Menschen wollen beides: urbane und rurale Lebensqualität

Charles Landry ist ein britischer Urbanisierungsforscher und einer der wichtigsten Berater von Stadtplanern weltweit. Sein fortlaufendes Projekt „The Creative City“, das zum Werkzeugkasten für urbane Innovation geworden ist, umfasst inzwischen zwölf Punkte. Darin spricht er sich unter anderem für eine ausgeglichene Verbindung von globaler Kultur und lokalen Strukturen aus, sowie für die Förderung wirtschaftlicher Impulse, denen auch ein kultureller oder ethischer Mehrwert beiliegt.

Ein Auszug aus der Trendstudie FUTOPOLIS

Credit: Charles Landry

1. Megacitys stehen vor immensen infrastrukturellen Herausforderungen, die von offizieller Verwaltungsseite kaum noch zu bewältigen sind. Gerade in Ballungszentren der Dritten Welt nehmen informelle Siedlungsprozesse in der Stadtentwicklung zu. Wie sind diese zu bewerten?

Informelle Strukturen sind im Zusammenhang mit dem drastischen Bevölkerungswachstum, das einige Länder erleben, auch zukünftig nicht zu vermeiden. In Nigeria beispielsweise liegt die Fruchtbarkeitsrate bei 5,7 Kindern pro Frau, was bedeutet, dass das Land bevölkerungsmäßig bis 2050 voraussichtlich an den USA vorbeiziehen wird – bei einer Fläche, die so groß ist wie Deutschland und Frankreich.

Einerseits bringen die mit einer unkontrollierten Verstädterung einhergehenden informellen Prozesse die Gefahr von Korruption mit sich. Andererseits ist eine Innovation des Überlebens, eine „Innovation von unten“, genauso interessant wie Hightech-Innovation „von oben“. Zwar setzen sie meist einen kulturellen Kontext voraus, informellen Prozessen wohnt aber oft eine Intelligenz inne, von der auch europäische Städte lernen können. Sie entstehen aus den konkreten Bedürfnissen vor Ort und sind dabei teilweise wirtschaftlich sehr effizient. In den letzten Jahren sind so tatsächlich einige interessante Innovationen entstanden – wie beispielsweise M-Pesa in Kenia, ein mobiles Zahlungssystem über Mobiltelefone. 

2. Wie steht es um kreative Bottom-up-Potenziale in europäischen Städten?

In Europa entwickeln sich zunehmend dritte Kräfte, neue Bürgerbewegungen. Menschen möchten, auch in Bezug auf ihren städtischen Kontext, ernst genommen werden. Dies macht die kreative Bürokratie so wichtig! 

Europäische Bürokratie, wie sie aktuell praktiziert wird, steht unter enormem Druck, da sie Innovation bisher meistens eher hemmt. Gerade in Deutschland ist dieses Problem sehr präsent: Im Vergleich zu Finnland, Estland und den Niederlanden liegen deutsche Städte in Sachen Partizipation und urbane Innovation hinten. Offensichtlich ist auch mangelndes Vertrauen das große Problem, denn informelle Prozesse brauchen einen Vorschuss davon, um tatsächliche Ergebnisse zu produzieren. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Verwaltungen „The Letter of the Law“, also den Wortlaut der geschriebenen Gesetze, umsetzen wollen, oder „The Spirit of the Law“, den Geist des Gesetzes. Denn auch die Verwaltungen selbst und ihre ausführenden Institutionen müssen kreativer werden. Eine kreative Bürokratie mag wie ein Widerspruch klingen – doch sie zu erfinden ist eine Voraussetzung auf dem Weg zur Creative City. 

3. Wie können Stadtverwaltungen, auch in westlichen Ländern, kreative und innovative Potenziale fördern?

Es gibt bereits einzelne beispielhafte Bottom-up-Projekte, die von Stadtverwaltungen mitinitiiert und unterstützt werden, wie das Laboratorio para la Ciudad in Mexico City, das den Austausch zwischen der Regierung und der Zivilgesellschaft in konkreten gemeinsamen Projekten herstellt und explizit urbane Kreativität durch die Bürger ermöglicht. Auch die European Networks of Living Labs verstehen sich als „Open Innovation Ecosystems“, in denen strategische Partner aus der Industrie, der Forschung, aber auch der Zivilgesellschaft zusammenkommen, um Projekte zu realisieren.

In Lokalregierungen setzt sich zum Glück immer mehr die Erkenntnis durch, dass solche partizipativen Ansätze das Potenzial haben, Stadtqualität Fortschrittliche Verwaltungen erkennen, dass sie sich in einem Wettbewerb mit anderen Städten befinden zu erhöhen. Es werden inzwischen vermehrt Budgets freigesetzt, die auch Experimente zulassen. Innovation hat zwar nicht zwangsläufig etwas mit Partizipation zu tun, aber es ist ein wesentlicher Weg, um Kreativität freizusetzen. 

 

4. Welche Rolle spielen kreative Industrien in Bezug auf die Innovationskraft einer Stadt?

In „Creative City“ beschreibe ich die Bedeutung von Kultur und kreativen Industrien für die Stadt. Städte sollten diese Sektoren unbedingt fördern und für sich selbst auch sichtbar machen, welche Synergien und wirtschaftlichen Vorteile sie herstellen – zum Beispiel, inwiefern sie die Stadt auch für andere Industrien interessant machen. Allerdings kann es nicht um sie alleine gehen, denn auch der Gestaltungswille der Menschen vor Ort wächst. Die Verwaltung muss Formate entwickeln, die den kreativen Umgang mit Stadtraum für alle ermöglichen. Städte können durch ihre Bewohner eigene Alleinstellungsmerkmale und Potenziale entwickeln. In diesem Sinne ist eine wahrhaftig kreative Stadt nicht nur eine, in der viele Menschen aus dem kulturellen und kreativen Sektor leben, sondern ein Ort mit einer flexiblen, innovativen Alltagskultur, in die sich alle Bewohner einbringen können. Die Städte sollten den Wunsch nach Partizipation ernst nehmen, denn der globale Wettbewerb um talentierte und innovative Bürger nimmt zu. Fortschrittliche Verwaltungen erkennen, dass sie sich in einem Wettbewerb mit anderen Städten befinden und dass eine engagierte kreative Zivilgesellschaft von großer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit einer Stadt ist.

5. Städte wachsen und schöpfen neues Innovationspotenzial: Was aber geschieht derweil mit ruralen Gegenden?

In der Schaffung von Arbeitsplätzen liegt sicher ein Schlüssel zur Integration ruraler Gebiete, doch auch dies kann aufgrund von damit einhergehenden Veränderungs- und Gentrifizierungsprozessen negativ empfunden werden. Auch rurale Orte müssen sich gegenüber Innovation öffnen und Kreativität aus sich selbst schöpfen, um zu überleben. Letztendlich ist dabei die Geschwindigkeit, mit der Veränderung und Diversität erfahren werden, entscheidend. Vielfalt zu akzeptieren ist so gesehen keine abstrakte Sache: Menschen sind gleichzeitig sozial und „tribal“. Forschungen zeigen, dass Menschen sozialer werden, je wohler sie sich fühlen. Fühlen sie sich unwohl, werden sie hingegen „tribal“. Die Relevanz von Begegnungszonen nimmt also zu, und die Frage nach der Geschwindigkeit der Dynamiken. 

Unabhängig vom konkreten Standort wollen aber heute immer mehr Menschen bestimmter sozialer Communitys zugleich urbane und rurale Lebensqualitäten erleben. Darauf reagieren auch Kulturinstitutionen, wie die internationale Kunstgalerie Hauser & Wirth, die seit Mitte 2014 eine Dependance in Somerset, also im eher ruralen Teil Großbritanniens, betreibt. Ähnliche Tendenzen erkennen wir aktuell in Upstate New York. Auch in Deutschland finden bereits Durchdringungen und Überlagerungen urbaner und ruraler Qualitäten statt. Die Breuninger Stiftung beispielsweise hat sich mit ihrem Stiftungszentrum in Brandenburg angesiedelt. Was allgemein für die Städte gilt, muss aber auch für rurale Gegenden beherzigt werden: Erfindungssinn freisetzen und Teilhabe zulassen – wenn die Veränderung auch von innen kommt, wird sie anders erlebt, nämlich positiver.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

Megatrend Urbanisierung

Städte sind die Staaten von morgen. Immer mehr Menschen leben weltweit in Städten und machen sie zu den mächtigsten Akteuren und wichtigsten Problemlösern einer globalisierten Welt. Doch Städte sind mehr als Orte, Urbanisierung beinhaltet mehr als den Wandel von (Lebens-)Räumen. Durch neue Formen der Vernetzung und Mobilität wird Urbanität vor allem zu einer neuen Lebens- und Denkweise.

 

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.