“Arrival City”: Endlich angekommen

Doug Saunders beschreibt, warum Menschen überall auf der Welt vom Land in die Städte ziehen - und dabei den Sprung in die Mittelschicht schaffen.

Quelle: Trend Update

„Die Menschen werden sich in einer großen, endgültigen Verschiebung vom Landleben und der Landwirtschaft wegbewegen und in die großen Städte gehen. Das ist die Entwicklung, die vom 21. Jahrhundert am deutlichsten in Erinnerung bleiben wird – wenn man vom Klimawandel einmal absieht. Wir werden gegen Ende dieses Jahrhunderts eine ganz und gar urbane Spezies sein.“

So beginnt Doug Saunders’ groß angelegte Tour d’Horizon durch die „Arrival Citys“, die Ankunftsorte innerhalb und am Rande der boomenden Megacitys der Welt. Auf über 500 Seiten verfolgt der kanadisch-britische Autor darin im Wesentlichen eine These, diese allerdings notwendig komplex aufgefächert: die chaotisch-anarchischen Barrios, Favelas und Slums sind keine Orte der sozialen Ausgrenzung und Verelendung, sondern Durchlauferhitzer des sozialen Aufstiegs und Hotspots urbaner Innovationen.

Diese Umdeutung ist lange überfällig, denn wenn auch die imposante Zahlenbasis des Megatrends Urbanisierung – heute leben mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, im Jahr 2050 werden es über 70 Prozent sein – hinlänglich bekannt ist, fiel doch die Beurteilung der wachsenden Moloche lange diffus negativ aus. Staatschefs und Entwicklungspolitiker versuchten die längste Barrios, Favelas und Slums als Hotspots urbaner Innovationen Zeit (zumeist vergeblich), den Zuzug in Ballungsgebiete zu stoppen. Erst 2009 kam die Weltbank dahinter, dass die Verdichtung der Menschheit in Städten der wirksamste Weg ist, Armut zu bekämpfen – zudem die einzige Chance, das Welternährungsproblem zu lösen und den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Universelle Bewegungsmuster

Auch für die „Peak People“-Szenarien ist Verstädterung der Schlüsselfaktor – nichts lässt die Geburtenrate weltweit stärker abfallen als der Zuzug vom Land in die Stadt. Saunders zeigt, dass die meisten der Bewegungsmuster von Zuzug, Pendelbewegung und Aufstieg universell funktionieren, egal ob in Dhaka, Caracas, Mumbai oder Los Angeles. Meist bilden einzelne junge Erwachsene die familiäre Vorhut und können sich am Ankunftsort auf aus der Heimat mitgebrachte Support-Netzwerke stützen.

Deshalb funktionieren die erfolgreichen Zonen der Peripherie als „Dörfer in der Stadt“, die multiple Austauschbeziehungen aus Kapital und Menschen sowohl mit den ländlichen Ursprungsdörfern als auch mit den urbanen Zentren unterhalten. Von den Pionieren Ankunftsstädte sind Orte des generationsbedingten Bedürfnisaufschubs wird der Konsum meist zugunsten der Unterstützung der ländlichen Familien und des langfristigen Vermögensaufbaus verschoben. Sie wollen das bessere Leben gar nicht für sich, sondern für die nächste Generation: „Ankunftsstädte sind Orte des generationsbedingten Bedürfnisaufschubs, in denen ganze Lebensläufe unter schrecklichen Bedingungen geopfert werden, um einem Kind bessere Chancen zu eröffnen.“

Wie Ankunftsstädte funktionieren - oder scheitern

Die sich vom Land kommend oft über Ländergrenzen hinweg dorthin begeben, wissen, dass sie kein Zuckerschlecken erwartet, sondern ein knallharter darwinistischer Wettbewerb: „Die Menschen, die diesen Auswahlzyklus durchstehen, gehören zu den innovativsten und beharrlichsten Bevölkerungsgruppen.“ Umso wichtiger ist es, an diesen Orten optimale Bedingungen für aufstiegswillige Entrepreneure zu schaffen: das heißt, Existenzgründungen und Kleinunternehmertum zu fördern und Perspektiven auf Immobilienbesitz zu eröffnen. Im besten Fall werden Ankunftsstädte so zu „funktionierenden Integrationsmaschinen“ und einem „Schlüsselmechanismus für die Regeneration der Stadt“. Viele ehemalige Brückenköpfe wie das Londoner Eastend sind heute beliebte Mittelschicht-Wohnviertel.

Im schlechteren Fall scheitern Ankunftsstädte, weil sie die zuströmenden Menschen als Arbeitskräfte verheizen, ohne ihnen (und ihren Kindern) Bürgerrechte, Arrival Citys sind der “neue Mittelpunkt der Welt” Bildungschancen und soziale Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen. So geschehen im chinesischen Shenzhen in der Nähe von Hongkong, das in den 1990ern zur Fabrik der Welt aufstieg und zwischenzeitlich 14 Millionen Einwohner, zumeist Wanderarbeiter aus dem ländlichen China, zählte. Seit Jahren verlassen Heerscharen von Arbeitern die Stadt, die ihnen zwar gute Löhne, aber keinerlei familiäre Perspektiven eröffnet. Selbst drastische Lohnerhöhungen konnten zwar Spekulationen über ein baldiges Ende des chinesischen Standortvorteils entfachen, die Menschen aber bis heute nicht zurückbringen. Was fehlt, ist ein kleines Stückchen Slum, das ein Arbeiter sein Eigen nennen kann, ein Backsteinhäuschen darauf errichten und die Familie nachholen. Anhand solcher Fallstudien versteht man, warum „Arrival Citys“ der „neue Mittelpunkt der Welt“ sind, an dem sich nicht nur das Einzelschicksal von Milliarden Menschen, sondern nicht unwesentlich die Zukunft der Menschheit entscheidet.


Doug Saunders: ARRIVAL CITY. Über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom Land in die Städte. Von ihnen hängt unsere Zukunft ab. Blessing Verlag, München 2011

Douglas Sounders über Urbanisierung

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