Fragil stabil: Das Resilienz-Prinzip

In “Resilience” erklären Andrew Zolli und Ann Marie Healy, wie Unordnung, Nicht-Perfektion und Flexibilität krisenfähige Systeme erzeugen.

Quelle: TREND UPDATE 10/2012

“Resilienz” war vor mehr als einem Jahr das Titelthema unserer ersten TREND-UPDATE-Ausgabe. Seitdem hat sich dieser sperrige Begriff, angetrieben von unseren Krisen-Wahrnehmungen, langsam in Richtung Management, Politik und Ökonomie bewegt. Heute ist er ein Kernbegriff der systemischen Zukunftsforschung. Wer das Prinzip der Resilienz versteht, kann Produkte, Märkte und vor allem den Ausgang von Krisen und Konflikten viel besser vorhersagen – und bessere Strategien wählen.

Andrew Zolli, ein amerikanischer Systemtheoretiker, der ursprünglich aus dem Marketing kommt, hat jetzt ein brauchbares und lesbares Buch über den Resilienz-Begriff geschrieben. Mit zahlreichen Beispielen aus Ökologie, Unternehmensstrategie, Krisenintervention, Armutsforschung und so fort.

Flexibe Robustheit

Um die wahre Bedeutung von Resilienz zu verstehen, müssen wir den Begriff zunächst von benachbarten Begriffen wie Robustheit und Redundanz unterscheiden. Redundante Systeme können Störungen von Teilsystemen durch gestaffelte Backups kompensieren. Wenn in einem Flugzeug die elektronische Steuerung für das Seitenruder ausfällt, gibt es noch einen mechanischen Seilzug. Wenn auch der reißt, kann der Pilot versuchen, mit Seitenlage Lebende Systeme sind nicht „ordentlich“, sondern “fragil stabil” geradeaus zu fliegen. Robustheit hingegen bedeutet die „Härtung“ eines Systems gegen- über äußeren Störungen. Flugzeuge so zu panzern, dass sie beim Absturz nicht kaputtgehen, macht jedoch keinen Sinn. Redundanz wie Robustheit haben einen Preis – sie erzeugen evolutionäre Kosten. Die Schrottplätze der Panzerarmeen, die zerbröselten Drei-Meter-Mauern von Burgen, die Friedhöfe der Dinosaurier zeugen davon: Was robust ist, kann lange überdauern, wird aber in plötzlichen Wandlungsprozessen einfach überflüssig.

Resiliente Systeme können zwar auch robust und redundant sein, aber ihr Kern ist Flexibilität. Dabei geht es eben nicht nur um die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Wenn ein Fußball, nachdem er getreten wurde, wieder in seine ursprüngliche runde Form zurückfindet, mag das sinnvoll sein. Was aber, wenn er auf das Nachbarfeld fällt, auf dem Rugby gespielt wird? Ein wahrhaft guter Ball lässt sich dann etwas einfallen. Er ist fähig zur Selbst-Organisation…

Das Leben auf der Erde ist das resilienteste System, das in unserem Sternquadranten jemals existiert hat. Es ist eben nicht „empfindlich“ und „bedroht“, wie uns die romantische Öko-Projektion weismacht. Die Prozesse der Evolution führen dazu, dass sich andauernd Arten verschieben und neue Adaptionen entstehen. Dabei sterben auch manche Formen aus. Lebende Systeme sind eben nicht „ordentlich“, wie uns unsere taxonomische Sicht der Natur weismacht, die von einer „natürlichen Ordnung der Dinge“ ausgeht. Sie sind „fragil stabil“.

Andrew Zolli bringt es so auf den Punkt: „A seemingly perfect system is often the most fragile, while a dynamic system, subject to occasional failure, can be the most robust. Resilience is, like life itself, messy, imperfect, and inefficient. But it survives.“ Diese „messiness“ bildet einen besonders interessanten Aspekt von Zollis Buch. Resiliente Systeme sind tatsächlich in einer gewissen Weise „schlampig“. Sie basieren auf Fehler-Toleranzen. So, wie der menschliche Gen-Code riesige Mengen von scheinbar „unproduktiven“ Schleifen beinhaltet, sind in resilienten Systemen die Sub-Routinen zahlreich und verzweigt. Deshalb ist es ein riesengroßes Missverständnis, Resilienz mit einer höheren Art von Effektivität gleichzusetzen. Wenn Effizienz der „Sinn“ evolutionärer Prozesse wäre, müssten Bäume wahre Kraftwerke sein. Aber die Photosynthese nutzt allenfalls zwei Prozent des Sonnenlichts für ihre stille chemische Arbeit. Resilienz bedeutet Reservenbildung: Verknüpfungs-Reserven. Verschiebungs-Reserven. Langsamkeits-Reserven.

Die Finanzsysteme der Welt gerieten in dem Moment in die Krise, als das langsame Arbeiten des Geldes zugunsten des Hochgeschwindigkeits-Handels abgeschafft und durch „layering“ beschleunigt wurden. Die Gesetze der Resilienz sagen, dass man solche Systeme wieder ent-koppeln, ent-schleunigen und durch Diversität re-stabilisieren muss.

Andrew Zolli, Ann Marie Healy: Resilience - Why Things Bounce back. Free Press (2012)

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.