Gender Gap in der Mobilität: Wie sich Städte und Verkehr verändern müssen

Frauen fühlen sich oft nicht sicher in öffentlichen Verkehrsmitteln – und sind tatsächlich bei Autounfällen gefährdeter als Männer. Eine inklusive Mobilität erfordert es, dass sich Städte und Verkehrsmittel verändern. – Ein Auszug aus dem Mobility Report 2021 von Dr. Stefan Carsten.

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Nach der Corona-Krise werden inklusive Mobilitätsstrategien an Bedeutung gewinnen. Die Pandemie hat uns verstehen lassen, dass es Mobilität für alle Menschen braucht. Inklusion bedeutet gleiches Recht für alle, gleiche Mobilität für alle, ohne Unterscheidung zwischen Jungen und Alten, Menschen mit oder ohne körperlichen oder geistigen Besonderheiten und: Frauen und Männern. Dass dies noch längst nicht der Fall ist, zeigt etwa die Tatsache, dass Frauen in den USA bei Autounfällen einem höheren Risiko für Tod oder schwere Verletzungen ausgesetzt sind als Männer. Eine Fahrerin oder Beifahrerin stirbt 17 Prozent häufiger und wird 73 Prozent häufiger schwer verletzt als männliche Fahrer oder Beifahrer.

Grund dafür ist der Crashtest-Dummy, der in den USA verwendet wird. Er wurde 1970 entwickelt und bildet den damaligen Durchschnittsamerikaner ab – allerdings nur den männlichen. Weibliche Crashtest-Dummies gibt es nicht, obwohl sie die Überlebensrate bei einem Crash deutlich verbessern werden würden, worauf seit Jahren vergeblich hingewiesen wird.

Hälfte der Frauen hat Angst in der Stadt

Ebenso vernachlässigt wird die Angst von Frauen, sich vor allem nachts durch Städte zu bewegen. Sicherer Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist nach wie vor ein männliches Privileg. Untersuchungen zufolge ist die mangelnde Sicherheit von Frauen auf städtischen Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln weltweit so besorgniserregend, dass mehr als 50 Prozent ihr Verhalten regelmäßig ändern und öffentliche Räume meiden, um das Risiko von Belästigungen zu verringern. Sexuelle Belästigung tritt dabei in sämtlichen Städten rund um den Globus auf, sei es in Delhi, Lima, Sydney, London, Madrid oder Paris. Überall erzählen Frauen ähnliche Geschichten wie diese 27-Jährige: „Schreckliche Bushaltestelle für die Nacht. Wurde hier belästigt und habe versucht, irgendwie nach Hause zu kommen“. Über diese Belästigungen und die Auswirkungen auf die alltägliche Mobilität von Frauen wird sehr wenig diskutiert – und messbare Verbesserungen des städtischen Verkehrssystems lassen weiter auf sich warten.

Mobilität als Grundrecht für alle

Dieses Phänomen Women’s Anxiety wird aber nicht einfach verschwinden, im Gegenteil: Das Thema wird für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Mobilität noch an Relevanz gewinnen. Um eine inklusive Mobilität zu erreichen, müssen sich Städte und ihre Verkehrsmittel verändern – indem sie echte öffentliche Räume bereitstellen und die Bedürfnisse von Frauen achten, Ridesharing für Frauen anbieten, das kostenlose Absetzen vor der Haustür. Es braucht sichere Räume und Zugänge – und Dienste, die alle Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit überallhin befördern. Corona hat klargemacht: Mobilität ist ein Grundrecht. Bewegungseinschränkungen dürfen nur Maßnahmen für die Ausnahme sein, aber nicht der Regelfall.