Corona Mobility Shift: Die Zukunft des Autos

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Push zur postfossilen Automobilität

Die Automobilindustrie zählt sowohl zu den Gewinnern als auch zu den Verlierern der Corona-Krise. Zunächst wird sich die Branche von dem ersten Schock erholen müssen – auf dem Höhepunkt des Lockdowns wurden rund 90 Prozent der Fabriken in China, Europa und Nordamerika geschlossen. Die erhofften umfangreichen Verkaufsprämien im Sinne einer Umweltprämie sind auch in Deutschland nicht mehr die große Lösung, anders als noch 2009. Anstelle einer Kaufprämie für verbrennungsmotorische Antriebe werden die finanziellen Anreize für Elektrofahrzeuge aufgestockt, auch die Senkung der Mehrwertsteuer soll weitere Kaufanreize setzen. Zusätzlich werden 2,5 Milliarden Euro in den Ausbau der Ladesäulen-Infrastruktur gesteckt, in die Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich der Elektromobilität sowie in die Produktion von Batteriezellen. Und gleichzeitig wurde die Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet: 9 Milliarden Euro sollen in den Bau von Wasserstoffanlagen investiert werden – wovon auch die Mobilitätsbranche profitieren soll, etwa durch die Einführung von Wasserstoffantrieben bei Lastwagen oder Bussen. Dennoch sind diese Summen vergleichsweise gering, verglichen mit den Investitionen, die eigentlich in Autonomisierung und Digitalisierung fließen müssten – insbesondere angesichts der weggebrochenen Einnahmen aus dem Verkauf konventioneller Fahrzeuge.

Solange die Verkäufe nicht wieder merklich anziehen, werden die finanziellen Mittel benötigt, um die Kosten für das Tagesgeschäft zu begleichen – und Investitionen in Zukunftstechnologien werden dahinter zurückstehen müssen. Daher beeinflussen die Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit der Erholung von der Krise in hohem Maße, wie und wann die Branche autonome Mobilität, vernetzte Fahrzeuge und insbesondere elektrische Antriebe vorantreiben kann. Gerade in puncto Elektromobilität sind die gemeinsamen Zielvorgaben von Bundesregierung und Automobilwirtschaft noch lange nicht erfüllt: Bis 2020 sollten bereits 1 Million Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein, zum 1. Januar waren es 136.600. Doch das kann und wird sich jetzt ändern, mit der Pandemie als entscheidendem Momentum.

Rückzug in den privaten Schutzraum

Aufgrund der Pandemie rechnet die Branche 2020 mit einem Absatzrückgang von bis zu 30 Prozent. Sollten die wirtschaftlichen Stabilisierungsbemühungen der Regierungen nicht greifen, könnten die Verkäufe noch viel drastischer einbrechen – zumal das utopische Moment einer autofreien, gesünderen Stadt in der Krise auch diejenigen angesprochen hat, die sonst nur verhalten darauf reagieren. So konnte die Stadt New York am 12. Mai 2020 einen erfreulichen Rekord verzeichnen: Seit 58 Tagen war kein Passant mehr im Straßenverkehr getötet worden. Solche Nachrichten werden die Debatte um die Zukunft der Mobilität von jetzt an begleiten. Doch das ist nur das eine Bild.

Das andere zeichnet einen Rückzug ins Private, bei dem das Auto als individueller Schutzraum plötzlich wieder hochattraktiv wird. All das, was ein Auto schon immer ausgemacht hat, könnte nun zum zentralen Verkaufsargument werden: Freiheit, Unabhängigkeit, Flexibilität. Die altbekannten Errungenschaften automobiler Mobilität lassen Dieselskandal, CO₂-Emissionen und die Inanspruchnahme von knappen Ressourcen und Flächen in den Hintergrund treten. Dies beeinflusst auch das Reiseverhalten. Während die Nachfrage nach Flugreisen nur zögerlich wieder anzieht, steigt die Nachfrage nach Wohnmobilen oder Caravans: Der private Schutzraum wird einfach in den Urlaub mitgenommen (sofern der Urlaub überhaupt stattfindet) und erhöht die wahrgenommene Sicherheit gegenüber einer möglichen Ansteckung. Caravaning ist in diesen Zeiten eine der sichersten Urlaubsformen, da man durch eigene Schlaf-, Wohn-, Koch- und Sanitärmöglichkeiten weitestgehend autark und praktisch überall zu Hause ist. Im Mai 2020 wurden in Deutschland 14.073 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen, 16 Prozent mehr als im Mai 2019.

Flexible Finanzierungs- und Nutzungsmodelle

Vor allem die unter 35-Jährigen haben im Zuge der Corona-Krise ein größeres Interesse an einem eigenen Auto entwickelt: 45 Prozent dieser Altersgruppe, die bislang kein Auto besaßen, denken nun darüber nach, sich in den kommenden Monaten einen eigenen Pkw anzuschaffen. Ob sich dies in die Zukunft hochrechnen lässt, ist jedoch fraglich. Zum einen verliert die Bedeutung des Autos als Statussymbol generell weiter an Bedeutung. Zum anderen sind Investitionen in der Größenordnung eines Autos eher unwahrscheinlich in einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit. Deswegen werden jetzt flexible Finanzierungs– und Nutzungsmodelle immer wichtiger.

Eine wegweisende Alternative zum Autokauf bietet das Auto-Abo. Vorreiter Volvo will mit seinem Konzept „Care by Volvo“ eine flexible Alternative zum Auto-Leasing bieten, ohne Mindestlaufzeit und mit Wechseloption auf andere Fahrzeugmodelle. Das Abo deckt sämtliche Fixkosten ab, von Inspektionen, Wartung und Reparaturen bis zu Steuer und Versicherung. Damit spricht es alle an, die hohe Investitionen scheuen und den Autobesitz (oder eine Automarke) erst einmal ausprobieren wollen oder sich nur temporär vorstellen können. Flexible Modelle wie diese gewinnen im Kontext einer unsicheren Krisenlage an Attraktivität.

Autonomes Fahren in der Virtualität

Nicht nur die Automobilhersteller leiden unter der Corona-Krise, auch die Mobilitätsanbieter, deren Geschäftsmodelle auf autonomer Mobilität basieren. Obwohl die Charakteristika eigentlich positiv sind: Fahrerlose Autos verursachen geringere Kosten als herkömmliche Ride-Hailing-Dienste, und in einer Welt, in der Menschen zögern, zu Fremden ins Auto zu steigen, würde ein fahrerloses Auto diese Ängste zumindest deutlich mildern. Nach Ausbruch der Corona-Krise haben Unternehmen wie Uber, Cruise, Waymo, Aurora oder Lyft ihre Praxistests mit autonomen Fahrzeugflotten aufgrund von Sicherheitsbedenken ausgesetzt. Die Unterbrechungen stellen eine große technische Herausforderung dar: Wie kann man die von realen Autos gesammelten Daten ersetzen, während die Flotten monatelang oder noch länger stehen bleiben? Eine Möglichkeit sind virtuelle Tests. So „fährt“ Waymo in seiner Simulationsplattform bereits 20 Millionen Meilen pro Tag – das entspricht mehr als 100 Jahren realem Fahren auf öffentlichen Straßen. Insgesamt wurden auf diese Weise bereits mehr als 15 Milliarden simulierte autonome Meilen gesammelt. Doch zugleich bleibt die Entwicklung fahrerloser Autos auf die Erfahrungen aus der realen Welt angewiesen, der Computer kann die Wirklichkeit nicht ersetzen. Die derzeitige Unterbrechung wird sich daher signifikant negativ auf die Einführung dieser Technologie auswirken.

Touchless Mobility als erweitertes Geschäftsmodell

Die logistische Lieferkette hat die Bedeutung von „touchless“ sehr schnell verstanden, die Branche ist daher neben den Anbietern von Videokonferenzen eine der wenigen nachhaltigen Gewinner der Pandemie. Die Möglichkeiten, autonome Fahrzeugtechnologien während einer Gesundheitskrise einzusetzen, reichen von der Entlastung des Gesundheitswesens bis zur Lieferung medizinischer Ausrüstung oder Proben – rund um die Uhr, ohne die Gefährdung menschlicher Fahrer. Dieses Geschäftsmodell hat vielen Kritikern gezeigt, dass autonome Technologien zu weit mehr imstande sind, als lediglich eine günstige Transportalternative darzustellen. Haben autonome Fahrzeuge also erst einmal ihre technischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt, werden ihre Vorteile deutlich zum Tragen kommen:

  • Verringerung des Risikos von Verkehrsunfällen
  • Aufrechterhaltung gesunder, robuster Logistikketten
  • Gesundheitsüberwachung der Menschen an Bord

Das Auto 2021: Ein Fazit

Der individuelle Schutzraum des Autos avanciert zum zentralen Attraktor – und wird, wenn möglich, sogar in den Urlaub mitgenommen, etwa in Form von Wohnmobilen. Zugleich gibt die Pandemie dem Ende des Verbrennungsmotors einen weiteren Schub: Freuen wir uns auf die Ära der Elektromobilität.

Entwicklungen wie das autonome Fahren, die vor allem auf technische Innovationen ausgelegt sind, werden durch die Corona-Krise verlangsamt, da Investitionen zurückgehalten werden und sich die Testbedingungen deutlich verschlechtert haben.