Progressive Provinz & Rural Cities

Zwischen der Sehnsucht nach Landleben und Urbanität als Mindset. Die Zerrissenheit von Stadt und Land scheint tief. Ein differenzierter Blick hilft, die Bedürfnisse und Motive der Stadt- und Landbevölkerung zu verstehen. Dieser Text ist ein Auszug aus der Trendstudie „Futopolis

Von Lena Papasabbas und Janine Seitz

Foto: M. Wissing / Weingut Franz Keller

Lebensräume sind Orte der Identität, der Kultur und des gesellschaftlichen Diskurses. Mit ihnen wird häufig auch der Begriff der „Heimat“ verknüpft. In einer globalisierten, digitalisierten und urbanisierten Welt jedoch tritt die Bedeutung der konkreten Orte zurück – zentraler werden Lebensstil, Haltung und Mindset für die Identität der Menschen. Die aktuell insbesondere gesellschaftspolitisch spürbare Dichotomie von Stadt und Land wird sich künftig mehr und mehr auflösen, ländliche Lebensstile erhalten Einzug in die Stadt und urbane Qualitäten lösen sich aus ihrer physischen Bedingtheit – dabei entstehen hybride, fluide Lebensräume.

Eines steht fest: über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in urbanen Agglomerationen, die Zukunft der Menschheit liegt in der Stadt. Das vermittelt zumindest ein Blick auf die aktuellen Forschungsdiskussionen. Städte gelten als Experimentierräume, Kreativitätslabore, Innovationsschmieden… kurz: die Lebensräume der Zukunft. Die schillernden Metropolen überstrahlen mit ihrer Leuchtkraft andere Orte. Ländliche Regionen und ihre Zukunft dagegen liegen im Dunkeln – zu sehr werden wir vom magischen Glanz der Großstädte mit ihren wirtschaftlichen und individuellen Entfaltungsmöglichkeiten in den Bann gezogen. Leise und kaum beachtet flackern jedoch auch in ruralen Regionen immer mehr Leuchtfeuer auf. Denn auch wenn die Urbanisierung einer der wichtigsten Megatrends ist, der die Oberfläche unseres Planeten nachhaltig verändert, bedeutet dies noch lange nicht dauerhaften Stillstand auf dem Land. Es ist Zeit den Blick zu weiten – über die urbanen Zentren hinaus.

Der vermeintliche Widerspruch von Stadt- und Landleben manifestiert sich aktuell bei den Wahlen in zahlreichen westlichen Industrienationen. Ob Brexit, Trump, der Front National oder die AfD: laut Umfrageergebnissen sitzen die Befürworter einer Politik der Abschottung und des Protektionismus auf dem Land. Die Bevölkerung ist dort klassischerweise traditionellen Rollenbildern verhaftet und hat eine starke lokale Verankerung. Sie fühlt sich im Fortschritt einer globalisierten urbanen Welt zurückgelassen, sieht durch diese ihre originäre Identität bedroht.

Der Städter hingegen gilt als dynamisch, zukunftsorientiert und liberal. Er wiederum fürchtet, dass seine offene Vorstellung von Gesellschaft und Raum durch den vermeintlich rückschrittlichen und perspektivlosen Dorfbewohner politisch unterlaufen werden könnte. Diese antagonistischen Zuschreibungen Die meisten Deutschen leben weder in einem Dorf noch in der glitzernden Großstadtmetropole – sondern in vergleichsweise kleinen Städten.   bilden dabei recht groteske Zerrbilder, deren Wahrheitsgehalt sich in der öffentlichen Debatte trotz Digitalisierung im postfaktischen Zeitalter der „Fake News“ zunehmend einer empirischen Überprüfbarkeit entzieht. Diese Desinformation macht Feindbilder erst möglich und erschwert das Erkennen qualitativer Stärken. Gerade deshalb lohnt ein genauer Blick auf die Beschaffenheit und das Zukunftspotenzial ruraler und urbaner Orte in Deutschland.

Wer genau hinsieht, dem eröffnet sich nämlich ein differenzierteres Bild von Stadt- und Landbevölkerung. Die meisten Deutschen leben nämlich weder in einem Dorf noch in der glitzernden Großstadtmetropole – sondern in vergleichsweise kleinen Städten.  
Lediglich circa 15 Prozent der Deutschen leben laut Statistischem Bundesamt in Gemeinden unter 5.000 Einwohner und nur ungefähr 30 Prozent leben in Städten mit über 100.000 Einwohnern. Die Mehrheit der Deutschen wohnt also in Klein- und Mittelstädten. Wenn wir von Provinz oder Urbanität sprechen, geht es häufig gar nicht um die Größe des Ortes, sondern um die Mentalität der Bewohner. Stadt versus Land wird in aktuellen Debatten stets als Widerspruch formuliert, besonders wenn es um Fragen der kulturellen Identität geht, um Lebensstil, Konsumverhalten und Intellekt.

Heimat ist kein Ort

Eine Untersuchung von Konstantin A. Kholodilin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fragt provokativ nach der „Renaissance oder Decadence der großen Städte”. Die Wanderungssalden belegen, dass große Städte in Deutschland in erster Linie für Zuwanderer aus dem Ausland attraktiv sind. Berlin verliert beispielsweise bereits seit 1995 Bevölkerung an Brandenburg. Seit 2015 ziehen mehr Menschen aus Berlin weg und suchen sich einen anderen Wohnort im Inland, als aus dem restlichen Deutschland zuziehen. Heute zeigt die Binnenwanderung ein ganz klares Bild: Außer der Gruppe der Bildungswanderer – junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren – verlassen mehr Menschen aller Altersgruppen die deutschen Millionenstädte als aus anderen Regionen Deutschlands zuziehen.

Die glitzernde Metropole, die niemals schläft, verliert als dauerhafter Lebensraum in Deutschland an Attraktivität. Die wachsende Mobilität und die langsame Angleichung kultureller und ökonomischer Möglichkeiten durch digitale Netzwerke ermöglichen es vermehrt, zwischen urbanen und ruralen Räumen je nach Lebenssituation und Lebensphase zu pendeln. Wohnorte werden individuell gewählt, niemand muss sein ganzes Leben an einem Ort verbringen. Die eine Heimat gibt es nicht mehr, für urbane und rurale Nomaden gibt es hingegen Heimaten. Diese werden aktiv mitgestaltet, sie sind keineswegs nur noch an zufällige Gegebenheiten wie den Geburtsort geknüpft. Die Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus beschreibt Heimat als Lebensqualität, und darüber hinaus als Leistung, sich seine Umwelt anzueignen. Heimat hat weniger mit Orten als mit Beziehungen zu tun.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Trendstudie „Futopolis

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

Megatrend Urbanisierung

Städte sind die Staaten von morgen. Immer mehr Menschen leben weltweit in Städten und machen sie zu den mächtigsten Akteuren und wichtigsten Problemlösern einer globalisierten Welt. Doch Städte sind mehr als Orte, Urbanisierung beinhaltet mehr als den Wandel von (Lebens-)Räumen. Durch neue Formen der Vernetzung und Mobilität wird Urbanität vor allem zu einer neuen Lebens- und Denkweise.

 

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.

Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.