Automatisches Nichtautofahren

Kolumne: Zukunftsforscher Matthias Horx über falsche Kontexte, Dominanz und die stille Macht der Hormone rund ums Auto-Auto.

Quelle: Trend Update

© Thomas Leiss / Fotolia.com

Verschiedene Optionen in einem netzwerkartigen, informationsgesteuerten System zu integrieren, ist der Schlüssel für smartes Mobilitätsdesign. Denn individuelle Mobilität funktioniert künftig verstärkt nach dem Access-Prinzip: „Nutzen statt besitzen“ lautet die Devise. Carsharing boomt, weil es wie kein anderes Konzept dem Wunsch entspricht, mobil und flexibel unterwegs zu sein, zugleich aber auch seine Mobilitätskosten zu senken und zum Schutz der Umwelt beizutragen. Für Deutschland prognostiziert daher die Unternehmensberatung Frost & Sullivan ein Wachstum des Carsharing-Markts bis 2016 auf rund 19.000 Fahrzeuge und ca. 1,1 Mio. Nutzer (Anfang 2012: 220.000 Kunden, ca. 5.600 Fahrzeuge); europaweit werden sich dann 5,5 Mio. Nutzer rund 77.000 Autos teilen.

Carsharing: Nutzen statt Besitzen

Wurde Carsharing lange als massenmarktuntaugliche Alternative für Öko-Fans belächelt, erkennen inzwischen immer mehr Autohersteller von BMW (Drive Now) über Daimler (Car2go) bis VW (Quicar) die enormen Marktchancen und entwickeln entsprechende Geschäftsmodelle. Auch die Deutsche Bahn arbeitet mit Hochdruck an der Weiterentwicklung ihres Carsharing-Angebots. Flotten werden vergrößert, immer mehr Städte erschlossen und Elektrofahrzeuge einbezogen. In naher Zukunft könnte es sogar eine Carsharing-Allianz verschiedener Anbieter und eine Ausweitung auf ländliche Gebiete geben.

Je weiter sich diese Formen „geteilter Mobilität“ professionalisieren, desto weniger wird es notwendig sein, dass man immer dasselbe Auto vor der Tür hat. Der Vorteil der Autonutzung durch Carsharing liegt dabei nicht nur im kostengünstigen, zeitlich und räumlich flexiblen Zugriff auf ein Auto, wo und wann man es braucht. Für viele Menschen ebenso entscheidend ist die modulare, bedürfnisgerechte Optionenvielfalt, die sich durchs Carsharing eröffnet. Man muss sich nicht mehr auf ein bestimmtes Fahrzeugmodell festlegen, sondern findet für jeden Bedarf das passende Gefährt: Limousinen für Langstrecken, den Minivan für den Kurzurlaub mit der Familie, den E-Roadster für den Cabriospaß am Wochenende, Nutzfahrzeuge für Großeinkäufe oder geschäftliche Wege.

Autos zu nutzen statt zu besitzen – das wird die Logik der Fortbewegung im 21. Jahrhundert bestimmen. Insbesondere in urbanen Gebieten, die eine hohe Mobilitätsdichte durch öffentlichen Nahverkehr haben, braucht man das eigene Auto immer weniger. Es wird dort in Zukunft tendenziell nur noch eine komplementäre Rolle einnehmen, die an den Defiziten des öffentlichen Verkehrs ansetzt.

Social Mobility Networks

Zunehmend entdecken Unternehmen die Kraft von Social Networks für neue Mobilitätskonzepte und bauen Online-Communitys für privates Carsharing auf. Die Vorreiter für diese neue, nachhaltige Art der „Crowd Mobility“ kommen aus den USA, Australien oder London. Hier sind Carsharing-Plattformen nach dem Peer-to-Peer-Prinzip wie RelayRides, DriveMyCar, WhipCar oder Getaround schon seit einiger Zeit sehr erfolgreich. Über solche offenen Carsharing-Systeme kann künftig jeder Fahrzeughalter sein Auto zum Teil einer kollektiven Flotte machen. Wer ein Auto benötigt, kann über eine Smartphone-App ein freies Fahrzeug in der Nähe finden und dessen Zentralverriegelung öffnen, starten und losfahren.

Zukunftsweisende Ansätze individueller Massenmobilität stellen auch innovative Angebote fürs webbasierte Pooling von Fahrgemeinschaften dar – ob per Reisebus wie bei DeinBus.de, mit privaten Pkws via Flinc.org oder per komfortablem High-Speed-Sammeltaxi wie dem Superbus, der eher einer luxuriösen Stretchlimousine gleicht (www.superbusproject.com). An vielen Stellen werden so neuartige Konzepte für den öffentlichen Verkehr zur Marktreife gebracht, die die Art, wie wir uns in Zukunft fortbewegen, revolutionieren werden.

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Megatrend Mobilität

Megatrend Mobilität

Kaum etwas prägt das Leben in unserer globalisierten Gesellschaft so sehr wie der Megatrend Mobilität. Sie bildet die Basis unseres Lebens und Wirtschaftens. Heute stehen wir am Beginn eines multimobilen Zeitalters - mit facettenreichen Möglichkeiten, um die neuen mobilen Anforderungen und Wünsche ökonomisch, komfortabel und nachhaltig umzusetzen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.