Wie lässt sich sozial und nachhaltig wirtschaften?

Sebastian Stricker, Gründungsmitglied und Geschäftsführer des Berliner Start-ups share, spricht über die Möglichkeit, mit sozialverträglichen Konsumgütern globale Probleme zu lösen. – Ein Interview aus der Trendstudie „Neo-Ökologie – Der wichtigste Megatrend unserer Zeit“.

Foto: share

Herr Stricker, was hat Sie motiviert, share zu gründen?

Ich habe im Rahmen meiner Arbeit für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gelernt, dass es im Durchschnitt nur 40 Cent kostet, eine Person einen Tag lang zu ernähren. Mit der Spenden-App ShareTheMeal wollte ich das Spenden so einfach wie möglich machen: Bei jedem Druck auf den Button erhalten die Vereinten Nationen 40 Cent und können damit eine Person einen Tag lang ernähren. Man kann sich das gut vorstellen, wenn man gerade zu Mittag isst und dann per Knopfdruck eine Mahlzeit teilt. So etwas wollte ich auch mit Produkten des täglichen Lebens ermöglichen – genau das macht share.

Wie genau setzt share den Nachhaltigkeitsgedanken um?

Der Fokus liegt auf sozialer Nachhaltigkeit und auf unserem 1+1-Prinzip: Beim Kauf eines Produktes bekommt ein anderer ein äquivalentes Produkt. So wird beispielsweise für eine Flasche Wasser ein Tag Trinkwasser gespendet, ein Bio-Snack ermöglicht eine Mahlzeit und für ein Hygieneprodukt wird eine Seife an einen Menschen in Not gespendet. Gleichzeitig wollen wir ein Beispiel für wirtschaftliche Nachhaltigkeit sein, indem wir zeigen, dass soziale Unternehmen auch aus wirtschaftlicher Perspektive nachhaltiger sind. Die Frage ist: Will ich ganz kurz im Markt einen schnellen Reibach machen, oder will ich etwas aufbauen, das mittelfristig Wert schafft? Studien belegen, dass nachhaltige Unternehmen und Social-Start-ups eine bessere Performance haben.

Was genau macht ein Produkt „sozial“?

Entscheidend ist das, was man in den Volkswirtschaften sozialen Überschuss oder soziale Bilanz nennt: Habe ich mit dem Konsum der Gesellschaft geschadet, oder habe ich sie besser gemacht? Wenn beispielsweise der Müsliriegel, den ich esse, eine Tonne Plastikmüll verbraucht „Entscheidend ist das, was man in den Volkswirtschaften sozialen Überschuss oder soziale Bilanz nennt: Habe ich mit dem Konsum der Gesellschaft geschadet, oder habe ich sie besser gemacht?” oder zu unfairen Bedingungen produziert wurde, hat das natürlich schlechte Auswirkungen auf die Gesellschaft. Hinzu kommt eine psychologische Betrachtungsweise: Konsum ist üblicherweise negativ konnotiert. Bei share wird dieser Gedanke umgekehrt: Sozialer Konsum wird zu einem positiven Erlebnis. Er hat einen positiven Effekt auf die Gesellschaft und fokussiert sich nicht nur auf den einzelnen Verbraucher. Der Anspruch von share ist es, die Welt besser zu machen. Das hat mit dem Produkt selbst zu tun, mit der Supply Chain, mit der Behandlung der Stakeholder und mit der Verpackung.

Die Produkte von share gibt es bei großen Partnern wie REWE oder dm – welche Strategie steht dahinter?

Um im Lebensmittelhandel überhaupt bestehen zu können, braucht man gewisse Skaleneffekte, insbesondere, wenn man aufgrund der Nachhaltigkeit noch eine höhere Kostenstruktur hat. Aktuell sind wir in etwa 6.000 Verkaufsstellen vertreten, was für ein relatives junges Unternehmen ziemlich beeindruckend ist. Mit unseren Partnern sind wir fast per Zufall ins Gespräch gekommen, und sie waren sofort dabei. Diese wunderbaren Partnerschaften versuchen wir zu pflegen.

Sie kooperieren auch mit verschiedenen Hilfsprojekten. Wie wählen Sie diese Partner aus?

Im Wesentlichen gibt es zwei Kriterien. Erstens: Dort, wo das Geld eingesetzt wird, muss ein signifikanter Bedarf für die Hilfsleistung bestehen, unabhängig davon, ob das in Berlin oder in Liberia ist. Und zweitens: Es muss ein Programm und ein Partner sein, der auch helfen kann. Wenn Not auf Kompetenz trifft, dann ist es für uns das, was wir machen wollen.

Momentan hat share Wasser, Hygiene und Essen als Felder. Soll das Produktangebot ausgebaut werden?

Genau, wird sind mit zehn Produkten in diesen drei Bereichen gestartet, weil sie die Grundbedürfnisse für ein menschenwürdiges Leben abbilden: Zugang zu Essen, Wasser und Hygiene. Wir planen, stark in die Breite zu gehen und interessieren uns für Bildungsprojekte, Kleidung und Behausung sowie für Financial Services. Aus unserer Sicht geht es weniger um das Produkt als um die Idee des Konsums – wobei das 1+1-Prinzip gesetzt ist. Sozialer Konsum ist unser zentrales Thema, weil wir der Meinung sind, dass wir als Gesellschaft nachhaltige Lösungen finden müssen, um die wachsende soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Ein guter Lösungsansatz ist da, den Konsum sozial zu machen.

Was halten Sie von Kompensationen für Flüge? Ist auch das eine Art von sozialem Konsum?

Ich glaube total an Emissionszertifikate, wenn sie gut umgesetzt sind. Ich glaube auch an die Idee, dass man nicht nur die Welt besser machen will, sondern dies auch möglichst effektiv angeht, in diesem Fall auch kosteneffizient. Klimagase gehören eingepreist. Wenn die Politik das nicht macht, muss ich es als Individuum tun.

Stehen wir an einer Zeitgeist-Wende? Begreifen die Menschen, dass es so nicht weitergeht?

Alle Indikatoren sprechen dafür, dass es so ist. Sozialer Konsum boomt, ein Unternehmen nach dem anderen schwenkt auf das Thema ein. Gleichzeitig habe ich ein bisschen Sorge, was passiert, wenn die nächste Krise kommt. Ich hoffe, dass sich nachhaltiges Wirtschaften rechtzeitig als Standard etabliert, „Gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen sind die besseren Unternehmen. Sie wachsen schneller, finden bessere Mitarbeiter und genießen einen höheren Zuspruch” bevor es wieder infrage gestellt werden könnte.

Können sozialer Konsum und nachhaltiges Wirtschaften einen Systemwandel herbeiführen? Was ist Ihre Vision für die Welt von morgen?

Wenn ich mal Kinder habe, fände ich es verdammt schön, wenn es im Supermarkt nur noch nachhaltige Produkte gibt und ich weiß: Für den Schokoriegel, den ich mir kaufe, bekommt ein anderes Kind, das hungern muss, auch etwas zu essen. Das ist für mich eine emotional extrem kraftvolle Idee. Genauso finde ich es gut, wenn man sagt: „Wir versuchen das Klimaproblem in den Griff zu bekommen.“ Der Trend geht in diese Richtung, ob mit dem 1+1-Prinzip oder dem Fokus auf ökologische Nachhaltigkeit. Ich wünsche mir, dass sich damit eine Form von Unternehmertum etabliert, die Gewinn und gesellschaftliche Verantwortung nicht als Entweder-oder sieht, sondern als einen sich gegenseitig verstärkenden Kreislauf. Gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen sind die besseren Unternehmen. Sie wachsen schneller, finden bessere Mitarbeiter und genießen einen höheren Zuspruch – nicht nur vonseiten der Kunden, sondern hoffentlich künftig auch vonseiten der Regierung.

Über Sebastian Stricker

Foto: Viktor Strasse

Sebastian Stricker ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer von share, einer Konsumgütermarke, die auf dem 1+1-Prinzip basiert: Für jedes verkaufte Produkt wird ein äquivalentes Produkt an einen Menschen in Not gespendet. Vor share gründete Stricker die weltweit anerkannte Spenden-App ShareTheMeal, die inzwischen von den Vereinten Nationen weitergeführt wird und von Google als „Best Social Impact App 2017“ ausgezeichnet wurde.

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