Digitalisierung als Weißbuch? Es geht um Partizipation!

Die G20-Digitalisierungsminister wollen sich dafür einsetzen, dass Digitalisierung allen Menschen nutzt, indem sie verbindliche Regulierungen installieren – das haben sie beim ersten gemeinsam Treffen seiner Art im April 2017 in Düsseldorf diskutiert. Aber welche Probleme und Potenziale bringt der digitale Wandel tatsächlich für Gesellschaft und Wirtschaft? Und was können Digitalisierungsminister dazu beitragen?

von Florian Kondert

Digitalisierung als Antwort auf Überschuss

Die charakteristischen Eigenschaften der Digitalisierung haben bereits Einzug gehalten in unser aller Mindset. Sie stellen nicht nur eine Chance oder ein Risiko dar, sondern sind bereits prägender Treiber unserer kulturellen DNA geworden. Sherry Turkle, Professorin für Science, Technology and Society am MIT, fast dieses Phänomen treffend zusammen: "Technology doesn’t just do things for us. It does things to us, changing not just what we do but who we are." Die Gesellschaft hat sich bereits heute drei wesentliche digitale Praktiken und Eigenschaften angeeignet, die im systemischen Sinne auch die Wirtschaft prägen: Referenz, Gemeinschaft und Algorithmus.

Referenz

Digitalisierung macht sich in der Gesellschaft bemerkbar durch die unendliche Menge potenzieller Referenzen, die zum oft beschworenen “Information Overflow” führen. Dabei übersehen wir aber den Überschuss an Potenzialen. Unsere Gesellschaft lernt seit jeher, mit Überschüssen umzugehen (Coping), den für sie wesentlichen Teil zu filtern und daraus Neues zu schaffen. Überschuss ist also eine Ressourcen-Grundlage für Problemlösung. Neu im Kontext der digitalisierten Welt ist die Menge an Rohstoffen (Information), die uns zur Produktion von Lösungen Identität wird zu einer kleinteiligen, sich schnell wandelnden Herausforderung. und kulturprägenden Fragmenten zur Verfügung stehen, ebenso wie das Potenzial der Veröffentlichung dieser Fragmente. Weil nahezu uneingeschränkter Zugriff auf die Tools besteht, schaffen wir uns einen extrem heterogenen und öffentlich zugänglichen Bezugsrahmen für Identifikation innerhalb unserer Gesellschaft. Wir erkennen, dass es mehr gibt als nur “konservativ” oder “liberal”, Fußball oder Eishockey, Pop- oder Volksmusik. Identität wird zu einer kleinteiligen, sich schnell wandelnden Herausforderung. Dies ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die stabilisierende Mitte der Gesellschaft immer stärker schrumpft – auch in Deutschland (mehr dazu in der Studie “Next Germany”, die das Zukunftsinstitut Ende Mai publizieren wird).

Gemeinschaft

Umso wichtiger wird in diesem Kontext wieder das Konzept der Gemeinschaft. Dort, wo es viele bedeutungsoffene Bezugsrahmen gibt, brauchen wir verstärkt Bestätigung zur Orientierung für unsere Handlungsmaximen. Diese können wir nur durch die Bestätigung im Sinne von Gemeinschaftszugehörigkeit erzeugen. Vermeintlich paradoxerweise tritt diese Notwendigkeit gerade parallel im Zeitalter der Individualisierung auf den Plan. Sinn macht diese Beobachtung allemal, da ein Mehr an Komplexität durch heterogene, individuell erzeugte Referenzen das Ein Mehr an Komplexität verstärkt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. verstärkte Bedürfnis nach Zugehörigkeit erzeugt. Psychologisch betrachtet setzt Freiheit immer einen Bezug, eine Bindung zu etwas oder jemandem voraus. Ein Effekt der verstärkten Bindungssuche in heterogenen Umwelten mit kleinteiligeren Optionen ist ein Anstieg der Selbstreferenz. Die zeigte auch die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten: Auf sich selbst referenzierende Blasen – die Silicon-Valley-Blase, die Hollywood-Blase –, waren überzeugt, Trump könne unmöglich gewählt werden. Der starke Selbstbezug dieser wirkmächtigen Communities verhinderte, dass gegenläufige Indikationen zum ernsthaften Bestandteil des Diskurses werden konnten.

Algorithmus

An solchen Beispielen zeigt sich die neue Form des Entscheidungsverfahrens im Kontext einer digitalisierten Kultur: durch Algorithmen. Sie helfen dabei, mit der schieren Menge an Information umzugehen und sie für die menschliche Wahrnehmung erschließbar zu machen. Sie filtern, was unserem Profil und Verhalten entsprechend interessant und wichtig ist. Durch den Prozess der Selektion von profilierten Fragmenten (Information) erheben sich die Algorithmen zur wesentlichen Grundlage gemeinschaftlichen Handelns und sind damit fester Bestandteil dessen, was Kultur prägt. Die Autorenschaft der Algorithmen ist Fluch und Segen zugleich: Wer sie schreibt, entscheidet in direktem Sinne darüber, was wir wahrnehmen. Der Effekt ist ein fragiles, anfälliges System, weil wir in unserer Meinungs- und Kulturbildung auf eine neue Weise abhängig werden von einigen wenigen Big Playern. Werden die Algorithmen etwa zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung manipulierbar, steuern wir auf eine Zeit der Post-Demokratie zu. Zwar kann jeder Einzelne mehr denn je auf Information zugreifen, doch die algorithmisch eingedampfte Heterogenität der Sachverhalte wird fremdbestimmt stark reduziert. Der berühmte Satz "Wissen ist Macht" würde dann umgedreht zu "Macht ist Wissen".

Was bleibt für die G20-Digitalisierunsagenda?

Nichts. Beschäftigen sich die G-20-Digitalisierungsminister beim ersten Treffen mit mehr Regulierungen, setzen sie den ersten Schritt in die falsche Richtung. Es ist die Reaktion eines alten Systems, das den grundlegenden Wandel nicht erkennt oder anerkennt. Die beschriebenen Effekte der Digitalisierung sind nicht durch Weißbücher oder Regulierungen beeinflussbar, und sie Es kann nur darum gehen, der durch Selbstreferenz begünstigten Blasenbildung entgegenzuwirken. sind keine Aufgabe für Digitalisierungsexperten. Auch Maßnahmen in der Primär- oder Sekundärbildung greifen zu kurz. Denn die Grundvoraussetzung für den Umgang mit komplexen Umwelten sind die Suche nach Gemeinschaft für individuelle Orientierung und, damit verbunden, die Nutzung von Algorithmen als Selektions-Werkzeug. Es kann also nur darum gehen, der durch Selbstreferenz begünstigten Blasenbildung entgegenzuwirken. Durch Radikalisierung unseres demokratischen Konzepts etwa, das mehr Partizipation zum permanenten Standard und zur Forderung macht, anstatt nur alle vier Jahre beim Urnengang. Mehr Partizipation...

  • hat das Potenzial, die Heterogenität der Fragezeichen und Tendenzen transparent werden zu lassen.
  • bewirkt, dass sich Menschen intensiver mitteilen als nur durch Likes, Follows und Unterschriften.
  • führt dazu, dass Menschen nicht nur durch Algorithmen zusammenfinden, um sich selbst zu bestätigen, sondern im Gegenteil: mehr miteinander – und auch mit Andersdenkenden – in Kontakt kommen.
  • erlaubt uns, das zu tun, was Menschen am besten können: das Erzeugen von persönlicher Berührung und Resonanz – auch technisch unterstützt, aber vor allem emotional.

Nur so wird das möglich, was künftig immer wichtiger wird: das mutige, gemeinschaftliche und visionäre Angehen der gesellschaftlichen Herausforderungen, vor die uns die Digitalisierung stellt.

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Florian Kondert

Der Kommunikationswirtschafter und Wissensmanager leitet die Digitale Welt und Informationsarchitektur des Zukunftsinstituts. Sein Arbeitsfeld: die Wechselwirkung zwischen Mensch und Technologie.