Kein Essen für die Tonne

Lebensmittelverschwendung war lange ein unbeachtetes Thema. Doch nun packt eine neue Generation Sozialunternehmer selbst an und entwickelt innovative Lösungen.

Von Daniel Anthes (05/2017)

Wikimedia / Foerster / CC0

Unglaublich, aber wahr: Weltweit werden 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen. Für Deutschland allein macht das jährlich 18 Millionen Tonnen aus – ein Drittel des hiesigen Nahrungsmittelverbrauchs. Dabei wäre bereits heute deutlich mehr als die Hälfte vermeidbar. Umgerechnet landen so 313 Kilogramm genießbare Lebensmittel pro Sekunde in der Tonne. Dabei hat die Lebensmittelproduktion an sich schon ein gigantisches Umweltproblem: Sie verbraucht den Löwenanteil des Frischwassers, ist verantwortlich für den Großteil der Waldrodung und Abholzungen weltweit und trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher Gase bei.

Wir haben nicht nur eine Industrie geschaffen, die der Umwelt unseres Planeten schwer zusetzt: Wir schaffen es auch nicht, die Menschheit zu ernähren – trotz der absurden Überproduktion. Mehr als 800 Millionen Menschen leiden faktisch immer noch Hunger. Von allgemeiner Nahrungsmittelsicherheit und nachhaltiger Entwicklung sind wir also noch meilenweit entfernt. Dabei könnte die Erde schon heute bei einer gerechteren Verteilung die bis 2050 prognostizierten 10 Milliarden Menschen ernähren.

Immer mehr Menschen wollen nicht länger darauf warten, bis die Politik oder die Wirtschaft sich, in Form von Gesetzen oder Konzerninitiativen, diesem drängeden Problem annehmen. Man will das aus dem Ruder gelaufene System selbst in den Griff bekommen. Und so lässt sich eine wahre Gründungswelle von Social Businesses und Food-Startups beobachten, bei denen die Wertschätzung von Lebensmitteln und damit die Vermeindung von Lebensmittelverschwendung das zentrale Unternehmensziel ist.

  • Das Hamburger Sozialunternehmen Das Geld hängt an den Bäumen erntet mit einer gärtnermeisterlich betreuten Gruppe von Menschen mit Handicap Obst, das sonst ungepflückt bliebe, und lässt daraus in einer Slow Food-Mosterei Direktsaft pressen. Alle Erlöse aus dem Vertrieb bleiben zu 100 Prozent in der gemeinnützigen GmbH und finanzieren so Arbeitsplätze für gesellschaftliche Randgruppen.
  • „Ugly fruits“ – zu kleines, zu großes oder krummes Obst und Gemüse – bekommt durch die regionale Vermarktung von Querfeld eine zweite Chance. Seit 2013 liefert das soziale Unternehmen in Berlin und München wöchentlich rund 300 Kilogramm unter anderem an Kitas und Schulen, Tendenz steigend. Die kooperierenden regionalen Bio-Landwirtschaftsbetriebe machen trotz vermeintlich nicht vermarktbarer Ware mehr Umsatz. Und die Verbraucher profitieren von einem vergleichsweise günstigen Bio-Angebot.

  • WeFood aus Kopenhagen ist der erste Supermarkt, der ausschließlich von anderen Lebensmittelhändlern aussortierte Lebensmittel verkauft – für die Hälfte des Originalpreises. Die Non-Profit-Organisation, die hinter dem Konzept steht, will damit nicht nur Menschen ansprechen, die etwas gegen die Lebensmittelverschwendung auf der Welt tun wollen, sondern auch einkommensschwachen Haushalten eine Einkaufsmöglichkeit bieten.
  • Rubies in the Rubble (zu Deutsch: Rubine im Schotter) aus London sammelt von Lebensmittelgeschäften übriggebliebenes bzw. aussortiertes, aber dennoch genießbares Obst und Gemüse und macht daraus Soßen, Chutneys sowie Marmelade. Die Gründerin Jenny Dawson entschied sich bewusst gegen die Form einer gemeinnützigen oder Nichregierungsorganisation, da ihrer Ansicht nach gesellschaftliche Probleme eher von sozialorientierten Unternehmern gelöst werden können.

Immer mehr Initiativen versuchen, das Problem der Lebensmittelverschwendung mithilfe eines sozialunternehmerischen Ansatzes zu lösen. Dass die Konzepte aufgehen, leuchtet ein: Denn selten war es für Konsumenten einfacher, Geld zu sparen und dabei noch einen Beitrag zu ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit zu leisten.

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