„Eine völlig neue Art, sich fortzubewegen“

Heiko Schweickhardt und seine Kollegen von der iCradle GmbH wollen das Fahrrad intelligent machen. Damit soll ein neues Mobilitätszeitalter anbrechen

Quelle: Trend Update 02/2015

© COBI GmbH

Frankfurter Bahnhofsviertel, gentrifizierter Teil. In einem hippen Café öffnet sich die Tür. Herein kommt ein hagerer junger Mann, unauffällig gekleidet. Setzt sich. Bestellt einen frischen Minztee. Und beginnt von der Zukunft zu erzählen. In der Zukunft, sagt er, wird das Internet keine virtuelle Realität mehr sein, deren Zugang der Computer auf dem Schreibtisch ist. In der Zukunft liegt das Internet wie eine zweite Schicht über unserem täglichen Leben.

Natürlich ist Heiko Schweickhardt begeistert von Technologie. Jahrelang hat er für die Digitalagentur Razorfish als „Technical Director“ gearbeitet, ging auf die andere Seite des Planeten, nach Sydney, und kümmerte sich dort um die Abteilung „Emerging Experiences“. Doch die Arbeit in der Digitalagentur hat, wie alle Jobs, ihre befriedigenden, aber auch ihre frustrierenden Seiten. „Mit einem E-Bike zu fahren, fühlt sich an, als hätte man bionische Beine” Diese Frustration lässt sich vielleicht mit der eines Architekten vergleichen, der sein Leben lang wunderschöne Villen entwirft – in denen er selbst aber nie wohnen wird. „Wenn man so viele Jahre in der Dienstleistungsbranche arbeitet und mit digitalen Gadgets und dem technologischen Fortschritt in der Gesellschaft zu tun hat, kommt irgendwann der Wunsch hoch, dass man selber seine eigenen Ideen wirklich umsetzt.“ In Schweickhardts Hochdeutsch ist nach den Jahren in Frankfurt, Sydney und Berlin nur noch die Andeutung eines schwäbischen Einschlags zu erkennen.

Megatrend Smart Mobility

Gemeinsam mit Andreas Gahlert, Carsten Lindstedt und Tom Acland verließ er die Agentur und fing an, diese Zukunft, von der er seinen Agenturkunden immer erzählt hatte, selbst zu bauen. „Ein Haufen von Agenturaussteigern“ nennt Schweickhardt sie, die jahrelang technosoziale Entwicklungen beobachtet und die für sie wichtigsten längst identifiziert hatten: Den „Megatrend smarte Mobilität“.

Das Internet wird das Smartphone hinter sich lassen, so wie es schon den Desktop-Computer hinter sich gelassen hat, und Teil unserer Alltagsgegenstände werden – so die Prognose. Und einer der wichtigsten Alltagsgegenstände in einer Zukunft, in der die Menschen mobil sein wollen, immer mehr in die Städte ziehen und auf die Umwelt und ihre Gesundheit zugleich achten, wird das Fahrrad sein.

Speziell E-Bikes werden immer mehr zu „Spaßmaschinen“, wie Schweickhardt es ausdrückt: „Mit einem E-Bike zu fahren, fühlt sich an, als hätte man bionische Beine. Das ist nicht nur eine komfortablere Version des Radfahrens, sondern eine völlig neue Art, sich fortzubewegen.“ Wenn diese Spaßmaschinen jetzt auch noch intelligent werden, könnte das automobile Zeitalter, zumindest in der Stadt, bald endgültig vorbei sein.

COBI heißt das Produkt, das Schweickhardt und sein „Haufen von Agenturaussteigern“ verkaufen werden. Die Förderung durch die ersten Investoren und das Crowdfunding via Kickstarter war erfolgreich, und jetzt arbeiten sie fieberhaft an der Produktion.

COBI ist eine integrierte Hard- und Softwarelösung fürs Fahrrad. Neben der entsprechenden Smartphone-App besteht COBI physisch aus einer „Hub“ in der Mitte des Fahrradlenkers, auf der das Smartphone befestigt wird. Auch das Vorderlicht ist in die „Hub“ integriert, und das Rücklicht – mit integrierter Rückfahrkamera! – verknüpft sich per Bluetooth mit dem Gerät. Ein weiteres smartes Teil am Reifenventil misst den Luftdruck und gibt rechtzeitig Bescheid, wenn das Fahrrad mal wieder aufgepumpt werden muss. Gesteuert wird das Ganze mit einem simplen Fünf-Tasten-Bedienelement direkt neben dem Fahrradgriff. Das ist ein wichtiges Detail, denn das Bedienen von Touchscreens während der Fahrt ist nicht nur gefährlich, sondern auch alles andere als komfortabel – und Fahrrad- ebenso wie Autofahrern verboten. Mit einem einfachen Smartphone-Halter am Lenker ist COBI also nicht zu vergleichen.

Das Bike denkt mit

COBI, das „Co-Bike“, soll mit dem Bike verschmelzen wie das Bewusstsein mit dem Gehirn eines Menschen. Das Fahrrad selbst wird intelligent: Die Beleuchtung wird je nach Wetterverhältnissen automatisch heller oder dunkler, und bei einem versuchten Diebstahl geht die Alarmanlage los. COBI kann sich auf Wunsch auch mit Health-Tracking-Systemen (wie es z.B. in der Apple Watch integriert sein wird) verbinden und ein E-Bike so steuern, dass Pendler auf dem Weg ins Büro nicht ins Schwitzen kommen.

Schweickhardt ist Mitgründer und Head of Software der kleinen Firma, die ihre ersten Investoren schon gefunden hat und für die 2015 ein entscheidendes Jahr werden wird. Er lächelt und zuckt mit den Schultern. „Wir werden sehen, ob wir damit Erfolg haben, oder mit fliegenden Fahnen untergehen. Im Moment arbeiten wir jedenfalls wie die Verrückten.“

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Cornelia Kelber

Die studierte Germanistin und Journalistin ist seit 2010 für das Zukunftsinstitut tätig. Kelber arbeitet an Studienprojekten. Ihre Schwerpunktthemen: Marketing, Wertewandel und die Theorie der Zukunfts- und Trendforschung.