Welche Fragen auf dem WEF 2019 gestellt werden müssten

Auf der Suche nach dem Sinn: Das Weltwirtschaftsforum in Davos und die eigentlichen Herausforderungen einer Globalisierung 4.0.

Von André Reichel

Das World Economic Forum 2019 steht ganz im Zeichen des Oberthemas „Globalization 4.0: Shaping a New Architecture in the Age of the Fourth Industrial Revolution“. Dieses Mal ist es aber nicht nur eine angenehme Diskussion über die Fortführung der Globalisierung mit neuen Technologien und neuen ökonomischen Chancen. Vielmehr herrscht ein besorgter Blick auf die neuen Realitäten der globalen Wirtschaft, vor allem

  • auf den neuen Nationalismus und die Politik der Abschottung, die sich in weiten Teilen der ehemals so globalisierungsfreundlichen Länder wie den USA und Großbritannien, aber auch in Brasilien, auf den Philippinen und im Herzen Europas, in Österreich, Ungarn und Polen breitmachen;
  • auf den menschengemachten Klimawandel, der sich im letzten Jahr in einem erneuten Jahrhundertsommer deutlich ins Bewusstsein gebracht hat und für dessen Abschwächung es gerade nicht nationale Abschottung, sondern internationale Kooperationen zwischen Politik und Wirtschaft, aber auch der Zivilgesellschaft braucht.

Ebenso wird das Thema der geistigen Gesundheit eine Schwerpunktrolle spielen. Die Zunahme psychischer Erkrankungen vor allem in den frühindustrialisierten Ländern was Depression und Burnout angeht, drohen zu einer neuen Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts zu werden.

Der Gründer des WEF, Klaus Schwab, hat die Aufgabe des diesjährigen Forums so formuliert: die Globalisierung habe zwar in den letzten 30 Jahren mehr Gewinner als Verlierer geschaffen, aber jetzt sei es an der Zeit, sich vor allem um die Verlierer zu kümmern. Ob diese Botschaft bei denen ankommt, die damit gemeint sind und die es wohl nie nach Davos in die Konferenzsäle schaffen werden, bleibt abzuwarten. Die Aussage von Schwab ist aber aus einem anderen Grund interessant, sie verweist nämlich auf ein Kernproblem, das vermutlich sowohl dem neuen Nationalismus, als auch dem Klimawandel und erst recht der Zunahme psychischer Erkrankungen zu eigen ist. Die Realität der Weltwirtschaft, und auch ihrer Gesellschaften, wird durch so eine Aussage als eine rein ökonomische aufgefasst. Es gab ökonomische Gewinner und eben ökonomische Verlierer. Also braucht es einen irgendwie gearteten ökonomischen Ausgleich und die Probleme fangen an, sich aufzulösen.

Das ist aber zu kurz, zu ökonomistisch gesprungen. Es erscheint mir eher so, dass am Grunde all der genannten Probleme und Herausforderungen, eine fundamentale Sinn- und Identitätskrise gerade in den frühindustrialisierten Gesellschaften steht. Die Globalisierung hat zu einer Auflösung traditioneller „Phänomene wie die Wahl von Donald Trump oder der jetzt wohl endgültig anstehende Brexit sind gesellschaftliche Reaktionen auf den Sinnverlust gerade auch durch Globalisierung.“ Strukturen geführt, vor allem der Strukturen der Industriegesellschaft, darunter zum Beispiel das Ende der Normalarbeitsverhältnisse, die Spaltung der ehemaligen Arbeiterklasse in hoch- und niedrigverdienende Dienstleistungsberufe, die Neusortierung von Geschlechterverhältnissen und sexuellen Identitäten, die schwindende Akzeptanz von Autoritäten und Expertenwissen. Der Soziologe Ulrich Beck hat das vor über 30 Jahren schon beschrieben, jetzt ist es allerdings unübersehbar geworden – mit politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen.

Der Verlust dieser Strukturen geht einher mit einem Verlust an Orientierung, an Zugehörigkeit, an Identität – und letztlich mit einem Verlust an Sinn. Unter Sinn kann man die widerspruchsfreie Einordnung dessen, was ist, in das, was sein könnte bezeichnen. Mit anderen Worten: die eigene Alltagsrealität stimmt mit dem überein, was man als „richtig“ empfindet – und erscheint sie nicht so, dann kann man Wege aufzeigen, wie sie zu ändern ist. Sinnverlust meint dann, dass die eigene Alltagsrealität nicht mehr zu dem passt, was „richtig“ ist bzw. dass man nicht mehr klar sagen kann, was „richtig“ ist und keine oder nur unklare Hinweise hat, wie man sein Leben entsprechend ändern kann. Sinnverlust ist das überwältigende Gefühl, nicht mehr der Autor des eigenen Lebens sein zu können, ein Boot ohne Steuer und Segel in stürmischer See.

Das Aufkommen des neuen Nationalismus lässt sich damit ebenso erklären wie die Zunahme psychischer Erkrankungen. Phänomene wie die Wahl von Donald Trump oder der jetzt wohl endgültig anstehende Brexit sind gesellschaftliche Reaktionen auf den Sinnverlust gerade auch durch Globalisierung. Depressionen, Angstzustände und die Verschreibungsrate von Psychopharmaka sind die individuellen Reaktionen darauf. Und der Klimawandel? Der Klimawandel ist Ausdruck eines hyperökonomistischen Systems, das lediglich ökonomisches Wachstum kennt, eine beständige Ruhelosigkeit, die nur durch mehr materielle Produktion und materiellen Konsum beruhigt werden kann – aber nur vorläufig, denn wehe, wenn sich die Wachstumseinsichten einmal eintrüben, wie es wohl 2019 und 2020 der Fall sein wird. In so einem Wachstumssystem wird eine zutiefst individuelle wie gesellschaftliche Frage – Warum und wozu sind wir hier? – mit den Mitteln der Wirtschaft zu beantworten versucht: um Geld zu verdienen, um Gewinn zu mehren, um sich etwas leisten zu können und so weiter. Wenn aber alle materiell zu befriedigenden Bedürfnisse für immer mehr Menschen auf dem Planeten befriedigt sind, was bleibt dann übrig? Noch mehr Wirtschaft, noch mehr Wachstum?

Dies ist sicherlich eine zutreffende Analyse für die Gesellschaften, die sich in einem bestimmten fortgeschrittenen Zustand der Versorgung mit Gütern und Dienstleistung befinden. Nimmt man den Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen und die dort festgelegte Definition von „am höchsten entwickelt“, dann sprechen wir von fast 1,2 Milliarden Menschen. Schaut man noch zusätzlich auf die „hoch entwickelten“ Ländern, dann sind wir schon bei mehr als 3,6 Milliarden – das entspricht aktuell mehr als 46 Prozent aller Menschen auf der Erde. Was wäre eine Alternative für diese Menschen, die mehr Sinnhaftigkeit, weniger individuelles Leiden und eine sozial wie ökologisch gerechtere Welt verspricht?

Ein allgemeines Rezept lässt sich hier sicherlich nicht verschreiben, aber ein „weiter so“ im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des immerwährenden Wachstums und der Verengung auf ökonomische Fragestellungen kann es sicherlich nicht sein. Zusammen mit dem Zukunftsinstitut ist im letzten Jahr dazu eine Studie entstanden, die sich aus einzelwirtschaftlicher Sicht, aus der Sicht von Unternehmen und Unternehmenden, mit Fragen eines anderen Wirtschaftens jenseits ökonomischer Wachstumszwänge befasst: Next Growth. Deren zentrale Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Wachstum reflektieren: Was bedeutet eigentlich „Wachstum“ für einen selbst, für ein Unternehmen? Wozu wachsen? Und: was soll eigentlich wachsen?
  • Wachstum rekonstruieren: Welches Wachstum gibt es neben dem materiell-ökonomischen? Welche Beiträge für soziale und ökologische Mehrwertschöpfung sind vorhanden? Und: wie kann das gemessen werden?
  • Sinn als Fundament des Wirtschaftens: Wie kann Sinn neu geschaffen werden? Was bedeutet sinnhaftes Leben, Arbeiten, Wirtschaften? Und: mit wem muss ich mich zusammentun, damit etwas Sinnvolles entstehen kann?
  • Globale Kollaboration statt nationale Konfrontation: Welche Formen der Zusammenarbeit stiften Sinn – in der Wirtschaft wie in der Politik, lokal wie national wie global? Wie können transnationale Organisationen gleichzeitig lokal geerdet sein und dabei Heimat schaffen? Und: wie kann Heimat im Plural gedacht werden?

So eine Refokussierung auf mehr als nur Wirtschaft, auf mehr als nur Wachstum, wäre dringend notwendig. Eine solche Debatte anzustoßen auf dem World Economic Forum und diese Debatte dann weiter zu tragen in nationale und lokale Arenen, in Unternehmen, in Parteien, in Vereine und an den Küchentisch – das wäre ein gutes Zeichen für eine menschengerechte, nachhaltige Globalisierung 4.0.

Über den Autor

 

André Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management (ISM). Er ist Diplom-Kaufmann und hat an der Universität Stuttgart in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Vor seiner Tätigkeit an der ISM war er Professor an der Karlshochschule International University, Research Fellow an der Zeppelin Universität und Gastdozent am Environmental Change Institute der University of Oxford. Er ist zudem ehrenamtlicher Vorstand der elobau-Stiftung in Leutkirch im Allgäu. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich einer nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, den betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Mit dem Zukunftsinstitut hat er 2018 die Studie „Next Growth: Wachstum neu denken“ herausgegeben.

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Prof. Dr. André Reichel

Professor für Critical Management & Sustainable Development