Die Kybern-Ethik der Next Economy

Das Management der Wirtschaft von morgen wird immer mehr vor unentscheidbaren Entscheidungen stehen – und braucht deshalb eine neue, selbstaufgeklärte Ethik. 

Von Prof. Dr. André Reichel (09/2015)

In der Next Economy kann wirtschaftlicher Mehrwert nicht einfach nur als Operating Cashflow oder mittels Liquiditätskennzahlen bewertet werden. Denn diese Zahlen sind bestenfalls ein finanzieller gegenwartsbezogener Mehrwert. Wirtschaftlicher Mehrwert ist aber auf die Zukunft bezogen und meint die Steigerung von Wertschöpfungspotenzialen im kybern-ethischen Verständnis eines Heinz von Foerster: Handle stets so, dass die Handlungsmöglichkeiten mehr werden. Handlungen, die irreversibel in Natur und Gesellschaft eingreifen, verringern dagegen eher Handlungsmöglichkeiten. Low Growth, Low Energy und Low Carbon markieren auch hier die Eckpunkte wirtschaftlicher Wertschöpfung.

Warum überhaupt eine Kybern-Ethik für Management in der Next Economy? Weil Management sich künftig noch stärker als heute vor prinzipiell unentscheidbare Entscheidungen gestellt sieht. Soll das Zwei-Grad-Ziel für unternehmerische Entscheidungen gelten? Sollen wir dazu neue Technologien einsetzen, uns von CO2-intensiven Geschäftsfeldern trennen oder grundsätzlich über unseren Unternehmenszweck nachdenken? Wie soll sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Mehrwert ins Verhältnis zueinander gesetzt werden? Wie soll eigentlich ein sozialer oder ökologischer Mehrwert bewertet werden? Wer soll in Zukunft die Entscheidungen über unser Geschäft treffen? 

Es gibt auf all diese Fragen keine eindeutigen Antworten; die Folgen der jeweiligen Entscheidungen erzeugen erst die Antworten – und mit ihnen die Bedingungen der Next Economy. Unentscheidbarkeit erzeugt paradoxerweise ein Höchstmaß an Entscheidungsfreiheit, weil es keine vorgefertigten Antworten gibt, weil Management sich nicht an Lehrbuchwissen orientieren kann und darf, wenn es weiterhin erfolgreich sein soll. Damit fallen aber auch viele Zwänge weg – um den Preis der völligen Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln. Heinz von Foerster nennt dies den Übergang vom „Du sollst, du sollst nicht“ zum „Ich soll, ich soll nicht“ – Kybern-Ethik als selbstaufgeklärte Ethik des Managements in der Next Economy.

Es geht also nicht um einen Moralappell, schon gar nicht um eine Moralpredigt, sondern um die Erkenntnis und Akzeptanz des unauflösbaren ethischen Knotens der eigenen Entscheidungen. In diesem kybern-ethischen Verständnis wird Ethik zu einem strategischen Faktor: Strategizing as Ethics – strategisches Denken, Planen und Handeln als ethisches Denken, Planen und Handeln. Die Unternehmensstrategien in der Next Economy sind von der zugrunde liegenden ethischen Haltung – des Managements, der Organisation, der Wertschöpfungsarchitektur und -partner, des Produkts und seiner Wirkungen – nicht zu trennen. Dabei geht es keineswegs um Wahrheit, noch nicht einmal um Richtigkeit, sondern um Reflexivität bezüglich der Folgen der eigenen Entscheidungen auf die soziale und ökologische Mitwelt und die Übernahme von Verantwortung für Entscheidungsfolgen. Deswegen gilt in der Next Economy der kybern-ethische Imperativ: „Handle stets so, dass die Handlungsmöglichkeiten für alle – für dich und deine Mitwelt – größer und nicht kleiner werden.“

Da der Überblick über alle Handlungsfolgen nicht an einer einzigen Stelle wie zum Beispiel dem Top-Management gebündelt vorliegen kann, bekommt die Öffnung von Entscheidungsprozessen in der Next Economy eine zentrale Bedeutung: Open Leadership als Paradigma der Unternehmensführung, bei dem heterarche und demokratische Entscheidungsstrukturen in den Vordergrund rücken. Premium Cola von Uwe Lübbermann ist ein Beispiel dafür, wie man in solchen offenen und nicht-hierarchischen Strukturen schon heute unternehmerisch nachhaltige Entscheidungen treffen und ein Unternehmen erfolgreich führen kann. Oder besser: wie man ein Unternehmen sich erfolgreich selbst führen lassen kann.

Über den Autor

Prof. Dr. André Reichel ist Professor für Critical Management & Sustainable Development an der Karlshochschule International University (Karlsruhe). Zuvor war er Research Fellow am Europäischen Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung der Zeppelin Universität (Friedrichshafen). Reichels Forschungsschwerpunkte liegen in der betriebswirtschaftlichen Perspektive auf die Postwachstumsökonomie, insbesondere auf wachstumsresiliente Geschäftsmodelle und neue Erfolgsindikatoren. Mehr Infos unter www.andrereichel.de 

Eine ausführliche Analyse von André Reichel zum Wandel von der Now Economy zur Next Economy lesen Sie im “Zukunftsreport 2016”.

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