Gesundheit in Zeiten von Corona

Als wir im November 2019 in unserem Health Report über den Trend Germophobia berichteten, war das Corona-Virus natürlich längst in der Welt – doch wohl niemand hätte absehen können, wie schnell sich die Beschreibung von Keimen, die sich zu einer globalen Bedrohung ausweiten, bewahrheiten würde.

Von Corinna Mühlhausen

Foto: Unsplash/Matthew Tkocz

Schnell wurde in der aktuellen Krise klar, dass es im Angesicht der exponentiell steigenden Covid-19-Patientenzahlen tatsächlich an den von uns beschriebenen Basics mangeln könnte: Die Hersteller von Antivirusprodukten, Desinfektionsdienstleistungen sowie Schutzmasken waren die Ersten, die mit der gestiegenen Nachfrage nicht Schritt halten konnten. Die besondere Virulenz und hohe Mortalität dieses Virus trägt nun allerdings dazu bei, dass Gesellschaft und Wirtschaft bis ins Mark erschüttert werden, das Leben jedes Einzelnen nachhaltig verändert und eingeschränkt wird. Doch wie wird diese Entwicklung weitergehen? Das Zukunftsinstitut hat dazu 4 Zukunftsszenarien erarbeitet – natürlich spielt in allen Szenarien der Megatrend Gesundheit eine maßgebliche Rolle.

Nichts ist wichtiger als die Gesundheit

Aus Sicht der Trend- und Zukunftsforschung lautet die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Coronakrise: Nichts ist wichtiger als die Gesundheit. Kein Trend hat ein größeres Zukunftspotenzial als die Gesundheit, kein Wert wird das Thema in den nächsten Jahren verdrängen können. Im Gegenteil zeigt auch der aktuelle Werte-Index 2020, dass Gesundheit mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 2018, als der Wert Natur auf Platz eins in diesem Werte-Ranking landete, der Wert ist, auf den sich alle einigen können. Auch die Erkenntnis, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit – aber eben immer noch genau das – wird durch die aktuellen Entwicklungen auf schmerzhafte Art und Weise unter Beweis gestellt. Gesundheit ist der Schlüssel zu allem – die Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und die Partizipation am beruflichen Leben, der Teilhabe an einer aktiven Freizeit und nicht zuletzt Bedingung für das Funktionieren von Ökonomie und sozialem Zusammenhalt.

Genau das Gegenteil erleben wir zurzeit: Reale und irreale Ängste beeinflussen das Leben weltweit, die Kranken leiden, werden isoliert und kämpfen sogar um ihr Leben. Schulen, kulturelle Einrichtungen und Läden bleiben geschlossen, die Öffnungszeiten für Gastronomiebetriebe wurden verkürzt. Lebensmittelhersteller und -handel kommen mancherorts nicht mehr mit der Auslieferung von Nachschub hinterher. Und doch gibt es auch in der aktuellen Krise Entwicklungen, die sich im Nachgang als positiv herausstellen könnten: die mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft als Ganzes oder in Form von Familien- oder Freundesverbünden im Kleinen zu tun haben, bei denen der eine dem anderen hilft; die davon handeln, dass der Mythos einer Arbeitswelt, die nur funktioniert, wenn alle möglichst viel Zeit miteinander im Büro verbringen, endlich dahin getragen wird, wo er hingehört: in die Mottenkiste des postindustrialisierten Zeitalters. Und in der vor allem unser Gesundheitssystem mit all seinen Facetten endlich einmal als Ganzes zur Disposition gestellt wird. Denn sogar schon bevor das Virus seine tatsächliche Schlagkraft in Deutschland überhaupt ausgespielt hat, kristallisieren sich zwei Erkenntnisse ganz deutlich heraus:

  • In einer Welt mit vollständig globalisierten Märkten wird kein Land auf der Welt in Zukunft umhinkommen, sich seine ganz persönliche glokale Gesundheitsversorgung aufzubauen und damit zumindest ansatzweise seine lokale Unabhängigkeit zu bewahren.
  • In den westlichen Gesellschaften bringen es die Megatrends Silver Society und Individualisierung mit sich, dass die Organisation rund um Gesundheit, Vorsorge und Krankheit komplett neu zusammengesetzt werden muss.

Die gefährliche Ökonomisierung von Gesundheit

In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir uns als Gesellschaft und Patienten daran gewöhnt, Gesundheit auch als ein Feld anzusehen, das von Angebot und Nachfrage beherrscht wird. Mit Fallpauschalen und Effizienzvorgaben wurden sämtliche Bereiche des Gesundheitswesens – von der hausärztlichen Versorgung über die Prophylaxe beim Zahnarzt oder Facharzt, von der Medizintechnik über die Physiotherapie, von der Apotheke über die psychotherapeutische Versorgung bis hin zur Forschung und Entwicklung von Pharmazie und vor allem der stationären Versorgung in unserem Land – alles, was auch nur im Entferntesten mit Gesundheit zu tun hat, erst einmal durch ein ökonomisches Filtersystem gejagt, bei dem nicht nur wertvolle Stellen eingespart wurden, sondern u. a. auch tausende Krankenhausbetten. Jetzt zeigt sich aufs Grausamste, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt: Wenn in einem deutschen Landkreis Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das in guten Zeiten zwar keinen Gewinn macht, aber in schlechten Zeiten die Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen bestens ermöglichen kann. für 100.000 Menschen nur 22 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, signalisiert dieses Missverhältnis als pars pro toto ein System, das von einer leistungszentrierten und gesunden Bevölkerung ausgeht, nicht aber eines der besten Gesundheitssysteme weltweit darstellt, das mit Pandemien und einer alternden Gesellschaft wirklich angemessen umgehen kann.

Im angelsächsischen Sprachgebrauch geistert dieser Tage das mehr als zynische Meme des Corona-Virus als sogenannter„Boomer Remover“ durch das Internet. Die Generation der Baby Boomer scheint doch in besonderem Maße durch Covid-19 bedroht zu sein, und vor allem die Digital Natives aus der Generation Z verbreiten diese Erkenntnis im doppelten Sinne viral weiter. Doch was können wir tun, damit diese und künftige Epidemien nicht auf solche tragische Weise die Alterspyramide in unserem Land auf den Kopf stellen können? Wenn es wirklich etwas gibt, was Politik, Gesellschaft und die Verantwortlichen aus der Gesundheitswirtschaft inklusive der Vertreter von Versicherungen und Krankenkassen aus dieser entsetzlichen Pandemie an Gutem lernen könnten, dann ist es mit Sicherheit diese Erkenntnis: Wir müssen so schnell wie möglich einen neuen Diskurs darüber führen, ob es in einer von Pandemien bedrohten Welt überhaupt möglich sein darf, ein Gesundheitssystem zu unterhalten, dass wie jede x-beliebige Industriebranche an ihrem ökonomischen Output gemessen wird. Oder ob wir es uns im Gegenteil nicht erlauben sollten, ein Gesundheitssystem aufzubauen, dass in guten Zeiten zwar keinen Gewinn macht, dafür aber in schlechten nicht innerhalb weniger Tage an ihre Erschöpfungsgrenzen gerät.

Chancen durch Corona: Gesundheitssystem 2.0

Müssen wir in Zukunft nicht dorthin kommen, eine Gesundheitsarmee aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden und anderem medizinischen Personal aufzubauen, die in Friedenszeiten vielleicht nicht ausgelastet sind – und damit unser System und die Geldbeutel von allen belasten – das aber in Krisenzeiten gemeinschaftlich und angemessen für Entlastung und Betreuung von Kranken, Leichterkrankten und Schwerkranken, einstehen kann? Wie können wir dazu beitragen, dass unsere ausgezeichnete heimische Gesundheitswirtschaft, etwa in Form der vielen Klein- und Mittelunternehmen aus der Medizintechnikbranche, in die Lage zurückversetzt wird, mit dem Kosten- und Effizienzsteigerungsdruck auf den internationalen Märkten mithalten zu können und trotzdem in Deutschland forschen, produzieren und vermarkten zu können? Wer wagt es, den Sparkurs in deutschen Krankenhäusern zu beenden, damit die Mitarbeiter dort und an allen anderen Stellen im deutschen Gesundheitswesen wieder Luft zum Atmen bekommen und nicht eine Versorgung von Kranken aufrechtzuerhalten versuchen, die so auf Kante genäht ist, dass die durch das Coronavirus ausgelöste Krise innerhalb weniger Tage das gesamte System zum Kollabieren bringt?

Mein großer Wunsch als Zukunftsforscherin wäre ein Kapitel im nächsten Health Report, das ich guten Gewissens mit „Das deutsche Gesundheitssystem 2.0 – was das Corona-Virus am Ende doch noch an Gutem bewirkt hat“ betiteln könnte. Hoffentlich bringt diese Krise den Stein dafür ins Rollen.



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