Mobilität nach Corona: Sozialer, sauberer, sicherer

Die Auswirkungen der Corona-Krise trafen uns mit voller Wucht, wir wurden nahezu bewegungslos. Für viele offenbarte sich zum ersten Mal, welche Bedeutung Bewegung, Mobilität und auch digitale Mobilität haben. Diese Erfahrungen werden auch unser Mobilitätsverständnis nach Corona prägen.

Von Dr. Stefan Carsten

Illustration: Julian Horx

Mobilitätsreiche schenken Mobilität

Die Corona-Krise stellt für Individuen, Unternehmen und Staaten, letztlich für die gesamte Welt eine enorme Herausforderung dar. Und für einige wurde sie zur echten Lebensgefahr: Die Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören, etwa aufgrund bestimmter Vorerkrankungen oder eines geschwächten Immunsystems, sind immens in ihrer Mobilität eingeschränkt worden, allein im deutschsprachigen Raum betraf – und betrifft – das Millionen von Menschen. Insbesondere für sie werden wir künftig mobil sein müssen. Wir, das sind die Mobilitätsreichen: Menschen, die das Privileg sämtlicher mobiler Möglichkeiten haben und diese auch zu nutzen wissen.

Dass und wie Mobilitätsreiche künftig stärker eingebunden werden, zeigten schon zu Beginn der Krise die Aufrufe in Nachbarschaftsforen, Hausfluren oder sozialen Netzwerken. Angeboten wurde Unterstützung beim Einkaufen, beim Ausführen von Haustieren, bei Erledigungen aller Arten – oder einfach nur Gespräche, per Telefon oder über das Internet. Organisiert wurde das Engagement über Tauschbörsen, Nachbarschaftshilfen und neue soziale Errungenschaften.

Inklusive Mobilität setzt sich durch

Nach der Krise werden auch inklusive Mobilitätsstrategien an Bedeutung gewinnen. Die Pandemie hat uns verstehen lassen, dass es Mobilität für alle Menschen braucht. Inklusion bedeutet gleiches Recht und gleiche Mobilität für alle. Jeder Mensch braucht Anschluss und Sicherheit bei der Ausübung von Mobilität. Dass etwa Frauen noch immer in Gefahr sind, wenn sie sich allein durch die nächtliche Stadt bewegen oder auch nur auf den Bus oder die Bahn warten, wird nach der Krise immer weniger tolerierbar sein. Um dies zu erreichen, müssen sich auch Städte und Verkehrsmittel verändern: indem sie echte öffentliche Räume bereitstellen – und indem sie die Bedürfnisse von Frauen achten, spezielles Ride-Sharing anbieten, kostenloses Absetzen vor der Haustür.

Corona hat auch klar gemacht, wie fatal erzwungene Immobilität ist. Das gilt sowohl für Frauen und Kinder, die während der Corona-Krise verstärkt häuslicher Gewalt ausgesetzt waren, als auch für die mehr als 20.000 Menschen im griechischen Flüchtlingslager Moria, das ursprünglich für 3.000 Menschen ausgelegt war und während der Krise zum Schauplatz einer humanitären Katastrophe wurde. In dem Lager war social distancing zum Schutz vor dem Corona-Virus vollkommen unmöglich, Strom, sauberes Wasser und Seife waren nicht ansatzweise vorhanden, schon gar nicht für Kinder.

Das Grundrecht auf saubere Luft und sichere Mobilität

Vor der Corona-Krise waren wir es gewohnt, uns in dreckigen Städten zu bewegen. Die Luft war mit industriellen, verkehrlichen und baulichen Maßnahmen so sehr belastet, dass wir uns an die damit verbundenen Krankheiten der Atemwege, Schleimhäute, Bronchien und des Herzkreislaufsystems gewöhnt hatten. Die „Das Corona-Virus führte uns vor Augen, wie stark die Lebensqualität der Städte mit ihrer Mobilität verbunden ist.“ physischen Erkrankungen wurden zunehmend ergänzt durch psychische, denn das Leben in einer dichten Stadt, voller Lärm und Stress, wirkt sich negativ auf das psychische Wohlbefinden aus. Nie war das deutlicher spürbar als in Zeiten des Stillstands, als plötzlich der Himmel frei von Kondensstreifen, die Luft sauberer von Abgasen den je war und die Lärm der Stadt auf ein Minimum reduziert. Das Corona-Virus führte uns vor Augen, wie stark die Lebensqualität der Städte mit ihrer Mobilität verbunden ist – und dass es gilt, all diese Beeinträchtigungen umgehend zu bekämpfen.

In Zukunft werden wir uns daher nicht mehr mit kleinen Schritten zufriedengeben. Wir brauchen die große Transformation von Stadt, Raum und Mobilität. Die Stadt Mailand hatte schon vor der Pandemie eine Gesundheitsstrategie verabschiedet, die unter anderem vorsah, dass bis zum Jahr 2030 drei Millionen neue Bäume gepflanzt werden, zur Eindämmung des Klimawandels und für eine saubere Luft, die uns widerstandsfähiger gegen Viren macht. Doch Bäume sind nur einer von vielen Indikatoren für die Luftqualität. Die Corona-Krise machte klar, dass wir einen echten Systemwechsel in der Mobilität brauchen: weg von einer fossilen Mobilität, die auf Technik fokussiert, hin zu einer postfossilen Mobilität der Menschen und der Bewegung. E-Fahrzeuge sind nur der erste Schritt in dieser großen Transformation.

Eine immer größere Bedeutung wird dabei auch dem Fahrradfahren zukommen. Während der Krise legte die Stadt Bogotá zusätzlich zum bestehenden Netz 76 Kilometer temporäre Radwege an, um den täglichen Ansturm auf den öffentlichen Personenverkehr zu verringern und die Ausbreitung des Virus einzudämmen – und gleichzeitig die Luftqualität zu verbessern, eines der dringlichsten Problemfelder der Stadt. 22 Kilometer der neuen Radspuren wurden durch den gezielten Umbau von Autostraßen zu Radwegen gewonnen, um aktives Mobilitätsverhalten noch stärker zu fördern. „Das Fahrrad ist als individuelles Transportmittel eine der hygienischsten Alternativen zur Vorbeugung des Virus“, erklärte das Büro des Bürgermeisters. Fahrradfahren stärkt das Immunsystem und die Lungen – und hält das Risiko, sich zu infizieren, äußerst gering. Viele Städter, die das Fahrrad während der krise als Transportmittel für sich entdeckten, werden auch danach dabei bleiben.

Verkehrsräume werden zu Mobilitätsräumen

Viele Städte und Regionen sahen sich schon vor der Corona-Krise mit einer Neubewertung ihrer Verkehrsstrategie konfrontiert. Diese Entwicklung wird durch das Virus stark an Fahrt aufnehmen. Auch wenn das Auto als individueller Schutzraum im Zeichen der Krise höher im Kurs stand, setzen Städte immer stärker auf eine aktive Mobilität, die die Gesunderhaltung fördert und einen nachhaltigen gesellschaftlichen Nutzen stiftet. Deswegen wird Autos künftig immer mehr Straßenraum weggenommen werden, zu Gunsten von Radfahrern, Fußgängerinnen und öffentlichem Verkehr. Der öffentliche Raum wird viele seiner urbanen Funktionen zurück erhalten, als Ort spontaner Begegnungen und des Austausches. Die Städte mobilisieren sich und ihre Einwohnerinnen und Einwohner.


Die französische Bürgermeisterin Anne Hidalgo plant für den Fall ihrer Wiederwahl die Einführung eines Radweges in jeder Straße der französischen Hauptstadt. Dafür will sie bis 2026 350 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Dieses neue Paris-Gefühl auf den Straßen entsteht vor allem zu Lasten von Parkplätzen: Rund 60.000 von heute 133.000 Parkplätzen werden zu Gunsten der Radwege umgestaltet. Eine Maßnahme, die auch ökonomisch sinnvoll ist: Medizinische Studien weisen 25 Prozent weniger Krankheitstage für jene Menschen aus, die mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln.

Spätestens seit dem Dieselskandal von 2015 war der Zusammenhang von Gesundheit und Mobilität in aller Munde. Doch der teilweise Ausschluss von Dieselfahrzeugen aus deutschen Innenstädten konnte die Schadstoffbelastung nicht flächendeckend verbessern. Die gesundheitlichen Folgen: Rußpartikel lagern sich in der Lunge ab, Benzol kann das Blutbild verändern, Stoffe wie Formaldehyd reizen die Schleimhäute von Nase und Augen, generell steigt damit das Risiko von Krebserkrankungen. Dass während der Corona-Krise in vielen Ländern auch der Autoverkehr einbrach, verbesserte umgehend die Luftqualität.

Die Mobilität von morgen ist touchless

Als 2003 das SARS-Virus in Asien kursierte, setzte nicht nur in der asiatischen Wirtschaft und Politik, sondern auch bei den Konsumentinnen und Konsumenten ein Umdenken ein. Fortan wurde „touchless“ zum Synonym für Gesundheit und fortschrittliches Denken – das Bezahlen im Supermarkt oder im Restaurant, das Betreten von Häusern durch automatische Türen, das Benutzen des ÖPNV mit elektronischen Ticketsystemen oder das kontaktlose Bedienen von Armaturen. Das Bezahlen mit Bargeld wurde in Asien plötzlich nicht nur als rückständig betrachtet, sondern als echte Bedrohung. 2019 waren China, Indien und Indonesien die Staaten mit der weltweit höchsten Durchdringung von Mobile Payment. Wurde in unseren Breiten während der Corona-Krise vor allem nach Desinfektionsmitteln gefragt, lebten viele Gesellschaften bereits nahezu touchless. Dies wird auch hierzulande einer der wichtigsten Trends nach Corona sein, Angebote und Nutzungsverhalten werden sich in dieser Hinsicht stark verändern.

Gerade im öffentlichen Personenverkehr bedeutet das eine Vielzahl von Optionen, um das Reisen in Zukunft nicht nur sicherer, sondern auch komfortabler und benutzerfreundlicher zu machen. Schon bald werden wir unsere Tickets für den Bus oder die Straßenbahn nicht mehr beim Fahrer kaufen (eines der ersten Dinge, die nach Ausbrechen des Corona-Virus ausgesetzt wurden), sondern uns automatisch ins Verkehrssystem einchecken. Die Abrechnung erfolgt automatisch und wird vom persönlichen Guthaben abgebucht (All-Inclusive Mobility) oder am Ende des Tages erstellt, wenn das System weiß, ob nur ein Einzelfahrschein oder ein Tagesticket zu bezahlen ist. Schließsysteme für Türen werden automatisch oder per Stimme gesteuert.

Davon wird auch die Car-Sharing-Branche profitieren, um das Vertrauen der Konsumenten schnell zurückzugewinnen. Voice Control wird den Zugang zu Car-Sharing-Diensten nicht nur erleichtern, sondern auch deren Nutzung unterstützen. Einzig das Lenkrad wird dann in einem Car-Sharing-Auto noch anzufassen sein – zumindest so lange, bis wir uns in autonomen Fahrzeugen bewegen lassen.

Mobilität als Schlüsselelement für Lebensqualität

Die Instrumente für eine zukunftsfähige Entwicklung der Mobilität existieren schon heute, viele werden bereits gelebt oder getestet. Progressive Städte wie Paris, Sydney oder Stockholm zeigen, wie der Umbau einer Stadt zum Wohle aller funktionieren kann. Städte, deren Mobilität auf aktivem Verhalten beruhen, sind gesamtgesellschaftlich erfolgreicher und wohlhabender, die Bewohnerinnen und Bewohner sind gesünder und zufriedener, die Lebensqualität steigt, es gibt weniger Tote und Verletzte durch Verkehrsunfälle. Da sich in diesem Prozess auch vermehrt innovative Firmen ansiedeln und die Stadt für hochqualifizierte Arbeitskräfte immer attraktiver wird, schließen sich gesellschaftliche und ökonomische Kreisläufe. Hochqualifizierte Stadtbewohnerinnen und -bewohner werden dreckige Luft künftig nicht mehr tolerieren, sondern eine Umwelt einfordern, die sie gesund hält. Damit wird die gesunde Stadt zum Leitbild für immer mehr Städte und Gemeinden.

„Gesund“ umfasst nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gesundheit. Da Schadstoffe und Lärm Einfluss auf beide Aspekte haben, werden beide Emissionen nach der Pandemie ganz oben auf die politische Agenda rücken müssen. Anstatt sich im Verkehrsstau zu quälen, schlechte Laune und psychischen Stress zu erleiden, werden künftig immer mehr Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und immer häufiger auch mal im Home Office arbeiten. Auch das entlastet die Stadt. Die starke Eindämmung negativer Verkehrsfolgen hat die Luftqualität bereits verbessert – der Anspruch darauf wird in der Mobilitätswelt nach Corona lauter und drängender sein.

Auch die Wirtschaft wird sich künftig viel stärker um das Thema Mobilität kümmern. Schon vor der Corona-Krise waren wir infolge unseres Büroalltagslebens eine Indoor-Gesellschaft: Wir verbrachten rund 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen ohne genügend Tageslicht und frische Luft, Rückenleiden waren zur Volkskrankheit geworden und zur zweithäufigsten Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Auch dies war eine Ausprägung der Bewegungslosigkeit unserer Zeit. Künftig werden nicht mehr ausschließlich PKW als Incentivierungsmodell angeboten, sondern zunehmend Fahrräder, Umweltkarten oder Mobilitätsbudgets. Der Arbeitsweg sollte im Interesse aller bewegungs- und abwechslungsreichere Modi berücksichtigen.

Und: Künftig werden wir uns viel stärker um jene Menschen kümmern, für die Mobilität immer schwieriger durchzuführen ist. Die Einschränkung in der Mobilität, die die Corona-Krise erzwang, wird für viele Menschen künftig alltäglich sein. Sie brauchen unsere Unterstützung. Dafür gilt es, Modelle des Zusammenlebens, der sozialen Praktiken und der Unterstützung anzuwenden und auszuweiten. Damit die, die mobil sind, ihre Fähigkeiten zur Mobilität teilen können.



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