Prof. Dr. André Reichel

Professor für International Management & Sustainability

Prof. Dr. André Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management (ISM) in Stuttgart und einer der zentralen Vordenker für betriebswirtschaftliche Perspektiven auf die Postwachstumsökonomie. Das Thema Nachhaltigkeit ist für ihn die große Menschheitsfrage des 21. Jahrhunderts. Als systemtheoretisch orientierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler war er zuvor unter anderem als Professor für Critical Management & Sustainable Development an der Karlshochschule International University, als Gastdozent am Environmental Change Institute der University of Oxford und als Research Fellow am Europäischen Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung der Zeppelin Universität tätig.

Reichels Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich einer nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, den betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Dabei treten insbesondere die Wechselbeziehungen zwischen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und neuen Formen des Wachstums sowie deren Auswirkungen auf Strategien und Geschäftsmodelle in den Vordergrund seiner Arbeit. Mehr auf andrereichel.de


Vorträge von André Reichel

Digitalisierung als Megatrend ist in aller Munde. Die Zukunft der Arbeit, wie wir leben werden, wie wir den Klimawandel bekämpfen: all das scheint ohne eine unbedingte Bejahung der Digitalisierung nicht mehr vorstellbar.

Für Unternehmen kommt jetzt zweierlei zusammen. Zum einen bricht mit Nachhaltigkeit eine nicht-ökonomische Logik globaler Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen ins Management hinein. Nachhaltigkeit weitet den Blick für ökologische und soziale Problemlagen und wandelt den alten Managerialismus des „Schneller, Höher, Weiter“ in einen unternehmerischen Aktivismus: Unternehmer werden zu Treibern der „Weltenbesserung“. Die Kollaborations- und Ko-Kreationslogik der Digitalisierung reichert dieses Steigerungsspiel der Weltenbesserung noch an und öffnet das Management für ko-kreative Prozesse, für kollaboratives Wirtschaften. Eine so verstandene Digitale Nachhaltigkeit kann einen Ausweg aus einseitigen Heils- wie Unheilserwartungen darstellen. Sie bemächtigt sich digitaler Werkzeuge und Prinzipien und ermächtigt Unternehmen und Kunden zum gemeinschaftlichen Wandel unternehmerischer Praktiken in Richtung sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit.

Die Gretchenfrage der Wirtschaft, vor allem der Wirtschaftswissenschaft und der Wirtschaftspolitik, ist die nach dem Wachstum. Die Antwort fällt dabei meist eindeutiger aus als bei Faust: ohne Wachstum ist alles nichts, wie Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Leipziger CDU-Parteitag 2003 klarstellte. Eine interessante Wendung einer Partei, die einmal für „Maßhalten“ stand. Was aber, wenn Wachstum nicht mehr so funktioniert, wie in den vergangenen siebzig Jahren? Wenn ökonomische und ökologische Grenzen die Wirtschaft auf einen neuen Wachstumspfad zwingen? Die Befunde scheinen eindeutig: Wachstum und Wohlstand entkoppeln sich zunehmend, ökologische Krisen wie der menschengemachte Klimawandel sind vor allem durch zügelloses Wachstum verursacht, die psychologischen Defekte der Wachstumsgesellschaften lassen sich an steigenden Verschreibungsraten von Psychopharmaka ablesen – und gleichzeitig beobachten wir sinkende Investitionsquoten und Produktivitätsraten, eine „säkulare Stagnation“ und ein Ausbleiben zusätzlicher Nachfrage. Ist das Zeitalter des Postwachstums also schon da?

Auch wenn ein Ende des Wachstums verfrüht scheint: Unternehmen müssen sich einer Risikobewertung unterziehen ihre Produkte, Märkte, Strategien und Geschäftsmodelle auf „Wachstumsresilienz“ prüfen.

Die Now Economy, die Wirtschaft des Jetzt, hat Knappheiten bei der Bereitstellung von Gütern, von Arbeitsplätzen, von Innovationen überwunden – und dabei immer neue Knappheiten erzeugt: Die Next Economy hingegen interessiert sich nicht für Knappheit – wenn etwas tatsächlich knapp ist, dann kann es geteilt werden.

Für Unternehmen bedeutet diese Next Economy des Überflusses dann auch nicht mehr alleine einer ökonomischen Logik, sondern referenziert auf „Mehrwert“: eine mehrwertige Logik, einen „Multivalue Added“ der sich in wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Lösungsbeiträgen niederschlägt. Multivalues bedeuten dann aber auch eine ganz andere Steuerung von Unternehmen, eine Öffnung in Richtung Gesellschaft was Strategieprozesse, Produktentwicklung und auch Unternehmensführung angeht: das Zeitalter des „Open Everything“ ist damit angebrochen. Die Öffnung in Richtung Mehrwertigkeit kann dann aber nicht einfach nur darin bestehen, Knappheit weiterhin zum Geschäft zu machen, sondern gesellschaftlich wie unternehmerisch verantwortbare Lösungen für ökonomische, soziale und ökologische Problemlagen durch die Konfiguration von kollaborativen Netzwerken zu erzeugen. In solchen Netzwerken des „Genug“ können dann soziale und technische Innovationen ineinandergreifen und sich wechselseitig verstärken.


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