Global Culture: Buddhismus

Der Buddhismus entwickelt sich zum spirituellen, globalen Blueprint: für eine religionsübergreifende Weltanschauung die zeigt wie Leben und Wirtschaften in Zukunft aussehen kann. Ein Auszug aus dem Report „Generation Global“

Von Verena Muntschick

Unsplash / Isabell Winter / CC0

Der Buddhismus erfährt eine Globalisierung – aber nicht als Religion, sondern als individuelle spirituelle Erfahrung, als gemeinschaftsbildendes Ritual und als religionsübergreifende Weltanschauung darüber, wie Leben und Wirtschaften in Zukunft aussehen kann.

Wir begegnen ihm als Gartenzwerg, Wohnzimmerdeko und selbst auf Klodeckeln. Er wird auf Bäuchen, Oberarmen und Waden zur Schau getragen. Und ihm wird auf dem gesamten Globus gehuldigt – in Meditationsräumen, bei Businessevents und therapeutischen Sitzungen: Buddha. Fans und Anhänger des Buddhismus finden sich heute überall auf der Welt. Die buddhistische Lehre hat eine globale popkulturelle Wirkung entfaltet und dringt mittlerweile bis in die internationale Wirtschaft vor – nicht zuletzt befördert durch weltpolitische Meinungsäußerungen des Dalai Lama oder Managementpublikationen, Vorträge und Workshops des vietnamesischen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh zum Thema Achtsamkeit, Gelassenheit und Genügsamkeit als Grundmodus bewussten Lebens.

Die Rezeption des Buddhismus erfolgt in vielgestaltiger und komplexer Form. Denn die buddhistische Lehre wird nicht nur durch ihre spirituellen Leader in der Welt verbreitet, sondern verschiedene Aspekte werden selektiv von anderen Kulturen aufgegriffen und in unterschiedlichen Interpretationen adaptiert. Im Westen war es zunächst die Meditationspraxis, die bereits in den 1970er-Jahren in eine lokale esoterische Nischenkultur hineingetragen wurde. Heute erleben wir eine erneute Übernahme meditativer Besinnungspraktiken aus dem Buddhismus, die zum Teil nahtlos in die westliche Wellness-Kultur integriert werden: Klöster wie das Plum Village in Südfrankreich oder das Meditationshaus „Quelle des Mitgefühls“ in Berlin sind beliebte Urlaubs-Retreats geworden. Achtsamkeitsübungen sind aber nicht mehr nur Teil der Freizeitkultur, sondern gehören inzwischen auch in Managementkreisen zum guten Ton – das entsprechende Seminarangebot boomt.

In Ländern wie Thailand oder Myanmar, in denen der Buddhismus eine lange Tradition hat, werden derartige Adaptionen dabei nicht annähernd mit der lokalen Religion identifiziert. Mehr noch werden sie mitunter als Beleidigung empfunden, was bereits zu Das Geschäft mit der Sehnsucht nach Spiritualität ist längst in vollem Gange Ausweisungen von selbsterklärten westlichen Buddhisten geführt hat. Doch das Geschäft mit der Sehnsucht nach Spiritualität ist längst in vollem Gange: Länder wie Thailand bieten (vermeintlich) buddhistische Attraktionen an, wie das Stechen von buddhistischen Tattoos in den Klöstern oder „Monk Chats“, Tempel-Gespräche mit buddhistischen Mönchen – ganz zu schweigen von den vielen kleinen, verbotenen Buddha-Figuren, die überall am Straßenrand für die heimische Vitrine zu kaufen sind.

Echte, praktizierende Buddhisten gibt es trotz des Hypes im Vergleich zu den großen Weltreligionen nur wenige – nur etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung. Und diese sind geografisch nicht gerade global verteilt: 99 Prozent der Buddhisten leben im asia-pazifischen Raum (v.a. in China, Thailand, Japan und Myanmar) – lediglich 1 Prozent der offiziellen Buddhisten lebt an anderen Orten. Der Buddhismus verbreitet sich global also nicht als Religionsform, sondern als Weltanschauung und spirituelle Lebensphilosophie, die sich problemlos in andere religiös geprägte Weltbilder integrieren lässt. Das liegt im Charakter des Buddhismus selbst begründet: Er ist als Religion nicht exkludierend, ist extrem anschlussfähig, hat keinen universellen Geltungsanspruch und fordert weder einen strengen Moralkodex noch zum Missionieren auf.

Vor allem für die westlichen Länder wird der Buddhismus mit den extrahierten Grundgedanken von Achtsamkeit und Gelassenheit zum gedanklichen Stellvertreter der Vision eines achtsameren Lebens und Wirtschaftens – als positives Gegenbild zur leistungs- und steigerungsorientierten Optimierungsgesellschaft.

Ein Auszug aus dem Report „Generation Global“

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.