Die nächste Gründungswelle

Jede der fünf großen Gründungsphasen hatte ihr lokales Epizentrum. Wo wird die sechste Welle ausrollen? Ein Blick auf die Startup-Potenziale in Europa, Asien und den USA.

Von Dr. Reinhold Rapp (02/2017)

Unsplash / Tim Marshall / CC0

Jeder neue Wirtschaftsschub hat seinen Ursprung in einer oder mehreren Regionen. Der Beginn der industriellen Revolution hatte sein Epizentrum im Norden von England, jene Gegend, in der sich die Kohleminen befanden und die Startup-Unternehmer mit Dampf- und Textilmaschinen begannen, finanziert durch reiche Großgrundbesitzer und Bankiers. Die nächste Stufe – die Elektrifizierung – fand an der Ostküste der USA (Edison) und im Raum Berlin (Siemens & Halske) statt. Die automobile Revolution im dritten Kondratjew-Zyklus hingegen begann im baden-württembergischen Ländle zwischen Mannheim (Benz) und Stuttgart (Daimler). Rund um diese Innovationskerne siedeln sich jeweils die nächsten Weiterentwickler an. Deshalb haben wir auch noch heute die ausgeprägte Zulieferer-Struktur in diesen Regionen.

Seit der Innovationswelle durch die Speicherchips liegt das Epizentrum erstmals an der Westküste Amerikas. Die Pioniere Texas Instruments, Bell Labs und die Firma von Nobelpreisträger William Shockley waren die Keimzelle. Später kam Fairchild Semiconductors hinzu – gemeinsam mit der daraus entstandenen Intel Corp. Sie waren die Begründer des nach dem Rohstoff benannten Silicon Valleys. Auf dieser Grundlage entwickelte sich die nächste Welle, die durch Computer, Software, Mobiltelefone und deren Anwendungen getrieben wurde. Firmen wie Apple, Google und Facebook stehen für diese Pionierleistungen – die ersten beiden wechseln sich derzeit ab bei der Kür des wertvollsten Unternehmen der Welt ab.

Kondratjew-Zyklen: Die Epizentren technologischer Paradigmenwechsel

Der fünfte Zyklus aus den Prognosen des russischen Wissenschaftlers Nikolai Kondratjew geht zu Ende, und wir stehen wir wieder vor einer neuen Innovationswelle. Die Gründer und die nächsten großen Themen sind im Anmarsch oder bereits da. Die Schaffung von übergreifenden Plattformen für Kunden, die Verwertung von Informationen hin zu wertvollem Wissen, die Nutzung der Künstlichen Intelligenz zur Steuerung von zentralen Prozessen, die Automatisierung von Prozessen und die Schaffung von neuen Mobilitätslösungen werden neues Wachstum und vollkommen noch unbekannte Geschäftsmodelle hervorbringen. Doch wo liegt diesmal der Ursprung der Innovationswelle? Ist es wieder das Silicon Valley? Spielen erstmals asiatische Regionen eine Rolle? Oder gibt es gar eine Renaissance der europäischen Vordenker?

Die Schlüsselfaktoren der nächsten Welle

Entscheidend werden wie in jeder Welle verschiedene Elemente sein: Anzahl und Qualität der Gründer, Relevanz und Realität des Unternehmenskonzeptes, Umsetzungsfähigkeiten und Zugriff auf Kapital. Bisher war es immer so, dass sich diese Ressourcen in einer oder mehreren regionalen Zonen bündeln. Zumeist um eine Gruppe von Vordenkern, die in Verbindung zu technischen Realisten und finanzkräftigen Investoren stehen. Ist im Zeitalter des digitalen und mobilen Arbeitens diese Vorstellung überhaupt noch relevant oder wird es auch ein virtuelles Epizentrum geben?

Schaut man sich die heutige Gründungsszene etwas genauer an, ist man verblüfft, dass all die alten Gesetzmäßigkeiten noch gelten und schon heute die Rollenverteilung und regionale Lokalisierung klar ist. Wir verfügen heute über viele zuverlässige Anzeichen und Bewertungsmaßstäbe. Die wichtigste Indikation für zukünftige Geschäftsmodelle ist die finanzielle Bewertung der Startups. Und schaut man sich die heute am höchsten bewertete Firmen an, so kommt man zu interessanten Schlussfolgerungen. Nimmt man als Grundlage die sogenannten „Einhörner“ (Startups, deren Gründung keine 10 Jahre zurückliegt, die nicht an der Börse notiert sind und die eine Bewertung von mindestens 1 Mrd. US-Dollar erreichen) so sind die Regionen deutlich. Zum Ende des Jahres 2016 umfasst diese Liste ca. 150 Unternehmen. Mit 88 Firmen kommt die Mehrheit aus den USA, und die meisten und größten sind dabei direkt dem Silicon Valley zuzuordnen. Allerdings kommen auch 42 aus Asien. Mit 19 stellen Europa und der Rest der Welt den kleinsten Teil.

Wachstum und Herkunft der „Einhörner“

Noch deutlicher wird es, wenn man sich die einzelnen Bewertungen der Unternehmen etwas näher ansieht. So kommen drei der fünf höchstbewerteten Unternehmen aus dem Silicon Valley und zwei aus China. Der erste europäischen Vertreter, Spotify aus Schweden, folgt erst auf Platz 16. Die anderen liegen zumeist am Ende der 150er-Liste.

Interessant wird es auch wenn man sich die Entstehungsgeschichten ansieht. Bei den meisten Silicon-Valley-Unternehmen handelt es sich um regelrechte Create-ups, also Unternehmen, die ein neues Geschäftsmodell in den Markt gebracht haben – so wie Airbnb (Vermieten von privaten Wohnungen), Palantir (Datenanalyse von Internet-Bewegungsdaten) oder SpaceX (privater Weltraumtransport). Bei den asiatischen Unternehmen handelt es sich dagegen in der Regel um lokale Adaptionen von bereits bestehenden Internetunternehmen: Xiaomi, das zweithöchstbewerte Startup, versucht ein besseres und günstigeres Apple zu sein, und Didi Chuxing ist der Uber Asiens – allerdings größer und hat Uber schon aus China verdrängt.

Bei den Europäern sind es vor allem regionale Nischen, die bisher von keinem amerikanischen Startup versucht wurden, etwa Delivery Hero (Plattform für lokale Restaurants), Adyen (Online-Zahlungssystem) oder die Tübinger Biotech-Firma CureVac. Und kein Unternehmen des sogenannten Internet 4.0 kommt nur in die Nähe dieser Bewertungen. Die Dominanz von USA und China ist eindeutig: Sie machen 87 Prozent aller Startups aus, im reinen Unternehmenswert sogar weit über 95 Prozent. Sind dies die Epizentren für die nächste Welle?

Die Gemeinsamkeiten der Einhörner

Spannend zu sehen ist es, dass die Gründer in den USA und China zumeist aus der Silicon-Valley-Ausbildung kommen und dieses Gedankengut absorbiert haben. Denn egal wo diese diese Startups derzeit lokalisiert sind, es zeichnet sie die Gemeinsamkeit aus, dass ihr Geschäftsmodell bis auf wenige Ausnahmen internetbasiert ist und nicht ohne Internet funktioniert. Ebenso versucht nahezu jedes dieser hochbewerteten Unternehmen, ein fundamentales Problem zu lösen. Sei es die Datensicherheit im Internet (Palantir), die Nutzung zur Verfügung stehenden Wohnraums (Airbnb), die Verbesserung und Vernetzung von mobilen Dienstleistungen (Uber) oder das Verleihen von Krediten zwischen Privatpersonen (Lufax).

Als drittes verbindendes Glied lässt sich der Ansatz der Disruption bezeichnen. Jeder dieser Player will ein existierendes Angebot ersetzen: Uber und Didi Chuxing wollen besser sein als das Taxigewerbe, SpaceX besser als die NASA, und Lufax will das Ende der kommerziellen Kreditgeber einleiten – eine Denkweise, die uns in Europa oft fehlt oder mangels der kritischen Größe auch nicht realistisch erscheint.

Gründungsjahr und Branche der „Einhörner“

Wann beginnt die Aufholjagd in Europa?

Schon in der vierten und fünften Welle ist Europa ins Hintertreffen geraten – die letzte große Innovationswelle, die vom alten Kontinent ausging, war die des Automobils. Für diesen Rückstand gibt es viele Gründe. Manche sind kulturbedingt (Widerstand gegen Veränderungen und mangelndes Risikokalkül nach dem 2. Weltkrieg), manche wirtschaftlich und bildungsbezogen (Fokus der Ingenieurwissenschaft auf Investitionsgüter). Ein großer Widerstand war und ist sicherlich die Skepsis gegenüber Computern, Software und Datenanalyse in breiten Teilen der Bevölkerung und die vergleichsweise geringe Anzahl von gut ausgebildeten Programmierern.

Und eine der wichtigsten Ursachen gibt es zu akzeptieren: Ins Silicon Valley und seine chinesischen Derivate zieht es die Macher, die jungen Denker, die die Welt mit ihren Technologien verändern wollen und die sich hier hier mit ihren Träumen und Idealen gegenseitig befruchten. An den Fortschritt wird im Silicon Valley nicht nur geglaubt, sondern es wird permanent daran gearbeitet. Europa hat trotz politischer Schwankungen durchgehend eine erfolgreiche wirtschaftliche Phase hinter sich. Das Gedankengut wird geprägt durch eine Haltung, die eher dem „Warum etwas ändern?“ entspricht und die besonders im Venture Capital sehr zurückhaltend ist. Falls sich also beim Risikobewusstsein und bei der Kapitalausstattung nichts radikal ändert, wird man sich damit abfinden müssen, dass die nächste Welle aus dem pazifischen Becken kommen wird.

Natürlich gibt es positive Zeichen so wie die Gründungsszene in Berlin und München oder Robotik-Startups an deutschen oder Schweizer Hochschulen. Individuell gibt es einige Ansätze, die auf eine Aufholjagd hindeuten. Es ist jetzt an uns allen, gesellschaftlich die Weichen zu stellen, dass diese Gründer und Entwickler die Wertschätzung und Unterstützung erfahren, die sie benötigen, um auch auf der sechsten Welle erfolgreich zu reiten. Dies muss mit einer positiven Sichtweise der neuen Technologien beginnen, Qualifikationen im Bereich Software umfassen – und es darf nicht enden beim Know-how-Transfer aus dem Silicon Valley und China.

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