Smart Cities: Der Mensch macht's

Wo bleiben die Bewohner im Konzept der „Smart City“? Damit smarte Städte nicht zu Geisterstädten werden, müssen die Stadtplaner die Zivilgesellschaft miteinbeziehen. 

Von Alex Willener (09/2016)

Alles wird smart – nicht nur Handys, sondern seit einiger Zeit auch Städte. Wenn wir im Internet das Stichwort "Smart City" eingeben, erscheinen Pläne von infrastrukturlastigen, geordneten und sauberen Stadtansichten, in denen die Menschen größtenteils fehlen. Das Ungeordnete und Chaotische unseres städtischen Lebens hat in einer Smart City keinen Platz. Das ist ziemlich langweilig.

Ein Blick auf die konzeptionellen Grundlagen der Smart City zeigt: "Smart" wird mit technologiegetrieben gleichgesetzt. Es geht es um neue digitale Errungenschaften, die Lösungen für städtische Herausforderungen liefern und das Leben einfacher machen sollen. Dies erinnert stark an die Technikgläubigkeit der Sechzigerjahre – Technologie als Allheilmittel.

Der US-Stadtforscher Adam Greenfield kritisiert in seinem Buch "Against the Smart City" (2013), dass von den Stadtbewohnern in den Smart-City-Konzepten wenig zu lesen ist. Sie kommen allenfalls am Rande vor: als Konsumenten, deren Gewohnheiten von technischen Systemen beobachtet und gesteuert werden.

Dabei sollte die Smart City für die Bewohner da sein: Gemäß der Website smartcity-schweiz.ch ist der Anspruch einer Smart City maximale Lebensqualität zu bieten und Nachhaltigkeit zu fördern. Demzufolge muss auch die soziale Dimension miteinbezogen werden. Städte sind nicht denkbar ohne Menschen, ohne gesellschaftliche Vielfalt, ohne den bunten Mix von Bewohnern und Besuchern jeden Alters und jeglicher Herkunft. Nur sie füllen das Stadtleben mit ihren Geschichten und Aktivitäten.

Das Smart-City-Konzept kann als ein neues Stadtideal betrachtet werden. Stadtideale sind genährt von der Idee, die Städte durch eine übergeordnete Vision für die Menschen besser zu machen – häufig verbunden mit einem wirtschaftlichen, ästhetischen und gesellschaftlichen Programm. Letzteres fehlt im Smart City Ansatz weitgehend.

Im Grunde geht es also um Stadtentwicklung – aber wer entwickelt die Stadt, damit sie smarter, grüner oder lebenswerter wird? Werden räumliche Entwicklungen zielgerichtet und planmäßig von übergeordneten Instanzen gesteuert? Oder entstehen sie eher unbeabsichtigt, zufällig oder als Auswirkung (oder Nebenwirkung) des Handelns verschiedenster Akteure?

In diesem Zusammenhang ist das Verhältnis zwischen Top-down und Bottom-up interessant: Top-down steht für ein herkömmliches Planungsverständnis, bei dem planende Behörden Grundlagen setzen und Grundeigentümer sowie Investoren für die bauliche Umsetzung sorgen. Bottom-up meint dagegen, dass auch Menschen Stadt entwickeln, ohne dass sie dazu eingeladen werden.

Zivilgesellschaftliche Akteure, die sich für bestimmte Entwicklungen einsetzen oder dagegen wehren, prägen das Stadtgefüge entscheidend mit. Nicht mit Planungshoheit und Kapital, sondern mit phantasievollen Aktionen, mit Initiativen wie Urban Gardening, kreativ-kulturellen Zwischennutzungen oder mit Widerstand, Besetzungen und Aneignungen von Brachflächen. Wir können dieses Engagement als "Stadtentwicklung von unten" bezeichnen. Eine attraktive, kreative, vibrierende Stadt lebt nicht zuletzt von solchen Impulsen.

Es gibt – zum Glück – ein menschliches Bedürfnis, zu gestalten, sich zu engagieren, Dinge zu verändern, Begeisterung und Solidarität zu teilen oder sich gegen unerwünschte Entwicklungen zu wehren. Guerrila Gardening, öffentliche Bücherschränke, Repair Cafés oder Initiativen gegen Foodwaste – all das sind im Grunde lustvolle und begegnungsfördernde Ansätze, eine Stadt nachhaltiger zu machen.

Ein Beispiel: Das alte Hallenbad von Luzern musste 2012 schließen. Diese Lücke nutzt nun ein breit abgestütztes Netzwerk von engagierten Menschen. Die "Initiative Neubad" erhielt von der Stadt einen vorerst bis 2017 befristeten Vertrag und startete im September 2013 mit dem Betrieb. Aus rund 8000 Stunden Freiwilligenarbeit entstanden bis zur Eröffnung ein Bistro, Räume für kulturelle Anlässe, Ateliers, Büros für Startups, NGOs und Initiativen aller Art, ein Gemüsegarten auf der Terrasse und vieles mehr.

Als Mittelweg aus dem Gegensatz zwischen Top-down und Bottom-up kann eine interaktionistische Sichtweise von Stadtentwicklung dienen: die Stadt als sich ständig wandelndes Resultat von ungeplanten sozialen, politischen und ökonomischen Prozessen und als Ergebnis von räumlicher Planung, Entwicklung und baulicher Gestaltung. Der städtische Raum entwickelt sich letztlich aus der Summe zahlreicher Einzelentscheidungen von Akteuren auf verschiedensten Ebenen, die dem allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel unterworfen sind und diesen wiederum beeinflussen. Soll das Smart-City-Konzept in Städten Erfolg haben, müssen deren Befürworter zivilgesellschaftliche Kräfte miteinbeziehen. Nicht nur im Sinne von eingeladener Partizipation, um die Bevölkerung mittels dialogischer Verfahren und Workshops mitreden zu lassen. Sondern auch durch Anerkennung und Einbindung gesellschaftlicher Initiativen aller Art. Denn diese könnten dazu verhelfen, eine Smart City vielfältiger und lebendiger zu machen.

Der frühzeitige Einbezug von Bewohnern und von Bottom-up-Initiativen in Smart City-Projekte ist ein mehrfacher Gewinn: Bedenken und Befürchtungen kann von Anfang an Rechnung getragen werden, aus Betroffenen werden Beteiligte. Und: Lokales Wissen und Ressourcen fließen in das Vorhaben ein.

Richtig smart ist eine City also erst dann, wenn die Beteiligung ihrer Bewohner gefördert wird. Technologie kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten – solange sie kein Selbstzweck ist.

Über den Autor

Foto: Herbert Fischer

Alex Willener, MSc Sozialwissenschaftler, lehrt und forscht am Kompetenzzentrum für Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule Luzern zu Themen und Methoden der sozialen Stadt- und Gemeindeentwicklung. Im Bereich der angewandten Forschung und Entwicklung leitet er interdisziplinäre und partizipative Projekte in Quartieren, Städten und Gemeinden.

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