Der Future Code: Vom Management zur Beobachtung

Zukunftsinstitut-Geschäftsführer Harry Gatterer über das Prinzip, das die unternehmerische Identität und Lebendigkeit eines Unter­nehmens in der Praxis ausmacht: den Future Code. Ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital“.

Von Harry Gatterer

Der Future Code ist eine Art Übersetzungstool: Er beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, selbst zu erkennen, wie es aus einer wertfreien Information – etwa „Digitalisierung“ – Bedeutung erzeugen und wertvolle Informationen generieren kann. Ein häufiger Irrtum ist dabei die Verallgemeinerung der Information. Zum Beispiel: „Die Digitalisierung wird dazu führen, dass es grundsätzlich keine Tankstellen mehr geben wird.“ Entscheidend ist deshalb die Fähigkeit eines Unternehmens, die Übersetzungsleistung ganz und gar aus der eigenen Organisation heraus zu tätigen – und nicht für die Wirtschaft, für Branchen oder Märkte im Allgemeinen. Je mehr Menschen im Unternehmen den Future Code kennen, desto mehr sind sie imstande, diese Übersetzung auch im Alltag zu erbringen. Das hält die Organisation adaptiv und agil.

Unternehmen zielen auf Gewinne. Das ist ihr Wesen. Rechtlich wie auch kulturell sind sie dafür gebaut. Um Gewinne zu erzielen, erfüllen Unternehmen Bedürfnisse der Gesellschaft und reagieren auf Notwendigkeiten. Um dies kontinuierlich zu gewährleisten, benötigen Unternehmen eine extrem hohe Flexibilität Die Kunst besteht darin, in einer Zeit der Überschüsse an Optionen nicht dem allgemeinen Gemurmel nachzueifern, sondern den eigenen Pfad zu erkennen und Anpassungsfähigkeit. Sie müssen up to date bleiben und sich schnell auf Umweltanforderungen, beispielsweise neue Technologien, einstellen können.

Dabei haben Unternehmen schon lange von Bedürfnis­erfüllung auf Bedürnfiskreation umgestellt: Die allermeisten Unternehmen, vom Hotel bis zum Stahlwerk, setzen darauf, die Gesellschaft zu verstehen und zu antizipieren und daraus Bedürfnisse und letztlich Angebote zu kreieren. Unternehmen sind also nicht nur gewinnbringende, adaptive gesellschaftliche Einheiten. Sie sind auch „prophetisch“ in dem Sinne, dass sie die zukünftigen Bedürfnisse der Gesellschaft erkennen und übersetzen wollen. Genau dies wird nun in einer digital geprägten Umwelt deutlich anspruchsvoller. Zwar gibt es immer mehr Algorithmen, die diesen vorausschauenden Job erfüllen (sollen). Doch vor allem müssen auch die Menschen in einem Unternehmen fähig sein, Informationen – ob aus der eigenen Beobachtung oder durch Datenauswertung – in sinnvolle und werterzeugende Maßnahmen zu übersetzen. Um dies effektiv tun zu können, bedarf es tiefer Einsichten der Unternehmensführung in die Fähigkeiten des gesamten Unternehmens, die Umwelt zu lesen und richtig zu übersetzen.

Bei der Übersetzung der vielen Möglichkeiten auf den einen, den nächsten Schritt in die eigene Zukunft helfen das Wissen um den eigenen Future Code und die Fähigkeit eines Unternehmens, die umgebende Umwelt zu erkennen und zu deuten. In der Erkenntnis des Future Codes liegt damit der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit. Denn je mehr dieser Code bekannt und bewusst ist, desto mehr Menschen im Unternehmen können ihn im Alltag anwenden. So wird der Umgang mit volatilen Umwelten erleichtert, und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens wird gestärkt.

Der Zugang zu diesem Future Code hängt von der über lange Zeiträume trainierten Fähigkeit eines Unternehmens ab, Informationen in Bedeutung zu verwandeln. Wie diese Informationen in Sinn und Bedeutung verwandelt werden, ist einem bestimmten Muster untergeordnet. Es geschieht nicht jeden Tag anders. Die Führungsriege eines Unternehmens ist ähnlich sozialisiert, liest ähnliche Medien, hat ein durchaus ähnliches Weltbild. Und alles, was dieses Führungsteam aufschnappt, wird in Form von Meetings und hierarchischen Strukturen verarbeitet. Mitarbeiter im Unternehmen arbeiten Informationen zu, nach ganz bestimmten formalen Vorgehen: Abteilung, Vorstandsassistenz, Vorstand – und retour. Dieses Muster bildet eine Art Wahrnehmungslogik, durch die die Welt gesehen wird.

Das Problem an derart formalisierten Verarbeitungsmethoden von Information ist, dass das Unternehmen eigentlich schon viel mehr wissen könnte. Denn es besteht ja nicht nur aus den Vorständen, sondern aus Dutzenden, Hunderten oder Tausenden Mitarbeitern. Es ist ein „lebender Organismus“, der von innen her in einer Struktur festgehalten wird. Das Ergebnis sind dann häufig Sätze wie dieser aus dem Munde eines Vorstandes: „Zu Hause nutzen sie alle Netflix und sämtliche Apps, nur im Unternehmen wollen die Leute nichts von neuen Tools hören.“ Das echte Wahrnehmungspotenzial des Unternehmens bleibt so völlig ungenutzt.

Mit dem Lesen des Future Codes können Unternehmen diese Zusammenhänge erkennen und anfangen, die gesamte Organisation als „Übersetzer von Weltwahrnehmung“ zu engagieren. Dies bedingt die Öffnung eingefahrener Strukturen – und das Verständnis für „Informationsverarbeitung“ jenseits der Technologie.

Es gibt keine Grundregel, wie sich dieser Übersetzungscode im Unternehmen erkennen lässt. Zentral scheint es aber zu sein, dass das Führungsteam umschaltet von „managen“ auf „beobachten“. Der Future Code beschreibt die unternehmensspezifische Übersetzung von Information in Bedeutung Denn wer nach herkömmlichen Maßstäben managt, versucht ständig, selbst alles zu wissen, zu verstehen und in Befehle – in Bedeutung – zu übersetzen. Führungskräfte, die so agieren, erziehen sich eine Organisation, die abschaltet und sich darauf verlässt, dass es „der Chef schon wissen wird“. Solche Organisationen werden oft auch zynisch und latent ­aggressiv – weil es nicht gelingt, die Lebendigkeit des gesamten Organismus zu erkennen.

Die Führungsarbeit der Zukunft ist deshalb das Beobachten: das kluge Hinschauen, Zulassen und Loslassen, das Sich-hinein-Fühlen und Erkennen von Mustern und Zusammenhängen. Aufgabe der Führung ist es dann nicht, klassisch-managend einzugreifen. Vielmehr gilt es, die Übersetzungsqualitäten der Organisation zu entwickeln, das Verständnis und die Beziehungen zu fördern. Dadurch kann sich der Future Code als Basistool etablieren. Er umfasst dann mehr als nur das Warum („Golden Circle“) oder die Vision eines Unternehmens. Er beschreibt die Übersetzungsfähigkeit, aus viel Umweltlärm und Informationsüberflutung die wichtigen Signale herauszuschälen – die unternehmensspezifische Übersetzung von Information in Bedeutung.  

Dieser Text ist ein Auszug aus der Trendstudie „Hands-on Digital

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Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.