Corona Mobility Shift: Die Zukunft des ÖPNV

Was verändert sich durch Corona im Öffentlichen Personennahverkehr und welche Entwicklungen sind langfristig zu erwarten? – Ein Auszug aus dem Mobility Report 2021 von Dr. Stefan Carsten.

Bild: Pixabay/Reinhold Silbermann

Die Krise des ÖPNV

Jeden Tag pendeln Millionen Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit und wieder zurück. Diese Routinen des Alltags wurden durch die Corona-Krise jäh unterbrochen – und eine Rückkehr zur alten Normalität ist für viele kaum vorstellbar. Seit dem Ausbruch des Corona-Virus in Deutschland ist der Verkauf von Einzelfahrscheinen und Monatskarten um 70 bis 90 Prozent gesunken. So verzeichnete die BVG in Berlin ein Minus von 70 bis 75 Prozent, beim MVV in München waren es sogar bis zu 85 Prozent. Infolgedessen wurden die Angebote ausgedünnt, ganze Tram- und U-Bahn-Linien wurden eingestellt, die Taktfrequenz wurde reduziert. Ein Großteil der Fixkosten lief aber trotzdem weiter, etwa um das Linienangebot für medizinisches Personal aufrecht zuerhalten.

Die Zukunftsfrage lautet daher: Wie kann sich der ÖPNV nach der Krise modernisieren, wenn das Geld dafür weder in den Unternehmen noch in der kommunalen Finanzkasse vorhanden ist? Eine Möglichkeit besteht darin, das Tarifsystem stärker zu dynamisieren, zum Beispiel über unterschiedliche Bepreisung von Rushhour, Nachtstunden oder Wochenenden. Eine andere ist das integrierte und kombinierte Angebot von öffentlichen und privaten Mobilitätsangeboten zu fixen Preisen.

Achtsame Mobilität führt zu Multimodalität

Ein Großteil unserer gegenwärtigen Vorsicht gegenüber Menschenmassen wird sich mit der Zeit auflösen. Nach der Spanischen Grippe (1918–1920) mit geschätzten 500 Millionen Infizierten und bis zu 50 Millionen Toten, dauerte es fünf bis sechs Jahre, bis sich die Menschen wieder mit Zugfahrten vertraut gemacht hatten – aber sie taten es. Auch nach der Corona-Pandemie wird der ÖPNV mittel- bis langfristig wieder das Rückgrat der urbanen Mobilität bilden. Doch zugleich werden die Menschen achtsamer in ihren Mobilitätsentscheidungen sein: Sie reagieren schneller und entschlossener auf aktuelle Nachrichtenlagen und passen ihr Verhalten an. Um zu garantieren, dass die Fahrgäste sicher transportiert werden, braucht es eine umfassende und gezielte Kommunikation aller Mobilitätsakteure, vor allem aber der ÖPNV-Betreiber sowie der kommunalen Verwaltungen, über die Gesundheitssituation. Gerade in Krisenzeiten müssen die Fahrgäste den Transportunternehmen vertrauen können.

Der Betreiber Keolis in Lyon hat sich dabei besonders hervorgetan. Keolis setzte während der Pandemie eine Vielzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein, um die strengen Hygienemaßnahmen bei der Einführung und Umsetzung in den Verkehrsmitteln zu unterstützen. Die direkte Kommunikation mit den Fahrgästen über die eingesetzten Maßnahmen führte zu einer effizienteren ÖPNV-Nutzung und steigerte das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in den Betreiber nachhaltig.

Eine achtsamere Nutzung von Mobilität wird künftig auch den bewussten Verzicht auf Mobilität bedeuten – auch auf eine Nutzung des ÖPNVs. Homeoffice-Lösungen sind im Zuge des Lockdowns zur Normalität geworden und das Verkehrsaufkommen wurde drastisch reduziert. So sank die durchschnittlich zurückgelegte Tagesdistanz zwischen Ende Februar und Ende März um 47 Prozent. Auch nach der Krise werden viele Unternehmen freigiebiger Homeoffice-Zeiten gewähren – und damit auch die Verkehrssituation in den Städten etwas freundlicher gestalten. Gleichzeitig werden immer mehr Angestellte Homeoffice-Zeiten einfordern, wenn ihnen das Pendeln mit öffentlichen Verkehren unsicher erscheint. So wird der Verzicht auf Mobilität, der in der Zeit des Shutdowns erzwungen wurde, in der Post-Corona-Normalität auch die individuellen Freiheitsgrade erhöhen.

Der ÖPNV 2021: Ein Fazit

Der öffentliche Verkehr leidet massiv unter der Krise. Die fehlenden Einnahmen werden Investitionen durch die Kommunen auf lange Sicht beeinträchtigen, zumal Nutzerinnen achtsamer werden in der Wahl ihrer Verkehrsmittel – Fahrten werden ausgesetzt, verschoben oder mit alternativen Verkehrsmitteln durchgeführt. Die Branche muss daher noch stärker in Kooperationen denken, die private Akteure einbeziehen, um Kunden eine umfassende und sichere Mobilitätskette zu bieten.