Weg von der Wachstumspanik

Wie können wir uns vom Bruttosozial-Fetischismus befreien? In komplexen Volkswirtschaften basiert Wohlstand nicht auf Wachstum, sondern auf Vernetzung.

Von Matthias Horx (09/2015)

Was ist das Anzeichen einer schweren Sucht? Vor allem das Zittern, wenn der Stoff ausgeht. Und genau dieses Zittern wird derzeit wieder von den Medien, respektive den Wirtschaftsmedien, groß in Szene gesetzt. „Rohstoffkrise nährt Ängste um die kranke Weltwirtschaft!”, „Fachleute warnen vor neuer Euro-Rezession!”, „Schwaches China droht die Weltkonjunktur in den Abgrund zu reißen!”, „Börsen taumeln am Abgrund!” Reißen, zerren, taumeln, fallen, abstürzen – Wirtschaftssprache ähnelt heute einer Mischung aus Kriegs- und Wrestling-Berichterstattung. Und als Kriterium gilt immer nur das Eine: Wachstum

Irgendwann hat es in den kollektiven Hirnen KLICK gemacht. Und WOHLSTAND – wie immer man ihn definiert – wurde gleichgesetzt mit WACHSTUM. Das ist seit den 50er-Jahren so, als eine außergewöhnliche (westliche) Wachstumsperiode die Deutschen aus den Trümmern befreite. Und ihnen vor allem jenen immateriellen Super-Stoff wiedergab, ohne den kein Mensch leben kann: Stolz. Seitdem ist Wachstum mit einer seltsam süchtigen Glückserwartung verbunden. Und  die Wirtschaft ist eigentlich immer „krank”. Oder schrecklich bedroht.

Denn mindestens drei Prozent MEHR müssen es jährlich sein, sonst steht „die Wirtschaft am Abgrund”. Bleibt das Wachstum darunter, tritt eine Heerschaar ökonomischer Experten, Professoren, Ideologen vor die Kameras und verkündet mit düsterem Blick die kommende Krise. Denn die Mehrheit aller ökonomischen Theoretiker ist auf den linearen Wachstumsbegriff fixiert. Dabei sind sich längst Linksradikale und Konservative einig. Sarah Wagenknechts Sozialismus funktioniert wie Krugmans keynesiansiche Peitsche. Die Republikaner argumentieren wie die Kommunisten: Geld muss „in den Kreislauf” gepumpt werden, damit „die Maschine wieder läuft.” Wir ahnen alle, das das nur die nächste Blase schafft.

Das permanente Paranoia-Pfeifen bleibt jedoch nicht ohne Wirkung. Es trägt zu jenem hysterischen Welt-Gefühl bei, das das eigentliche Problem, die wahre Krise unserer Zeit darstellt: Alles geht den Bach herunter, früher oder später! 

Man muss nur die letzte Seite des ECONOMIST in den letzten zwanzig Jahren gelesen haben (die mit den Wachstumslisten aller Länder der Welt), um das Geschrei etwas zu relativieren. Wachstum wechselt zyklisch seine Schwerpunkte. Von den 80 Ländern, die dort aufgezählt sind, verzeichnen zwei Drittel eigentlich IMMER ein ordentliches BSP-Plus. Nur dass vier Prozent Wachstum in Ägypten oder sechs Prozent in Myanmar nicht auf unserem Radar aufscheinen. Die Weltwirtschaft wächst im Schnitt seit 20 Jahren mit rund drei Prozent. Mal mehr, mal weniger. Jahr für Jahr. Trotz Krisen. Vielleicht sogar WEGEN Krisen. Wir befinden uns schon rein numerisch im größten Wirtschaftsboom aller Zeiten. Wir nennen ihn den MILLENNIUM BOOM.

Das Bruttosozialprodukt, erstellt und erfunden 1934 von Simon Kuznets (1901-1985), misst das Volumen der Güter und Dienstleistungen. Es sagt nichts darüber aus, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind, aus welchen Quellen eine Wirtschaft wächst, oder wie der ganze Kuchen den Menschen zugute kommt. Oder wie das ganze in Korrelation zu Umwelt und Natur steht. Wenn China „nur” noch mit sieben Prozent wächst – „Eine Bedrohung für die Weltkonjunktur!” –, dann bewegt dieses Wachstum dreimal so viel Kohle, Stahl, Sand, Beton, wie zehn Prozent chinesisches Wachstum vor zehn Jahren. Drei Prozent Wachstum in der heutigen globalen Weltwirtschaft ist QUANTITATIV so viel wie zehn Prozent Wirtschaftswachstum im Westen 1980. Die Katastrophe von Tianjin hat das chinesische BSP erhöht, weil auch Umweltschäden und Unfälle im Bruttosozialprodukt als Aktivposten zählen. 

Es hilft auch nicht, im Umkehrschluss Wachstum zu NEGIEREN, wie es die „Wachstumsgegner” tun. Wachstum ist weder gut noch schlecht. Es ist nur nicht mehr synonym mit Wohlstand!

Dabei gibt es längst andere Maßstäbe, Wohlstand und Wandel zu erfassen. Da sind – einerseits – die verschiedenen Glücks- und Wellbeing-Indizes, mit denen heute die Lebensqualität  gemessen wird. Auch sie haben ihre Tücken und Engführungen.  Der „World Happiness Index” misst das Glücksgefühl der Menschen – aber ist Glück wirklich eine sinnvolle Kategorie für den Wohlstand (Philosophen sagen, dass nur der glücklich ist, der nicht zu sehr  danach strebt. Sind die Bewohner der IS-Region glücklich? Vielleicht schon...)? Das „Bruttonationalglück” wurde 1979 von Jigme Singye Wangchuck, dem damaligen König von Bhutan geprägt. In Bhutan gibt es ein „Wellbeing”-Ministerium, das jährlich die ERLEBTE LEBENSQUALITÄT der Menschen misst. Der neue deutsche „Nationale Wohlstandsindex” misst hingegen eher die Ängste – danach lebt man im Wohlstand, wenn man „keine finanziellen Sorgen hat” oder „sich sicher fühlt”.

Einen völlig neuen SYSTEMISCHEN Ansatz bietet dagegen der Atlas of Economic Complexity der Harward-Wissenschaftler Ricardo Hausmann und Cesar Hildalgo (u.a.). Dieser interaktive Atlas misst die Vernetzungspotenziale einer Wirtschaft, ihre Lernfähigkeit und Innovationskraft. Wirtschaft wird hier aus einer HOLISTISCHEN Perspektive betrachtet, in die auch das soziale Kapital und die „Good Governance” eingehen. 

Atlas of Complexity Wohlstandsverständnis
Atlas of Complexity: Holistisches Wohlstandsverständnis
Quelle: infosthetics.com

Ökonomische Komplexitätsanalyse verabschiedet sich vom maschinellen, linearen Denken. Sie sieht die Wirtschaft als das, was sie in einer offenen, globalen Welt immer mehr ist: ein WISSENSnetzwerk, ein lebendiger Organismus! Dabei kommt es nicht auf „Output” und „Input” allein an, sondern auf die KONNEKTOME. In Hausmanns/Hidalgos Ansatz werden die Größen und VERBINDUNGEN der einzelnen Wirtschaftssektoren sichtbar gemacht - aber nicht nur in Bezug auf ihre Ausübung, sondern auf ihre POTENZIALITÄT. Ein Land hat womöglich – wie Deutschland – die Fähigkeit, Kameras herzustellen, tut es aber nicht, weil es anderswo billiger ist. Das mag sinnvoll sein, weil Kameras woanders billiger herzustellen sind. Es wird aber zum Handicap, wenn damit ganze Teilbereiche und Branchen veröden. Wenn zum Beispiel die Fähigkeiten und Kenntnisse der Optoelektronik verlorengehen, die man ja auch für andere Produkte und Innovationen braucht, etwa im Automobilsektor. 

Im ökonomischen Komplexitäts-Ansatz geht es auch um die RESILIENZ einer Wirtschaft. Inwieweit ist sie in der Lage, ADAPTIV auf Sektorenkrisen zu reagieren? Kann sie alte Sektoren hochtechnisch wiederbeleben, und den Wegfall von Produktion mit Dienstleistungen kompensieren? Wie gut kann sie ihren WISSENSTRANSFER bewältigen – von der Schule in die Betriebe und zurück, vom Handwerk zur Fertigung zur Dienstleitung zum Service? Es nützt wenig, nur Produkte zu produzieren, die sogleich weggeworfen werden müssen, weil der Service fehlt – dann entsteht ausschließlich NEGATIVE (umweltbelastende) Wertschöpfung. Der ökologische Trend führt immer mehr zu integrativen Produktionen, in denen aus Produkten ständig neue Rohstoffe werden, und die Effektivität, das Zusammenspiel, immer wichtiger wird. 

Wenn wir Wirtschaft mit diesen komplexen Kriterien betrachten, ergibt sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Es geht um die Beziehungen: zwischen Kultur, Wirtschaft, Werten und Wissen. Deutschland, so zeigt der Index, hat ein sehr hohes Maß an vernetzter Potenzialität – und genau das macht seine Stärke in der PROZESSBEHERRSCHUNG aus. Die norditalienische Design-Industrie war viele Jahrzehnte so vital, weil es im ganzen norditalienischen Bogen kleine, feine, innovative Familienunternehmen für die Fertigung gab, die sich mit den Designern befruchteten. Die Wirtschaft der Zukunft organisiert Symbiosen, Win-win-Beziehungen.

Und genau das ist – oder war – das Dilemma Chinas: viel Power”, aber wenig komplexes Know-how – Produktion mit dem Brecheisen. China hat vor allem ein Problem mit der kulturellen Verfeinerung der Kooperation. Japan hingegen hat seit Jahrzehnten kein Wachstum – aber braucht es das eigentlich? Vielleicht braucht Japan eher einen Kulturwandel. So High-Tech-orientiert und perfektionistisch die japanische Wirtschaft auch ist – sie stagniert, weil sie keine neuen mentalen Muster mehr entwickeln kann, um Produkte und Dienstleitungen neu zu denken.

Im Starren auf das Auf und Ab des Bruttosozialprodukts spiegelt sich die uralte Angst vor der Knappheit. Aber je mehr wir uns auf diese numerische Größe fixieren, desto weniger verstehen wir den Wandel der Welt. In komplexen Volkswirtschaften gilt: Es ist genug für alle da. Wirtschaft im Wissenszeitalter ist keine Maschine mehr, die unentwegt mehr ausspucken muss. Es sind nicht Verteilungensfragen, sondern Kooperationensformen, die den Wohlstand gestalten. Die kostbarste Ressource ist das Vertrauen. Also genau das, was die Wirtschafts-Berichterstattung mit ihren Alarmismen täglich zerreißt, zerstampft, taumelt und abstürzen lässt. Erst wenn wir dieses Gewürge hinter uns lassen, haben wir einen weiten Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der Wirtschaft – wie Menschen – nicht dauernd nur wachsen muss, sondern besser reifen kann.  

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