Tschüss Verbrenner! Warum sich E-Autos schnell durchsetzen werden

Die Politik hat sich durchgesetzt. Was die Automobilindustrie nie wollte, ist tatsächlich eingetreten: Dieselfahrzeuge und Benziner werden schon bald Vergangenheit sein, ebenso der Hybridantrieb. Warum die Zukunft der Antriebe dem Elektromotor gehört. – Ein Auszug aus dem Mobility Report 2022 von Dr. Stefan Carsten.

© Pixabay/Gerd Altmann

Nicht die Kundinnen und Kunden haben entschieden, auch nicht die Automobilindustrie: Dass wir in Zukunft endlich sauber mobil sein dürfen, hat die Politik durchgesetzt, unter anderem mit einer Reihe von Kaufanreizen. In Europa haben zudem verschiedene weitere Faktoren ab dem ersten Quartal 2020 ein drastisches Wachstum der Elektrofahrzeuge unterstützt – allen voran das verstärkte Bewusstsein für die Auswirkungen der Mobilität fossiler Brennstoffe auf die Luftqualität, aber auch die Einführung neuer Elektrofahrzeuge.

Quelle: CleanTechnica

Nicht nur in Europa bleibt Norwegen das Maß aller Dinge: Drei Viertel aller Pkw-Neuzulassungen sind dort entweder reine Batteriefahrzeuge oder Plug-in-Hybride. Auffällig ist, dass reine Elektroautos europaweit deutlich mehr Stückzahlen erreichen als Plug-in-Hybride, während sich in Deutschland die Zulassungszahlen von BEV und PHEV ungefähr die Waage halten.

Dies dürfte vor allem an der spezifischen Fördersituation liegen: In Deutschland erhalten Kundinnen und Kunden einen Umweltbonus von 6.750 Euro für einen Hybrid, also fast so viel wie für ein reines Elektroauto (bis zu 9.000 Euro). Perspektivisch sind die Tage der Hybride jedoch gezählt: Ihr CO2-Einsparpotenzial ist nicht ansatzweise ausreichend, im realen Fahrbetrieb sind Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen eines PHEV rund zwei- bis viermal höher als die offiziellen Zulassungswerte. Die Boni für Hybride sind also keine Maßnahme für mehr Nachhaltigkeit. Immer mehr Regierungen schließen Plug-in-Hybride deshalb auch von Anreizprogrammen aus.

Automobilhersteller legen nach

Ob Städte – wie die Vorreiter Paris, Amsterdam und Los Angeles – oder Regierungen: Immer mehr Akteure und Akteurinnen verstehen die Symbiose aus Nachhaltigkeit und Innovation als zentralen Zukunftsfaktor.

Als erster Automobilhersteller hat General Motors das Ende der fossilen Ära ausgerufen: Ab 2035 will das Unternehmen nur noch Pkw verkaufen, die lokal emissionsfrei betrieben werden, bis 2040 soll der gesamte Konzern CO2-neutral sein. Ein großes Ziel, das schnell Nachahmer gefunden hat, zuerst die Konkurrenten Volvo und Jaguar, dann den Fahrdienstleister Uber. So fällt ein fossiler Dominostein nach dem anderen.

Insgesamt ist der Trend klar: Die Elektrifizierung der Antriebe, über die so viele Jahre diskutiert wurde, vollzieht sich plötzlich rasend schnell. Begleitet wird dieser Sprung in Richtung E-Mobilität von einer Modelloffensive der Hersteller, bis 2024 hat die Industrie 600 neue E-Auto-Modelle angekündigt.

Mobilitätstrends Dr. Stefan Carsten

Mobility-Trends 2022: Eine neue Ära der Mobilität

Die neuen Dienste der Multimodalität und des Sharings befinden sich in einer Konsolidierungsphase, gleichzeitig vollzieht die Automobilindustrie die radikalste Transformation seit Jahrzehnten. Damit werden gänzlich neue Konvergenzszenarien aus den Systemen Kundschaft, Technologie und Daten möglich.

Politischer Green Pressure – weltweit

Derzeit ist der E-Markt rein regulatorisch getrieben. So müssen die Hersteller die durchschnittlichen CO2 Emissionen ihrer Fahrzeugflotten in der EU bis 2030 um knapp 40 Prozent senken – ansonsten drohen Strafzahlungen von 95 Euro pro Gramm CO2, das von der laufenden EU-Norm abweicht. Die Autohersteller sind also gezwungen, so viele Elektroautos wie möglich abzusetzen, um zu verhindern, dass die EU die Daumenschrauben künftig noch mehr anzieht.

In China beschloss die Zentralregierung bereits 2019, die Anreize für Elektroautos bis Ende 2021 zu verlängern. Bis 2025 sollen EVs (Electric Vehicles) 20 Prozent der Neuwagenverkäufe ausmachen – aufgrund der politischen Förderungen und der Kundenpräferenzen ist aber auch ein Marktanteil von 50 Prozent möglich. In den USA soll auch die Einrichtung von 500.000 öffentlichen Ladestationen bis zum Jahr 2030, zusätzlich zu den bereits 90.000 vorhandenen, dazu beitragen, die Klimaziele der Biden-Administration zu erreichen.

Neues Spiel, neue Spieler

Die Automobilindustrie hat somit keine andere Wahl, als ihr Portfolio möglichst schnell und weitgehend zu elektrifizieren, auch um das Image der dreckigen Autohersteller loszuwerden. Mit General Motors, Volkwagen und Hyundai gibt es etwa drei prominente Beispiele, die ihr Budget für Elektrifizierung zuletzt massiv erhöht haben. Daneben drängen aber auch neue Player ins Rampenlicht.


Dutzende Hersteller, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden, wollen sich im sich neu formierenden Elektromarkt positionieren. Viele aufstrebende Akteure stechen dabei mit massiven Finanzmitteln aus der Masse heraus, insbesondere chinesische Hersteller erhalten explodierende Bewertungen. So sind aktuell Li Auto, Xpeng oder Nio teilweise sogar deutlich höher bewertet als etwa BMW. Auch in den USA und in Europa bereiten eine Reihe von aufstrebenden Herstellern ihre Produkteinführungen vor. Dazu zählen unter anderem Rivian, Fisker, Nikola, Lucid, Canoo und Lordstown (alle USA), Arrival (Großbritannien), Sono Motors (Deutschland), Volta Trucks (Schweden) und Microlino (Schweiz).

Die Reichweitenfrage

Prinzipiell ist die elektrische Mobilität trotz geringerer Reichweiten unproblematisch zu realisieren. So macht die Reservierung von Ladeslots auf der Basis von Echtzeitinformationen die hektische Suche nach elektrischer Ladung eigentlich obsolet. Schon heute kann man vom Nordkap bis nach Sizilien rein elektrisch unterwegs sein, die tatsächliche Reisezeit wird im Vergleich zu herkömmlichen Fahrten kaum anders aussehen. Voraussetzung dafür sind allerdings Navigationssysteme, die wissen, welche Ladesäule wo zur Verfügung steht – und zwar über alle Anbieter hinweg.

Auch deshalb herrscht bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern noch die Skepsis vor. Um diesen Vorbehalten entgegenzuwirken, sind nun insbesondere in den ersten Jahren des Übergangs Investitionen in die Ladeinfrastrukturen gefordert. Das schnelle Laden von Elektroautos braucht eine Hochleistungsinfrastruktur von bis zu 350 Kilowatt – „normale“ Schnellladestationen am Straßenrand liefern nur 100 bis 150, die heimische Steckdose sogar nur 3,7 Kilowatt. Tankstellen könnten die Zentren einer neuen Hochleistungsinfrastruktur sein, sofern sie sich frühzeitig entsprechend positionieren, denn neue Anbieter, die ihnen das Monopol auf die Energie der Mobilität streitig machen wollen, stehen bereits in den Startlöchern.

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6 Faktoren, warum sich E-Autos schnell durchsetzen werden

Obwohl bereits 21 Prozent der deutschen Neuwagenkäuferinnen und -käufer Elektroautos als das „perfekte Alltagsfahrzeug“ sehen, sind viele noch immer skeptisch gegenüber den Vorteilen der neuen Technologie. 46 Prozent zweifeln sogar daran, dass das Elektroauto künftig klassische Verbrenner ablösen wird. Diese Bedenken verflüchtigen sich jedoch schnell, sobald praktische Erfahrungen mit Elektroautos gesammelt werden. Einer britischen Studie zufolge wollen 91 Prozent der Besitzerinnen und Besitzer von E-Autos nicht mehr zu einem Benzin- oder Dieselfahrzeug zurückkehren. Im Kern sind es sechs Faktoren, die dafür sorgen, dass sich Elektroautos sehr schnell durchsetzen werden:

  • Fallende Kosten: Heute bilden die Kosten noch eine der größten Hürden für den Kauf eines Elektroautos, doch dieses Argument wird schnell obsolet. Schon innerhalb der nächsten fünf Jahre werden Elektrofahrzeuge in vielen Teilen der Welt die wirtschaftlichste Option beim Autokauf sein.
  • Umweltfreundlichkeit: Die Behauptung, E-Autos seien in der Nutzung und Produktion nicht umweltfreundlich, ist mittlerweile von diversen Studien widerlegt worden. Tatsächlich sind Batteriefahrzeuge schon heute in der Summe umweltschonender als Verbrenner. Dieser Vorsprung wird künftig noch größer, durch neue Explorationstechniken, Recyclingmaßnahmen und technische Innovationen im Bereich Batterietechnik.
  • Energieeinsparung: Gerade in Zeiten der Energiewende müssen energiesparende Effekte genau kalkuliert werden, um die Auswirkungen auf die Produktion regenerativer Energien zu minimieren. Ein E-Auto verbraucht dreimal weniger Energie als ein Auto mit Wasserstoff und Brennstoffzelle (Fuel Cell Electric Vehicle, FCEV) und mehr als sechsmal weniger Energie als ein Auto, das mit synthetischem Kraftstoff angetrieben wird (E-Fuel).
  • Fahreigenschaften: Die Beschleunigung eines Elektroautos ist sehr viel stärker und die Höchstgeschwindigkeit absolut vergleichbar mit Verbrennern.
  • Weniger Wartung und Verschleiß: Aufgrund der sehr viel geringeren Komplexität des Antriebsstranges ist mit deutlich geringeren Reparaturanfälligkeiten und Betriebskosten zu rechnen.
  • Steigende Reichweiten: Die kommende Technologie der Festköperbatterie wird einen deutlichen Anstieg der Reichweite mit sich bringen, gleichzeitig werden das öfftenliche und das private Ladenetz weiter ausgebaut. Das gilt auch für induktives Laden.

Elektroautos sind gekommen, um zu bleiben

Auch wenn einige noch immer das Für und Wider der Elektromobilität diskutieren: Der Wandel ist irreversibel, die Zukunft wird elektrisch sein – und zwar rein elektrisch. Dreckige Antriebe werden dagegen aus nahezu jeder Stadt und jedem Land hinausgeworfen. Tschüss Verbrenner, willkommen E-Antrieb!

Die Mehrheit der Kundinnen und Kunden muss noch zu ihrem E-Glück gedrängt werden – doch sie werden es nie bereuen: Schon nach wenigen Kilometern im Elektroauto will niemand mehr zurück in die Welt der Verbrenner. Größter Treiber sind deshalb die nationalen und lokalen Regierungen, die sich schon jetzt für die Zukunft entscheiden. Hinzu kommt, dass heute viele Akteure Elektroautos bauen und verkaufen können, und die Vorschusslorbeeren der Finanzinstitute sind ihnen dabei gewiss. Das verändert den Markt drastisch: Von der niedrigpreisigen Tiny-Car-Nische bis ins höchstpreisige Luxussegment wird die E-Volution eine große Vielfalt an Formen und Modellen schaffen.


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Der Megatrend Mobilität beschreibt die Entstehung einer mobilen Weltkultur, getrieben von einem immer facettenreicher und differenzierter werdenden Angebot an Mobilität. Neue Produkte und Services verändern und erweitern dabei die Perspektive auf und die Nutzung von Verkehrsmitteln. Die Mobilität von morgen wird definiert durch das Ineinandergreifen von Arbeit, Wohnen und Freizeit. Von A nach B zu kommen, reicht künftig nicht mehr aus – entscheidend in einer multimobilen Welt sind: Erlebnis, Nachhaltigkeit und Gesundheit.