Eine Smart City bezieht die Intelligenz aller Einwohner mit ein

Interview mit Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der Columbia University in New York. Geboren 1947 in Den Haag, befasst sich die Autorin zahlreicher Bücher und Artikel vor allem mit Globalisierung und Migration. Sie gilt als Erfinderin des Begriffs „Global City“ und veröffentlichte im Jahr 2015 das Buch Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft.

Ein Auszug aus der Trendstudie FUTOPOLIS

1. In Deutschland sehen wir stetig steigende Mietpreise in Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg. Gleichzeitig werden viele zentral gelegene Wohnungen an Touristen vermietet. Wer wird in Zukunft in den Metropolen leben?

Die zunehmende Vermietung von Wohnungen an Touristen ist eine einflussreiche Entwicklung in immer mehr Städten. Wir stehen vor einer neuen Modalität: Unternehmen bauen kleine, bescheidene Unterkünfte für den Touristik-Markt – d.h. Kurzaufenthalte von Menschen, die bereit sind, für diese ordentlich zu bezahlen. Das lässt die Stadt verflachen, nicht nur durch uninteressante, standardisierte Gebäude, sondern vor allem dadurch, dass mehr und mehr Komponenten des Lebens in der Stadt von diesem elementaren Kommerz geprägt werden: Die Häuser werden nicht mehr von Menschen bewohnt, die dort ihr Leben leben, kleine Geschichten schreiben, eigenwillig dekorieren, Erinnerungen sammeln usw. All das ist vorbei und wird von einer unbestimmbaren Nutzenfunktion ersetzt, die ausschließlich der Ansammlung von Vermögen zuträglich ist.

Wenn wir die kommerziellen Vorgänge aus diesem Blickwinkel betrachten, fangen wir an, Cityness wertzuschätzen – dieser nicht greifbare, höchst wandlungsfähige Zustand, der den Unterschied macht.

2. In China, Südkorea oder den Vereinigten Arabischen Emiraten werden Städte mithilfe hochentwickelter Technologien am Reißbrett entworfen. Es scheint so, als ob Technologie die Antwort auf viele Fragen ist, die wir uns in Großstädten momentan stellen. Werden wir in Zukunft in Smart Cities leben?

Lassen Sie mich damit beginnen, das Konzept der Smart City näher zu beleuchten. In meiner Analyse der Smart City argumentiere ich gerne, dass die Smart City – trotz aller Technik – nicht existiert, solange sie es nicht schafft, die Intelligenz ihrer Einwohner einzubeziehen, und zwar wirklich aller Einwohner einer Stadt. Dies wird oftmals bei den Diskussionen zur Smart City übergangen. 

Eine Möglichkeit, dieses Schlüsselelement zu adressieren, ist, das „Smart“ der Smart City als Wissensschatz der und über die Stadt zu begreifen. Das Wissen über die Stadt, über das Bewohner von ärmeren Vierteln verfügen, unterscheidet das „Smart“ der Smart City als Wissensschatz der und über die Stadt zu begreifen sich grundlegend von dem Wissensschatz der Mittelschicht. Die Mittelschicht mit ihren Bedürfnissen, Möglichkeiten und Verhaltensmustern wird jedoch meist als Norm gesetzt. Ich glaube, dass Stadtverwaltungen ein Interesse daran haben (müssen), den Bedürfnissen der Mittelschicht gerecht zu werden – die in Großstädten oftmals den größten Sektor darstellt. Sie wird als eine Art Normalzustand angesehen, für den nicht allzu viele Untersuchungen angestellt werden müssen.

Über wen die typische Stadtverwaltung allerdings nicht viel weiß, das sind die sehr armen und die sehr reichen Stadtbewohner. Wie diese beiden Gruppen die Ressourcen der Stadt nutzen, ist nicht unbedingt leicht ersichtlich oder zugänglich. Und dennoch sollte erkannt werden, dass die Stadtverwaltung nicht all ihre technischen Entscheidungen auf Basis der Mittelschicht treffen kann. Sie muss die Armen miteinbeziehen, und sie muss verstehen, wie die sehr Reichen möglicherweise ihre Macht missbrauchen. Beispielsweise führt ihre Forderung nach möglichst viel städtischem Raum häufig dazu, dass untere Teile der Mittelschicht und die Armen aus ihrem langjährigen Lebensraum vertrieben werden.

Die Art und Weise, wie Stadtverwaltungen mit dem Kauf und der Anwendung hochentwickelter Technologien umgegangen sind, bestand oftmals darin, dass man die Technologie-Unternehmen kommen ließ, um ihre neuesten Entwicklungen vorzustellen. Viel unnötiges Zeug wurde gekauft, oftmals überteuert und nicht selten mit wenig Nutzen für die realen Probleme der Stadt. Das ist eine Verschwendung von öffentlichen Mitteln und Zeit. 

Die Herausforderung, die diese Verwaltungen aufnehmen müssen, ist herauszufinden, welche Probleme genau adressiert werden müssen und welche Technologien wie dabei behilflich sein können – das ist harte Arbeit. Das schließt all die verschiedenen Sektoren und Räume einer Stadt ein. Erst danach sollten die Technologie-Unternehmen gerufen, der Spieß umgedreht und gefragt werden: Wie könnt ihr uns hiermit helfen?

3. Städte sind komplex und chaotisch, Kontrolle scheint wünschenswert, aber selten erreichbar. Wie passt das zur Idee der Smart City? 

Zu viel Starrheit führt nirgendwohin in der Stadt. Wenn Unternehmen ankommen mit komplexen, aber geschlossenen Systemen und uns erzählen, dass diese unser Transportsystem, unsere Müllabfuhr, Polizei, Krankenhäuser etc. besser funktionieren lassen sollen, da bin ich mir nicht sicher, ob sie wissen, wovon sie reden. Sie wissen nur über die technologischen Komponenten Bescheid – inklusive der langen Liste von Dingen, die die Technik lösen kann. In der echten Welt hingegen erfüllt diese perfekte Liste von perfekten Anwendungen nicht unbedingt den besten Job, weil die Räume, auf die sie angewandt werden, alles andere als perfekt sind. Wir brauchen offene Systeme, die auf die Eigenheiten eines bestimmten Ortes, auf einen Unfall, auf eine kaputte Kanalisation oder Ähnliches eingehen können.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

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Städte sind die Staaten von morgen. Immer mehr Menschen leben weltweit in Städten und machen sie zu den mächtigsten Akteuren und wichtigsten Problemlösern einer globalisierten Welt. Doch Städte sind mehr als Orte, Urbanisierung beinhaltet mehr als den Wandel von (Lebens-)Räumen. Durch neue Formen der Vernetzung und Mobilität wird Urbanität vor allem zu einer neuen Lebens- und Denkweise.

 

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.