Die Wirtschaft der Freiheit

Die Bedingungen des Wirtschaftens haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Schritt für Schritt verändert. Deutlich spürbar wurde das spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Das jährliche globale Wachstum hat sich reduziert – von 4,5 bis 5 Prozent in den 1970er-Jahren auf heute nur noch 2,5 bis 3 Prozent. Bis zur Jahrhundertmitte werden globale Wachstumsraten von unter einem Prozent erwartet. Dazu trägt auch der weltweite demografische Wandel bei: Immer weniger konsumfreudigen jungen Menschen stehen immer mehr Alte gegenüber, die kurzfristige Produktlebenszyklen mit Skepsis betrachten.

Es scheint angebracht, von einer Postwachstumswirtschaft zu sprechen, mit dauerhaft niedrigen, zurückgehenden oder sogar negativen Wachstumsraten – und mit unklaren Folgen für Unternehmen. Diese „Grenzen des Wachstums“ wurden schon 1972 in der gleichnamigen Studie für den Club of Rome umrissen. Heute wird immer deutlicher, dass auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes Wachstum möglich ist, dass die Fixierung auf reine Wachstumsmaximierung in ökologische und soziale Sackgassen führt – und dass diese Entwicklung auch unternehmerische Entscheidungsfreiheiten immer stärker einschränkt.

Von Umweltzerstörung und sozialer „Die negativen Folgen des Wachstumsparadigmas sind auch Dank der Vernetzung transparenter denn je.“ Ausbeutung bis zu globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen: Die negativen Folgen des Wachstumsparadigmas sind auch Dank der Vernetzung transparenter denn je. Der Mensch weiß mittlerweile um die Implikationen seines wirtschaftlichen Handelns.

Steht nun also ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft bevor? Sicherlich nicht. Doch es ist klar, dass seit rund 40 Jahren Systemdynamiken am Wirken sind und auch weiter wirken, die einen Kollaps begünstigen. Jørgen Randers, einer der Co-Autoren der „Grenzen des Wachstums“, geht davon aus, dass sich dieser Kollaps langsam und lokal sehr unterschiedlich manifestieren wird (vgl. Randers 2012).

Warum Wachstum wichtig war – und nicht mehr ist

Welche Möglichkeiten haben wir, um auf diese neue Wachstumswelt nicht nur zu reagieren, sondern sie proaktiv zu gestalten? Eine wichtige Rolle wird die Wirtschaftspolitik spielen, und dabei hilft ein Blick zurück in die deutsche Geschichte. Denn schon einmal konnten wirtschaftspolitische Vorstellungen eine schwierige und unübersichtliche Lage zum Besseren wenden: durch die Etablierung der Sozialen Marktwirtschaft beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Soziale Marktwirtschaft war vor allem geprägt durch die Ideen des Ordoliberalismus, mit Ludwig Erhard als oberstem politischen Vertreter. Dieser ordnungspolitische Liberalismus sah sich einer drängenden Frage seiner Zeit gegenüber: Wie kann ein ökonomisch am Boden liegendes Land in Freiheit wieder auf die Beine kommen? Die Beispiele der Zwischenkriegszeit sprachen weder für eine unregulierte Marktwirtschaft mit Machtkonzentrationen und Spekulationsblasen noch für eine staatlich kontrollierte Wirtschaft kommunistischer oder faschistischer Provenienz.

Als philosophische Denkrichtung in den Wirtschaftswissenschaften haben die Ordoliberalen Ökonomie, Politik und Moral zusammengedacht. Ökonomische und moralische Zerstörung gingen in dieser Auffassung Hand in Hand, eine gute ökonomische Entwicklung sollte auch die moralischen Kräfte stärken. Deshalb der Fokus auf Freiheit – ökonomisch wie politisch – durch kluge Regelsetzung, um die Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zu ermöglichen, zum Wohle aller. Das Ergebnis dieser Rahmensetzung war das Wachstum des Sozialprodukts – für die damalige Zeit selbst eine relativ neue Erfindung. Das Ziel aber war „Wohlstand für alle“ aus der Perspektive eines zerstörten Landes.

Diese Vorbemerkungen sind wichtig, denn gerade für Erhard war Wachstum kein Selbstzweck, sondern notwendig, um die unmittelbare materielle Not zu überwinden (die immer auch eine moralische Not ist) – und um die ökonomischen Spannungen der Zwischenkriegszeit erst gar nicht wieder auferstehen zu lassen. Dabei sah der Ordoliberalismus sehr klar die Grenzen einer wachstumsorientierten Politik: 

 „Wenn der angestoßene Entfaltungsprozess aber in dem Sinne verläuft, dass unser Volk neben dem unverzichtbaren Wert auf Sicherung materieller Lebensführung in steigendem Maße eine geistige oder seelische Bereicherung als nützlich und wertvoll erachtet, dann werden wir in ferneren Tagen auch zu einer Korrektur der Wirtschaftspolitik kommen müssen. Niemand dürfte dann so dogmatisch sein, allein in der fortdauernden Expansion, das heißt im Materiellen, noch länger das Heil erblicken zu wollen.“ (Erhard 1957, S. 233)

Wirtschaftliches Wachstum wurde also klar als eine Maßnahme gesehen, die der historische Kontext der Nachkriegszeit notwendig machte – eine Maßnahme, deren Notwendigkeit in Zukunft entfallen kann.

John Maynard Keynes, einer der bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler aller Zeiten, soll einmal gesagt haben, dass er seine Meinung ändere, wenn sich die Fakten ändern. Wachstum hat seine Schuldigkeit weitestgehend getan, zumindest im globalen Norden und in Ländern wie China. Die Menschen werden nicht zufriedener. Die natürliche Mitwelt wird in ihrer Fähigkeit immer weiter beschädigt, für uns Ressourcen und Leistungen bereitzustellen. Alle Versuche, das Wachstum zu begrünen und neu zu entfachen, zeigen eher ernüchternde Erfolge. Es ist Zeit, die Meinung zu ändern. Aber in welche Richtung?

Die neuen Perspektiven des Postwachstums

Die Richtung kann in einer Postwachstumsökonomie gesehen werden, die eine neue polit-ökonomische Antwort auf eine neue Frage unserer Zeit gibt. Die Frage lautet heute nicht mehr: Wie kann ein ökonomisch (politisch, moralisch) zerstörtes Land in Freiheit wieder auf die Beine kommen? Sondern: Wie kann ein ökonomisch wohlhabendes Land in Freiheit seine ökologischen Schulden begleichen und dabei ein menschenwürdiges Leben für alle garantieren?

Dabei sollte klar sein, dass die ökologische Frage hier eine durch und durch soziale, nämlich gesellschaftliche Frage ist. Wer profitiert von den ökologischen Schäden, die wir erzeugen? Wer muss dafür leiden, heute und in Zukunft? Der Verweis auf die Freiheit soll deutlich machen: Es geht nicht um irgendeine Zukunft jenseits des Wachstums, sondern um eine Zukunft, in der demokratische Grundlagen, individuelle Freiheiten und die Würde des Menschen – aller Menschen – erhalten und gesichert werden. Welche Antworten hat nun die Postwachstumsökonomie hierauf „Es geht nicht um irgendeine Zukunft jenseits des Wachstums, sondern um eine Zukunft, in der demokratische Grundlagen, individuelle Freiheiten und die Würde des Menschen – aller Menschen – erhalten und gesichert werden.“ anzubieten?

Dafür gilt es zunächst, den Begriff „Postwachstum“ zu klären – der zweierlei bedeutet: Einerseits die empirische Zustandsbeschreibung einer Wirtschaft, die durch fallende oder negative Wachstumsraten gekennzeichnet ist – eine Wirtschaft, die nicht mehr in erster Linie durch Expansion getrieben wird, sondern in der Konzentration und Kontraktion vorherrschen. Andererseits impliziert Postwachstum ein polit-ökonomisches Verständnis, das grundsätzlich skeptisch ist gegenüber den Entkopplungshoffnungen von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch.

Es geht also um die aktive Suche nach Bedingungen und Möglichkeiten, um Wachstumszwänge in der Wirtschaft abzubauen und ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Deshalb wird das BIP als Maßzahl wirtschaftlichen Fortschritts aus Sicht der Postwachstumsökonomie abgelehnt – zu Gunsten anderer Kenngrößen gesellschaftlichen Wohlstands, die außerökonomische Faktoren einbeziehen: Zufriedenheit, Gesundheit, Bildung, Demokratie und eine intakte natürliche Mitwelt.

Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf die die verschiedenen Perspektiven der Postwachstumsökonomik – von konservativ und sozial-reformerisch bis zu suffizienzorientiert, kapitalismuskritisch und feministisch (vgl. Schmelzer 2014). Jede dieser Perspektiven kann einen Beitrag leisten für die Beantwortung der oben formulierten Frage.

Aus konservativer Sicht wird deutlich, dass weiteres schuldenfinanziertes Wachstum zur Stützung der sozialen Sicherungssysteme nur weitere wirtschaftliche Verwerfungen erzeugt – und das Problem lediglich in eine Zukunft verlagert, die uns schneller einholen kann, als uns lieb wäre. Gleichzeitig wird unsere einseitige Fokussierung auf monetäre Systeme, Erwerbsarbeit und auf Markt und Staat als alleinige Garanten des Wohlstands in Frage gestellt. So kommen gerade die Rolle der Zivilgesellschaft und der Aufbau von sozialen Sicherungssystemen jenseits von Markt und Staat, jenseits einer monetären Logik, in den Blick.

Die sozialreformerische Sicht weist sicherlich die höchste Relevanz auf, wenn wir wissen wollen, wie ein wohlhabendes Land in Freiheit auf seine ökologischen Schulden und eine neue Wachstumswelt antworten kann. Hier geht es um den Abbau von institutionellen und systemischen Wachstumszwängen, um die Entkopplung von Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Ein anderes Steuersystem, in dem ökologische Verbräuche und hohe Vermögen zur Finanzierung sozialer Sicherung herangezogen werden – und eben nicht das Arbeitseinkommen –, kann ein Beitrag aus dieser Debatte sein.

Die suffizienzorientierte Sicht stellt auf die Einzelnen und ihre Rolle in diesem Umbruch scharf, jenseits abstrakter polit-ökonomischer Institutionen. Was können einzelne Individuen in ihrem sozialen Nahfeld gemeinsam machen, um sich der Wachstumslogik zu verweigern und sowohl individuell wie auch als Gemeinschaft wachstumsunabhängig zu werden? Hier gibt es Überschneidungen zur konservativen Sichtweise aus einer Graswurzelperspektive, etwa die bürgerschaftliche Selbstorganisation von lokalen Tauschringen, Reparaturcafés, urbanen Gärten und solidarischer Landwirtschaft.

Die kapitalismuskritische Sicht zeigt die ökonomisch-materiellen Herrschaftsverhältnisse auf, die am Wachstumsparadigma festhalten wollen. Das Aufgreifen von Ansätzen der Suffizienzbefürworter führt in dieser Perspektive auf ein neues polit-ökonomisches System, in dem Marktbeziehungen weitestgehend durch kooperative, gemeinwohlorientierte Austauschbeziehungen ersetzt werden. Mit Bezug auf konservative Postwachstumssichtweisen könnte hier auch eine kooperative, gemeinschafts- und gemeinwohlorientierte „Zivilwirtschaft“ als zweites Standbein neben der „Marktwirtschaft“ etabliert werden.

Die feministische Sicht macht schließlich die Geschlechtercodierung aller gesellschaftlicher Aktivitäten deutlich und nimmt vor allem die meist vernachlässigten Formen der reproduktiven Ökonomie in den Fokus. Dazu zählen alle nicht-marktlichen, nicht-monetär bewerteten Aktivitäten der Sorge um soziale Beziehungen und Menschen, die überwiegend von Frauen ausgeführt werden, etwa Kindererziehung, Altenpflege oder Haus- und Nachbarschaftsarbeiten. Diese Arbeiten werden von einer Postwachstumsökonomik einbezogen und aufgewertet – inklusive einem Abbau ökonomischer Geschlechterdiskriminierungen.

Ein neuer Postwachstumsliberalismus

Wie muss die Wirtschaftspolitik korrigiert werden, wenn eine Gesellschaft ihr Heil nicht mehr in der Expansion des Materiellen finden kann? Die Postwachstumsökonomik liefert nicht nur handfeste Hinweise. Mehr noch: Als eine Ökonomie der Freiheit der Vielen könnte sie sogar eine würdige Nachfolgerin des Ordoliberalismus werden.

Vielleicht ist es noch zu früh, um von einem Postwachstumsliberalismus zu sprechen, vor allem weil innerhalb des Postwachstumsdiskurses das Bewusstsein für eine solche durchaus staatstragende Rolle noch nicht vorhanden sein mag. Aber die Grundsätze eines solchen Postwachstumsliberalismus sind bereits klar: Es geht um soziales und ökologisches Wohlergehen auf einem begrenzten Planeten – in Freiheit und Würde, für alle Menschen.

Next Growth

Was bedeutet die Postwachstumsökonomik für Unternehmen? Wie können sie dazu beitragen, eine Wirtschaft jenseits eingefahrener Wachstumszwänge zu schaffen – und zugleich erfolgreich Gewinne erwirtschaften? Antworten liefert die Zukunftsinstitut-Studie „Next Growth: Wachstum neu denken“.

Quellen:
Erhard, Ludwig: Wohlstand für alle. Düsseldorf 1957
Randers, Jørgen: 2052: A Global Forecast for the Next Forty Years. White River Junction (VT) 2012
Schmelzer, Matthias: Spielarten der Wachstumskritik: Degrowth, Klimagerechtigkeit, Subsistenz. Eine Einführung in die Begriffe und Ansätze der Postwachstumsbewegung. In: Atlas der Globalisierung: Weniger wird mehr. Berlin 2014, S. 116–121

Über den Autor

Prof. Dr. André Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management (ISM) in Stuttgart und einer der zentralen Vordenker für betriebswirtschaftliche Perspektiven auf die Postwachstumsökonomie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in wachstumsresilienten Geschäftsmodellen und den Erfolgsindikatoren der nächsten Ökonomie. Mehr Infos unter andrereichel.de sowie auf Future Talks.

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Prof. Dr. André Reichel

Professor für Critical Management & Sustainable Development