New Work und der Aufbruch in die neue Arbeitszeit

Great Resignation, Lying Flat, Quiet Quitting, Burn-on: Weltweit häufen sich die Anzeichen, dass wir ein neues Verständnis von Arbeit brauchen. Darin liegt eine große Chance für mehr Sinnerleben und Resilienz – wenn es uns gelingt, Arbeitszeit und Entlohnung umfänglicher zu definieren. Ein Artikel von Judith Block aus dem Zukunftsreport 2023.

Bild: Unsplash/Jon Tyson

Proteste für bessere Arbeitsbedingungen gibt es seit der Industrialisierung, aus der sich unser heutiges Angestelltenverhältnis entwickelt hat. Im 19. Jahrhundert versammelten sich Arbeiter streikend vor Fabrikhallen, erste Gewerkschaften wurden gegründet. Auch im 20. Jahrhundert wurden die meisten grundlegenden Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse lautstark und kollektiv ausgehandelt. Umso erstaunlicher ist deshalb die Protestbewegung, die wir aktuell beobachten können: Sie wirkt global und lässt kaum eine Branche unberührt – doch sie vollzieht sich im Stillen.

Rund um den Globus streiten Angestellte heute nicht mehr mit ihren Vorgesetzten um mehr Gehalt, Entwicklungschancen oder geringere Arbeitsbelastung. Sondern: Sie kündigen. Unter dem Schlagwort „Great Resignation“ wird das Phänomen weltweit diskutiert. Dadurch verschärft sich der Fachkräftemangel, unter dem bereits heute zahlreiche Unternehmen leiden, denn die Resignierten wünschen sich oft nicht bessere Aufstiegsmöglichkeiten im Job, sondern mehr Ruhe, Ausgeglichenheit und Selbstentfaltung im Privatleben. Als Arbeitskräfte stehen sie deshalb künftig immer weniger zur Verfügung.

Dennoch liegt in der Bewegung eine große Chance. Denn in aller Stille wird die Great Resignation von Phänomenen begleitet, die unser Verständnis von Arbeit radikal umkrempeln. Der Megatrend New Work erhält dadurch eine neue Richtung: Wurde bisher vor allem der Arbeitsort neu interpretiert und umgestaltet, rückt nun die Arbeitszeit in den Fokus und damit auch die Frage, ob Arbeitszeit an sich neu gedacht werden sollte.

Flachliegen als Systemkritik

Veränderung beginnt oft mit einer Ablehnung des Gegenwärtigen. Doch wie lässt sich Unzufriedenheit in einer geschäftigen und konstant hyperaktiven Gegenwart am besten zum Ausdruck bringen? Indem man das „Nichtstun“ zur Kunstform erhebt.

Megatrend New Work

Megatrend New Work

Wie sieht die Zukunft von New Work aus, welche Entwicklungen treibt der Megatrend voran und wie wirkt der Wandel auf die Arbeitswelt der Zukunft?

In ihrem gleichnamigen Buch beschreibt die Künstlerin und Sachbuchautorin Jenny Odell, wie der Müßiggang zum Akt des politischen Widerstands wird: „Das Wesentliche am Nichtstun (...) ist nicht etwa, erfrischt und bereit zu gesteigerter Produktivität an die Arbeit zurückzukehren, sondern vielmehr zu hinterfragen, was wir derzeit als produktiv wahrnehmen.“ Für Odell steht das Nichtstun „in Opposition zu einer produktivitätsbesessenen Umwelt“ und könnte dabei helfen, „Individuen wieder gesunden zu lassen, die dann wieder zur Genesung von Gemeinschaften, (menschlichen oder anderen Gemeinschaften) beitragen können“.

Dass das Nichtstun durchaus als Systemkritik wahrgenommen wird, zeigte sich jüngst in China. Der 28-jährige Luo Huazhong kündigte seine Festanstellung mit einem Plädoyer für das „Flachliegen“ (chinesisch: „tǎng píng“) und der Erklärung, fortan nur noch für das Nötigste zu arbeiten. In seinem als Manifest verfassten Post definiert Huazhong Wohlstand neu: als einfacher Lebensstandard mit viel Freizeit für die geistige und persönliche Entfaltung. Der Text traf einen empfindlichen Nerv. Nicht nur motivierte er zahlreiche junge Erwachsene in China zum beruflichen Downshifting, er forderte auch die Reaktion der Partei heraus. Staatspräsident Xi Jinping nahm persönlich dazu Stellung und ließ die Wände von U-Bahnstationen großformatig mit seiner Gegenforderung plakatieren: „Liegt nicht flach!“.

Nicht nur in China kann das Flachliegen als Ausstieg aus der dort zelebrierten Leistungsgesellschaft interpretiert werden, auch in den USA motiviert der Trend zum Lying Flat zahlreiche Menschen dazu, ihre Jobs zu kündigen. Gewissermaßen komplementär dazu sorgt auch der Trend zum Quiet Quitting für hitzige Debatten: Der Job wird dabei zwar als notwendig für den Lebensunterhalt anerkannt und behalten, doch es werden keine Extrameilen und unbezahlten Überstunden in Kauf genommen. Erledigt werden ausschließlich jene Aufgaben, die im Arbeitsvertrag festgehalten sind.

Dass Passivität zum Ausdruck einer weltweiten Protestbewegung wird, zeigt, wie sehr die heutige Arbeitswelt global unter Spannung steht.

Dass Passivität zum Ausdruck einer globalen Protestbewegung wird, zeigt, wie sehr die heutige Arbeitswelt global unter Spannung steht. Denn so unterschiedlich China und die USA hinsichtlich Wirtschaftspolitik und Gesellschaftssystem aufgestellt sind, verbindet sie doch eine gemeinsame Arbeitsmoral: Wohlstand wird als Konsequenz von Fleiß betrachtet. Nun wird immer deutlicher, dass der Leitsatz „Harte Arbeit zahlt sich aus“, der vor allem die Generation der Babyboomer maßgeblich prägte, obsolet geworden ist. Wohlstand wird heute häufiger geerbt als erarbeitet, und Aufstiegsgeschichten sind keinesfalls die Regel, sondern vielmehr die Ausnahme. Harte Arbeit zahlt sich nur noch manchmal aus – und sie hat ihren Preis.

Burn-out – und Burn-on

Im Sommer 2022 erregte das neu beschriebene Krankheitsbild des Burn-on Aufsehen. Im Unterschied zum Burn-out, bei dem eine akute Erschöpfungsdepression zum plötzlichen Zusammenbruch von Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Gesundheit führt, beschreibt Burn-on eine chronische Erschöpfungsdepression. Die Betroffenen erleben und pflegen dabei oft über Jahre hinweg einen Spagat zwischen Unvereinbarkeiten auf unterschiedlichsten Ebenen. Im Arbeitsleben werden dann einerseits Projekte aktionistisch vorangetrieben und Herausforderungen mit betont positiver Haltung angegangen, andererseits fehlen somit Energie und Zeit für alltägliche Aufgaben, die immer weiter aufgeschoben werden – und sukzessive überfordern und deprimieren.

Auf mentaler Ebene stehen sich beim Burn-on zwei Denkwelten unversöhnlich gegenüber: ein anspornender Perfektionismus – und ein Unzulänglichkeitserleben, das keine langfristige Zufriedenheit zulässt. Gut gelaunt die Erschöpfung akzeptieren? Das kann bei kurzfristigen Stressphasen hilfreich sein, wenn ein darauf folgender Erfolg belohnt. Sind aber Stress und Abgabedruck der Normalfall, fehlt die Zeit, Erfolge zu feiern. Die ersehnte Entspannung bleibt dann eine Hoffnung, die immer wieder in die Zukunft verschoben wird.

Dabei spielt das soziale Umfeld der Erkrankten oft eine zentrale Rolle als Ursache und Verstärker. Erschöpfung und Stress gehören längst zum guten Ton in der Arbeitswelt: Bewundert und gefördert werden jene, die gut gelaunt in Einklang bringen, was nicht zusammenpasst. Auch ein ungesundes Verhältnis zu Flexibilität wirkt dabei verstärkend, denn nur durch persönliche Kniffe und Life Hacks wird Widersprüchliches miteinander vereinbar. Wir leben real-digital, machen Workation und feiern das Work-Life-Blending, wir gestalten unsere Multigrafien co-individualistisch und glokal – am liebsten würden wir mehrere Leben unter einen Hut bekommen.

 

Im Sog dieses Sowohl-als-auch sind wir bereit, uns als Kitt zwischen das Unvereinbare zu stellen – denn das Entweder-oder käme einem Eingeständnis gleich: You can’t have it all. Ein Leben im Spagat zermürbt nicht nur die Psyche, sondern hinterlässt auch körperliche Spuren: Ähnlich wie der Burn-out fördert der Burn-on Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen und suizidale Risiken.

Ist Nichtstun also nicht nur ein Ausdruck des Protests an der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, sondern auch Gesundheitsvorsorge? Für die Psychologen Timo Schiele und Bert te Wildt liegt die Lösung nicht in der Arbeitsverweigerung, sondern in der Suche nach einer neuen Balance: „Das Gegenteil vom dauernden Ausgebranntsein ist nicht das genussvolle Nichtstun, sondern ein Leben mit gesundem Maß und Verantwortungsbewusstsein – für uns selbst und für die Welt, die uns umgibt.“

Das Phänomen des Burn-on und der neue Protest durch Nichtstun und Flachliegen lassen sich somit als zwei Seiten einer Medaille betrachten: Beides sind klare Signale dafür, dass wir unser Verständnis von Arbeit und die Rolle, die Arbeit in unserem Leben spielt, dringend auf den Prüfstand stellen sollten. Erst mit einer veränderten Perspektive werden auch die neuen Chancen sichtbar, von denen Unternehmen und Beschäftigte künftig gleichermaßen profitieren können.

Das neue Leitmotiv: Wertschätzung

Im Alltag verengt sich unser Blick auf Arbeit oft auf zwei zentrale Eigenschaften: Meist investieren wir jede Menge Lebenszeit und werden im Gegenzug dafür finanziell entlohnt. Arbeit ist jedoch weit mehr als nur zeitintensiver Broterwerb: Im besten Fall gibt sie neben finanzieller Sicherheit auch Möglichkeiten zum sozialen Austausch, schenkt Sinn und bietet Raum für Selbstentfaltung und Lernerfahrungen. Die Gesellschaft braucht Arbeit deshalb nicht nur, weil durch sie erst Waren, Lebensgrundlagen und Wohlstand produziert und erhalten werden, sondern auch als eine Form des sozialen Kitts: Hier begegnen sich Menschen über die Grenzen von sozialen Schichten, persönlichen und politischen Einstellungen hinweg und kommen in einen direkten Austausch. So öffnet sich ein Raum für eine neue, andere Wertschätzung der Arbeit, die weit über die finanzielle Entlohnung hinausgeht.

Erhellend ist dabei der Blick auf freiwilliges Engagement. In Deutschland engagieren sich rund 40 Prozent der Bevölkerung freiwillig in einem Verein, einem sozialen Projekt oder einer Nichtregierungsorganisation. Obwohl diese Arbeit nicht vergütet wird, wird sie als persönliche Bereicherung wahrgenommen: Die meisten Menschen engagieren sich gern, wenn der Handlungsbedarf klar ist und die Tätigkeit positiv auf das soziale Umfeld wirkt. Für eine resiliente Gesellschaft ist dieses zivile Engagement von herausragender Bedeutung: Ohne freiwillige Feuerwehr, Freiwilligendienste, DLRG oder gemeinnützige Vereine wären unsere Gemeinschaftsstruktur und die Sicherheit des Landes nicht denkbar.

Freiwilliges Engagement erfüllt oft ein Sinnbedürfnis, das während der Lohnarbeit fehlen kann. Das liegt nicht nur an der Art der Tätigkeiten, sondern auch daran, dass wir sie als ergänzende Tätigkeiten wahrnehmen: Sinn erleben wir meist dann, wenn wir uns vielfältig in unterschiedlichsten Lebensbereichen einbringen. Derzeit bewerten wir vergütete und unvergütete Arbeitszeit sehr unterschiedlich. Ein Job hat Vorrang gegenüber dem Ehrenamt und drängt dieses in die Randstunden des Tages. Die Sinnkrise in der Arbeitswelt lädt uns nun ein, diese beiden Formen der Arbeit gleichwertiger zu betrachten und dem zivilen Engagement mehr Raum zu geben.

Die treibenden Kräfte hinter der blauen Transition

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Eine gelingende Klimawende braucht ein tiefes Verständnis für unterschiedliche Werte und Motive der Menschen – und für erkennbare Muster der Gemeinsamkeiten.

Was würde sich also ändern, wenn wir nicht nur Lohnarbeit als Arbeit verstehen würden, sondern ebenso alle anderen Tätigkeiten, die einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten, etwa die Pflege von Angehörigen, die Unterstützung eines Vereins oder das unvergütete Engagement in der Lokalpolitik?

Eine neue Arbeitszeit

Die Anerkennung von zivilgesellschaftlichem Engagement als gleichwertige, gleich wertvolle Arbeit würde zahlreiche Chancen für Angestellte eröffnen. So könnte freiwilliges Engagement auf die Lebensarbeitszeit angerechnet werden und damit zugleich auf das Rentenkonto einzahlen – die deutsche Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat bereits in diese Richtung gedacht. Würden zivile Tätigkeiten als Teil der Wochenarbeitszeit behandelt, müssten sie auch nicht in Konkurrenz zur persönlichen Erholungszeit stehen. Und ganz grundsätzlich würde die vielfältige soziale Eingebundenheit, die mit ehrenamtlichem Engagement einhergeht, auch einen Schutz vor einseitiger Belastung, Selbstausbeutung und daraus folgenden Sinnkrisen bieten: Engagement in unterschiedlichen Bereichen stärkt die Resilienz des Selbstwerterlebens.

Auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber würden von einer Reduzierung der Wochenstundenzahl zugunsten einer ehrenamtlichen Arbeit profitieren. Längst ist belegt, dass eine Stundenreduktion nicht unbedingt mit einem Produktivitätsverlust einhergeht, sondern nicht selten sogar das Gegenteil bewirkt. Vor allem aber profitieren Unternehmen von einem differenzierteren Blick ihrer Beschäftigten auf Problemstellungen: Wer in unterschiedlichsten Kontexten tätig ist, kann auf ein breiteres Repertoire an Problemlösungsstrategien zurückgreifen und unternehmensinterne Blindspots erkennen. Erst recht, wenn nach der Arbeit noch Zeit zur Regeneration bleibt.

Die Umdefinition der Arbeitszeit rückt eine neue Wertschätzung von Zeit in den Fokus: Das Konzept des Zeitwohlstands hebt die „eigene Zeit“ als besondere Ressource hervor.

All das verändert zugleich die Ausrichtung des Megatrends New Work, der in den vergangenen Jahren viele tradierte Arbeitsnormen infrage gestellt hat – so wurde etwa die Vorstellung eines festgelegten Arbeitsorts durch Remote Work, Workation und digitales Nomadentum unwiderruflich aufgebrochen. Nun rückt die Umdefinition der Arbeitszeit eine neue Wertschätzung von Zeit in den Fokus: Das alte Credo „Zeit ist Geld“, das zu chronischer Zeitknappheit führt, wird durch das Konzept des Zeitwohlstands abgelöst, das die „eigene Zeit“ als eine besondere Ressource hervorhebt.

Diese Zeitenwende in der Arbeitswelt hat das Potenzial, viele Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert steht, konstruktiv anzugehen. Würden wir Arbeit bemessen an der Wertschätzung, die sie erntet, könnten wir auf das Outsourcing von Alltagstätigkeiten verzichten. Wir könnten Versorgungslücken auf zwischenmenschlicher Ebene entschärfen und für eine Lohnangleichung in unterbezahlten Branchen sorgen. An die Stelle der Great Resignation aufgrund zu niedriger Gehälter träte eine Great Motivation, angetrieben vom Sinngehalt der insgesamt geleisteten Arbeit.


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