Energie sparen? Intelligent verschwenden!

Vernetzte energieautarke Gebäude mit Pauschalmiete und Energieflatrate erlauben einen sorgloseren Umgang mit Energie – und schaffen neue Geschäftschancen für Wohnungsunternehmen.

von Prof. Timo Leukefeld

In zwei Jahren sollen Neubauten einen Energiebedarf von fast null haben, die Restenergie für Heizen und Strom soll aus erneuerbaren Energien stammen. Schaffen wir das mit den heute üblichen Instrumenten? Nein: Die Defizite in der Energiewende und beim Klimaschutz machen deutlich, dass wir die Ziele nicht erreichen werden. Zu sehr wurde bisher hauptsächlich auf Einschränkung, Sparen und kontraproduktive Effizienzmaßnahmen gesetzt.

Eine Kehrtwende könnte nun ausgerechnet das Gegenteil bringen: eine neue Kultur des Verbrauchens, des „intelligenten Verschwendens“ von Energie – genauer, von Solarenergie. Die Lösung sind vernetzte energieautarke „Nicht mehr das schlechte Gewissen ist der Dreh- und Angelpunkt, sondern eine intelligente Nutzung.“ Gebäude: Dank des innovativen solaren Bau- und Energiekonzeptes können Vermieter von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern eine Pauschalmiete mit Energieflatrate für Wärme und Strom anbieten. Das macht ihren Wohnraum attraktiver, steigert ihren Gewinn und bringt die Energiewende im Gebäudesektor in Schwung.

Es braucht also nicht, wie bisher angenommen, ausschließlich Sparsamkeit und Effizienzmaßnahmen. Der Schlüssel ist vielmehr eine kluge Nutzung von Technik und Möglichkeiten. Nicht mehr das schlechte Gewissen ist der Dreh- und Angelpunkt, sondern eine intelligente Nutzung. Eine echte Energiewende muss sich im Gesamtkomplex von Wärme, Strom und Mobilität bewegen. Und sie kann nur als Energie-, Ressourcen- und Rohstoffwende in Verbindung mit der entsprechenden Speichertechnologie einhergehen. Ein grundsätzliches energetisches Umdenken ist nötig.

Solarenergie für Wärme, Strom und Mobilität

Wie diese Lösung konkret aussehen kann, zeigt das Bau- und Energiekonzept der vernetzten energieautarken Gebäude mit Pauschalmiete und Energieflatrate. Hier dreht sich alles um den kostenfreien und krisensicheren „Rohstoff“ Sonne. Große Solarthermie- und Photovoltaikanlagen auf den Dächern oder an Fassaden von Ein- und Mehrfamilienhäusern ebenso wie Gewerbegebäuden liefern Solarenergie für Wärme, Strom und Elektromobilität.

Prinzip der vernetzten Energieautarkie: Das Solardach besteht aus Solarthermie- und PV-Modulen sowie schräg montierten PV-Modulen an der Balkonbrüstung, der Langzeitwärmespeicher ist im Gebäude über mehrere Etagen positioniert.

War ein Gebäude gestern noch ausschließlich Energieverbraucher – das Wärme und Strom von außerhalb benötigte –, so deckt es seinen Energiebedarf heute selbst. Es erzeugt Energie, vor allem aus Sonnenlicht, speichert sie und erwirtschaftet bisweilen sogar Überschüsse, die zum Beispiel benachbarten Gebäuden zugutekommen kann.

Zentral bei diesem Konzept, das bereits mit dem Deutschen Solarpreis 2018 ausgezeichnet wurde, ist die Energiespeicherung. Sie ist heute sowohl für Solarwärme als auch für Solarstrom problemlos möglich. Langzeitwärmespeicher und Photovoltaik-Akkus erlauben es, eigenproduzierte Wärme und Solarstrom antizyklisch zu nutzen. So bleibt Energieautarkie keine Utopie.

Individuum und Allgemeinheit profitieren

Das Ziel ist aber nicht nur die eigene Energieautarkie: Wirklich innovative Lösungen teilen den Nutzen der eigenen energetischen Unabhängigkeit langfristig mit der Allgemeinheit. Sämtliche Speicher – sowohl die Elektrospeicher von Haus und Elektroauto als auch die Langzeitwärmespeicher – können den regionalen Energieversorgern zur Lagerung von Energieüberschüssen zur Verfügung gestellt werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Antizyklisch auftretende Energieaufkommen und -verbräuche verursachen derzeit doppelte Kosten für die Versorgungsunternehmen – ohne jeden Nutzen. Trotz abgeschalteter Anlagen, etwa Windenergieanlagen, muss die Einspeisevergütung bezahlt werden. Kann die Energie aber dezentral in die Speicher dieser Gebäude als Strom oder auch Wärme eingelagert werden, entfallen diese Kosten. Vernetzte energieautarke Gebäude machen deshalb nicht nur für ihre Bewohner weitestgehend unabhängig, sie leisten auch einen Beitrag zur Stabilisierung der Stromnetze.

Pauschalmiete mit Energieflatrate

Das Konzept der vernetzten energieautarken Gebäude wurde von meiner Firma „Timo Leukefeld – Energie verbindet“ entwickelt und persönlich erprobt. In Freiberg bei Dresden haben wir die ersten bezahlbaren schlüsselfertigen Einfamilienhäuser nach diesem Konzept gebaut. Wir nutzen sie als Büro- und Wohnhäuser. Aktuell werden mehrere Mehrfamilienhäuser und Gewerbebauten mit dem Konzept der vernetzten Energieautarkie errichtet. Für die Wohnungswirtschaft haben wir zudem das Konzept der Pauschalmiete mit Energieflatrate entwickelt. Ein Beispiel, das deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt hat, ist das Bauprojekt der eG Wohnen 1902 in Cottbus.

Die Wohnungsgenossenschaft baut zurzeit zwei vernetzte energieautarke Mehrfamilienhäuser mit jeweils sieben Wohnungen, die von der TU Bergakademie Freiberg mehrere Jahre vermessen werden, gefördert durch das Wirtschaftsministerium. Durch große Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen, Solarstrom-Akkus und Langzeitwärmespeicher wird der Autarkiegrad bei Wärme und Strom an die 70 Prozent erreichen. Ein absolutes Novum in Deutschland: Die eG Wohnen wird ihren Mietern zunächst für fünf Jahre eine Pauschalmiete mit Energieflatrate in Höhe von 10,50 Euro/m² bieten. Darin enthalten sind die Kosten für Wohnen, Wärme und Strom.

Miete mit Energieflat: In Cottbus entstehen derzeit zwei energieautarke Mehrfamilienhäuser mit je sieben Wohneinheiten. Der Vermieter kann dem Mieter für mehrere Jahre eine Pauschalmiete anbieten, in der Wohnen, Wärme, Strom und künftig auch E-Mobilität als Flatrate enthalten sind.
Foto: eG Wohnen Cottbus

Intelligente Energieverschwendung

Grundlage hierfür ist das Prinzip der Nahe-Null-Grenzkosten, das auf Jeremy Rifkin und sein Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ zurückgeht. Der US-amerikanische Soziologe, Ökonom und Publizist beschäftigt sich darin mit dem Internet der Dinge, dem Rückzug des Kapitalismus und kollaborativem Gemeingut. Rifkins These: Durch das Internet der Dinge und die zunehmende Digitalisierung steigt die Produktivität in einem Maße, dass die Produktionskosten rapide sinken. Dadurch würden sich die Grenzkosten vieler Güter und Dienstleistungen immer weiter in Richtung Null bewegen, also fast kostenlos werden. An die Stelle des Kapitalismus trete die Share Economy, bei der das Teilen, Tauschen und Teilnehmen im Mittelpunkt stehe.

Durch den Strukturwandel in der Energieversorgung sinken derzeit auch die Energiekosten rapide. Laut dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) werden die Erzeugungskosten für Solarstrom im Jahr 2030 unter 1,5 Cent je Kilowattstunde betragen. Die Betreiber von Photovoltaikanlagen haben nur noch die Investitionskosten für ihre Energieerzeugungsanlagen und die lokale Energiespeicherung zu tragen, danach fallen lediglich die Kosten für eventuelle Reparaturen und Wartung an.

Das wird zu einem erheblichen Strukturwandel im Energiemarkt führen, der ebenfalls von dem Prinzip der Share Economy geprägt sein wird. Das Konzept des vernetzten energieautarken Hauses basiert auf dem Prinzip des Teilens und Austauschens von sehr kostengünstig erzeugter Energie. Zu Anfang ist die Investition für die Energietechnik höher, dafür sind die Energiekosten in der Zukunft aber gleich weitgehend abgedeckt.

Für Wohnungsunternehmen entfällt durch die Pauschalmiete der Aufwand für die jährlichen Messungen, Abrechnungen sowie möglicher Aufwand für Gerichtsprozesse bei Nichtzahlung. Für die Mieter reduziert sich der Kostendruck durch die zweite Miete erheblich – Energieverbrauch wird zum Zugewinn an Lebens- und Wohnqualität. Sie können intelligent-verschwenderisch leben und arbeiten: Die Häuser bieten behagliche, komfortable Temperaturen, das Licht kann man auch mal brennen lassen und – elektrisch – viele Kilometer mit dem Elektroauto fahren. Das alles ganz ohne schlechtes Gewissen und ohne erhobenen Zeigefinger.

Über den Autor

Prof. Timo Leukefeld zeigt neue Wege im Umgang mit Ressourcen und Energie auf. Seit 20 Jahren entwickelt er energieautarke Gebäude und Quartiere, die sich intelligent selbst mit Wärme, Strom und E-Mobilität aus der Sonne versorgen – und dazu passende neue Geschäftsmodelle. Weitere Infos unter timoleukefeld.de sowie auf Future Talks.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Prof. Timo Leukefeld

Prof. Timo Leukefeld ist Energiebotschafter der Bundesregierung und zeigt neue Wege im Umgang mit Ressourcen und Energie auf: Weg vom Verbrauch endlicher Rohstoffe hin zu einer zukünftigen Kultur des Gebrauchens.