollziehen kann und soll, was passiert. Im Gegenzug erfährt aber jeder Bürger auch in der entlegensten Region von den innovativen Errungenschaften Chinas dank der nationalen und weit verbreiteten Kommunikationskanäle und Propagandamittel. 

In der Mobilitätsbranche setzt man auf E-Mobilität und eine Digitalisierung der Fahrzeuge. Die Ziele sind hochgesteckt, doch die Umsetzung lässt noch zu wünschen übrig. Elektrofahrzeuge werden massiv gefördert, doch es mangelt an sauberer Energie und ausreichend Ladestationen im Land. In China ist das Prinzip Learning by doing an der Tagesordnung – Innovationen müssen nicht perfekt sein, sie werden im Prozess optimiert.

Vision Green China

Die Umweltzerstörung in China irritiert umso mehr, als dass Ganzheitlichkeit, Feng Shui, Yin und Yang in der chinesischen Kultur veranlagt sind. Die Umwelt und damit China befindet sich im fast maximalen Ungleichgewicht – und das gefährdet auch die Legitimierung der Machthaber. Diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden, hat höchste Priorität, um die Macht der Regierung zu erhalten. 

Der gesellschaftliche Druck auf Politik und Unternehmen, mehr für ein sauberes China zu tun, nimmt zu. Denn China erstickt. Im Jahr 2015 sorgte China allein für 28 Prozent des weltweit ausgestoßenen CO2. Und der Weg zu einem grünen China ist noch weit. Der aktuelle Fünfjahresplan verspricht zumindest auf dem Papier einen Sprint in Sachen Umweltschutz: Bis 2020 soll an mehr als 80 Prozent aller Tage die Luft in den Städten eine gute oder sogar ausgezeichnete Qualität haben, die CO2-Emissionen sollen bis dahin um 18 Prozent reduziert werden.


Mehr im China Report 2017

Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder, die wir im Kopf haben. Zeit für einen fundierten Reset: Durch Dechiffrieren der wichtigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends in China liefern wir mit unserem neuen China Report von Dr. Diana Kisro-Warnecke Erkenntnisse und praktikable Handlungspotenziale für die zweitgrößte Wirtschaftsnation unserer Zeit.

Mehr über den Report

Die Ära der E-Mobility beginnt

Elektromobilität ist das große Zauberwort – denn sie trägt zur Lösung des Umweltproblems bei. In einigen Städten wurden aus diesem Grund konventionelle Motorroller verboten. Dies sorgt zudem für eine bessere (gesteuerte) Akzeptanz der Entwicklung zur E-Mobility in China. E-Bikes wurden in China viel früher gesellschaftsfähig als in Deutschland und kommen heute auf vielfältige Weise zum Einsatz. Vor den großen Luxushotels in Beijing stehen E-Bikes. Immer mehr große und moderne Hotels bieten ihren Gästen diese elektrobetriebenen Räder zum kostenlosen Gebrauch an. So konnte die Stadt ihren Ruf als moderne und innovative Metropole ausbauen und gleichzeitig ihre Bemühungen für den Umweltschutz untermauern. Dass E-Mobilität neu, sexy und luxuriös sein sollte, war Chinesen aufgrund der Positionierung der In China ist das Prinzip Learning by Doing an der Tagesordnung – Innovationen müssen nicht perfekt sein, sie werden im Prozess optimiert. Fahrräder vor den großen Luxushotels klar. Allein die Verbindung konnte die prestige-orientierte Gesellschaft nicht eindeutig herstellen. Denn nur wenige Chinesen setzen sich freiwillig auf einen Drahtesel – auf welche Weise auch immer betrieben. Aufgrund der Umweltverschmutzung in den Metropolen haben Fahrradfahrer zudem nur schlechte Luft zum Atmen. Der Schlüssel für einen funktionierenden Umweltschutz und ein Nachhaltigkeitsbewusstsein scheint erneut die Qualifizierung der Bevölkerung zu sein, also der Ausbau der allgemein zugänglichen Bildung. Nur gemeinsam mit den Menschen ist eine langfristig orientierte, vorausschauende Ökologie möglich. Doch in dieser sich schnell entwickelnden Gesellschaft zählen vor allem Wohlstand und Prestige, nur für wenige hat eine Lebensweise abseits der Konsumtempel einen hohen Wert. Damit wird die Kfz-Branche auch in Zukunft hohe Wachstumsraten in China verzeichnen.

Car-Sharing als neues Statussymbol

Die Verkehrsdichte in China wächst stetig. In Beijing weiß man längst, dass nicht mehr genug Platz ist für noch mehr Fahrzeuge in den Städten. Flächendeckende Car-Sharing-Systeme bieten sich somit als Lösung an. Außerdem können Chinesen mit geringem Einkommen und Aufsteiger in die nächste Einkommensschicht – und somit große Bevölkerungsgruppen – auf einfache Weise greifbar und sichtbar am wachsenden Wohlstand Chinas partizipieren. Familien erfüllen sich damit einen ihrer Träume: Sie werden temporär zu Autobesitzern, genießen die neue Mobilität und gestiegenes Ansehen. Für einen Teil der Chinesen ist E-Car-Sharing auch ein Karriereindikator, der das Ansehen im großen Familien- und Bekanntenkreis fördert und neue Möglichkeiten eröffnet. Und: Mit Car-Sharing wird eine breite Masse der chinesischen Bevölkerung an der propagierten Wirtschaftsentwicklung beteiligt – erarbeitetes Glück für die Machtlegitimierung der Kommunistischen Partei. Dass die Verkehrsdaten gespeichert und ausgewertet werden, sehen nur wenige Chinesen kritisch: Überwachung ist an der Tagesordnung, somit freut man sich lieber über die neugewonnene kurzzeitige Mobilitätsfreiheit und den Minuten-Wohlstand. Das Konzept der Vernetzung zu Business-Zwecken und zum Selbstschutz (Guanxi) hat die chinesische Gesellschaft besser verstanden als viele andere. Zudem bildet es seit Jahrtausenden eine ihrer Grundfesten. Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass die Datenerfassung durch die Regierung erheblich lockerer gesehen wird als in Europa, wodurch sich weitere Chancen zur Nutzung eröffnen.

Chancen für ausländische Wettbewerber? 

China ist unterwegs – und auch chinesische Unternehmen schlafen nicht. In Sachen E-Mobilität und bei der Digitalisierung des Autos setzt die chinesische Politik auf die Förderung der einheimischen Firmen. Für ausländische Kfz-Hersteller wird es deswegen eng im chinesischen Markt und im Run auf neue Technologien. Bereits 1984 hatte Volkswagen als ausländischer First Mover große Vorteile generiert – mit hohen Anschubinvestitionen. Die schnellstmögliche Kundenprägung auf Elektrofahrzeuge und ausländische Marken kann auch heute und künftig eine relevante Strategie sein, um Marktanteile zu sichern. Ein konzentriertes Vorgehen ist hier die Basis, um Vorteile für nicht-lokale Unternehmen zu kreieren. Wer an der Entwicklung zum Internet des Autos in China teilhaben will, sollte die neuen chinesischen Wettbewerber kennen – und für Kooperationen mit ihnen aufgeschlossen sein.

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Dossier: China

Dossier: China

Wenn wir von China hören, ereilt uns das Gefühl einer großen Maschine: gut geplant, bestens geschmiert, zeitweise versmogt. Doch China ist viel mehr: Das Land wird getrieben von einer großen, in Europa selten gehörten, Zukunftserzählung über Fortschritt und Innovation – von immer mehr jungen Chinesen, die Zukunft „sexy“ finden. Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder in unseren Köpfen – Zeit für einen fundierten Reset.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Diana Kisro-Warnecke

Dr. Diana Kisro-Warnecke gründete 2004 das Beratungsunternehmen Dr. K&K ChinaConsulting. Seitdem berät sie Konzerne, aber auch KMU zu den Themen internationales Management, Unternehmensstrategie, Personal und Marketing.