„Design Thinking ist ein Change im Mindset“

Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, über das kreative Potenzial von Design-Thinking-Prozessen.

Quelle: Trend Update

Herr Weinberg, was ist im Design Thinking anders als beim Brainstorming und beim Innovationsmanagement?

Weinberg: Wir sehen Design Thinking nicht als eine weitere Methode, sondern als Change im Mindset. Es geht auch nicht nur um Design-Fragestellungen, sondern um Innovationen, das Lösen komplexer Probleme. Besonders interessieren uns paradoxe, scheinbar widersprüchliche Problemstellungen, etwa: Wie kann ich den Eincheck-Prozess am Flughafen angenehmer machen für den Passagier und zugleich den Sicherheitsstandard heben?

Wie fügt sich Design Thinking in den größeren Kontext von Open Innovation ein?

Es korrespondiert stark damit, betont aber drei wesentliche Komponenten: „The people, the place and the process“. Wir fokussieren uns auf die Kreativleistung gemischter Teams, weil sie komplexe Probleme deutlich besser lösen als homogene Teams oder Einzelpersonen. Design Thinking ist ein Zusatzangebot für Studierende am Schluss ihres Studiums. Das sind momentan 120 Studierende aus 75 Disziplinen von 60 Hochschulen und aus vielen Nationen. Diese Diversität ist permanent verfügbar. Zweitens machen wir uns die Art und Weise zu eigen, wie Designer denken – für Betriebswirte und Juristen oft ein völlig neuer Ansatz, visuell oder mit Prototypen zu arbeiten. Die dritte Komponente wird oft vergessen – der Raum, also die Frage: In welcher Umgebung arbeiten Teams optimal? Wir haben hier an der HPI D-School für den akademischen Bereich optimierte variable Workspaces geschaffen, eine Art Ideenlabor. Dazu gibt es eigene Stehtische und Whiteboards, um vier- bis sechsköpfige Teams besonders gut zu unterstützen. Es gibt für unsere Studenten nur We-Spaces, keine I-Spaces, also keine Einzelarbeitsplätze.

Wie verläuft ein typischer Design-Thinking-Prozess?

Die sechs Schritte heißen: „Understand“, das Problem richtig verstehen, die richtige Frage stellen. Dann folgt „Observe“, beobachten, rausgehen, mit Leuten sprechen, die von der Frage betroffen sind. Bei „Synthesis“ oder „Point of view“ stellen wir uns eine Person vor, für die wir das Problem lösen. Die letzten drei Schritte sind „Ideation“, „Prototyping“ und „Testing“. Mit traditionellen Brainstorming-Techniken generieren wir schnell viele Ideen. Aus den besten werden Prototypen, die Ideen sofort haptisch umgesetzt. Auch Services werden prototypisch umgesetzt, indem man sie durchspielt. Über Testresultate von Betroffenen erhält man Feedback für die nächste Schleife, um den Prozess iterativ mehrmals zu durchlaufen, hin zur wirklich guten Lösung.

Wo lässt sich Design Thinking einsetzen?

Wir haben von Anfang an versucht, reale Projekte von außen in vielen Branchen und Bereichen zu machen. Wir haben noch keinen Sektor gefunden, in dem Design Thinking Wir haben noch keinen Sektor gefunden, in dem Design Thinking nicht funktioniert nicht funktioniert. Wir arbeiten mit großen Unternehmen und kleinen Mittelständlern, öffentlichen Einrichtungen, NGOs... Gerade bei Großunternehmen machen wir die Erfahrung, dass es nicht nur große Bereitschaft gibt, sondern die Zusammenarbeit extrem fruchtbar ist. Es entstehen Ideen völlig „out of the box“, die als unglaubliche Bereicherung empfunden und oft unmittelbar implementiert werden. Dabei erwarten wir neben finanziellem auch persönliches Commitment. Es muss die Bereitschaft geben, sich auf einen regelmäßigen Austausch mit den Studententeams einzulassen.

Auf welche Erfolge kann Design Thinking verweisen?

Unsere Partnerschule, die d.school in Stanford, hat schon eine ganze Reihe von Projekten gemacht, die als Produkt im Markt sind. Für Entwicklungsländer wurde das d.light entwickelt, ein Elektrolicht für beliebige Stromquellen, das einen Raum für eine ganze Familie sparsam und umweltfreundlich erleuchtet. Dann das Newsportal pulse, das in einem sehr kurzen Design-Thinking-Prozess konzipiert wurde. Wir am HPI haben für den Metro-Konzern 2008 ein Projekt zum Thema „Home delivery“ gemacht, das nach und nach umgesetzt wird. Daneben entstanden Startups aus etlichen Projekten der Hochschule.

Wie schätzen sie den Hype um Design Thinking ein?

Wir sind sehr erfreut darüber, dass sich das Thema gerade wie ein gutartiges Virus ausbreitet, viele Organisationen, Universitäten und Unternehmen sich damit beschäftigen. Die Deutsche Bank, die Telekom haben eigene Divisionen, die auf Design Thinking spezialisiert sind, Procter & Gamble nutzt es sehr intensiv. SAP wendet es in Bereichen wie Human Resources oder Finanzen an. Gerade sind wir dabei, das erste internationale Design Thinking Festival vorzubereiten – eine Mischung aus Festival und Konferenz, deshalb haben wir es „HPI d.confestival“ genannt.

Prof. Ulrich Weinberg ist Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut (HPI D-School) in Potsdam. Weinberg hat Grafik und Malerei studiert und spezialisierte sich bereits in den 80er-Jahren auf 3D-Computeranimation. Bis 2007 war er Professor für Computeranimation an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen.

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