Ecological Footprint – Fläche als Währung

„Ecological Footprint. Die Welt neu vermessen“: Ein exklusiver Auszug aus dem Ende 2015 erscheinenden Buch von Mathis Wackernagel und Bert Beyers.

Von Mathis Wackernagel und Bert Beyers (09/2015)

Wie viel Erde braucht ein Mensch? Ob groß oder klein, jeder Mensch hat einen Ökologischen Fußabdruck – einen Ecological Footprint. Wie viel Natur er braucht, hängt damit zusammen, was er isst, wie er sich kleidet, wohnt, sich fortbewegt oder wie er sich seiner Abfallstoffe entledigt. All das kann man messen. Aus den Daten lässt sich die Größe der Naturfläche bestimmen, die benötigt wird, um Lebensmittel oder Fasern für Kleidung zu produzieren, um Häuser zu bauen und Menschen zu beherbergen oder Abfälle wie Kohlendioxid-Emissionen, die bei der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl entstehen, zu absorbieren. Letzten Endes leben wir alle von den Erträgen des „globalen Bauernhofs“

Jeder weiß, was Geld ist. Wer Geld hat, kennt keine Sorgen, jedenfalls keine materiellen. Wer über genügend Geld verfügt, lebt wie er will und wo er will. Überall ist er willkommen. So lange er zahlen kann, wird niemand ihn vor die Tür setzen. Mit Geld kann man eine Menge machen, zum Beispiel Dinge vergleichen. Geld antwortet auf die Frage „Wie viel kostet das?“ Den Preis wiederum kann man mit seinem Einkommen ins Verhältnis setzen. Wie lange muss ich arbeiten, um mir dieses Handy leisten zu können? Wie viel verdiene ich im Verhältnis zu meinen Ausgaben? Wie viel im Vergleich zum vorigen Jahr? Oder gemessen am Einkommen eines Äthiopiers?

Währung für den Naturverbrauch

Insofern ist der Ecological Footprint durchaus mit Geld vergleichbar. Die Frage hinter dem Footprint lautet nämlich „Wie viel Natur kostet das?“ Wie viel Biokapazität steckt in einem Glas Orangensaft oder wie viel braucht ein Liter Benzin? Man kann die Frage aber auch erweitern: Wie viel Natur braucht ein Mensch? Die „Währung“ des Footprint ist die Fläche, genauer gesagt die biologisch produktive Fläche, die erforderlich ist, um eine Ware oder Dienstleistung bereit zu stellen und zu entsorgen. Für einen Menschen berechnet man folglich die Summe dessen, was er verbraucht, einschließlich des Abfalls, den er hinterlässt; auch der hat Auswirkungen auf die Natur. Was beim Geld Euro, Dollar oder Yuan heißt, ist beim Footprint der Hektar oder genauer, der globale Hektar

Die verschiedenen Geldwährungen kann man gegeneinander verrechnen, die Flächeneinheiten des Footprint auch. Das ist ja gerade der Trick: dass es stets nur eine Größe gibt, worauf die Dinge bezogen sind, nur ein tertium comparationis. Beim Geld liegt das auf der Hand – sonst würde es nicht funktionieren. Bei ökologischen Modellen aber ist es nicht üblich, dass es nur einen Parameter gibt. Andere Methoden als der Footprint, etwa die Ökobilanz, arbeiten mit mehreren, um die vielfältigen Eigenschaften der Dinge zu beschreiben. Eine besondere Stärke des Footprint liegt also darin, dass er stets auf die biologisch produktive Fläche als die entscheidende Größe Bezug nimmt. Diese Eindeutigkeit fördert in besonderem Maße Kommunikationsprozesse. Ebenso, wie man Preise zur Kenntnis nimmt und sich darüber austauscht, wie teuer oder wie günstig ein Warenangebot ist, ermöglicht es der Footprint, fruchtbare Diskurse über Naturverbräuche zu führen: über hohe und niedrige, über Auswirkungen auf dieses oder jenes Ökosystem – aber stets gibt es nur eine Zahl, eine quantitative Einschätzung, worin die Vielfalt der Natur enthalten ist.  

Gehen wir mal in ein Warenhaus. Ebenso wie die Dinge Preisschilder haben, worauf der monetäre Wert vermerkt ist, ebenso wie wir mittlerweile Angaben über die Nährwerte und Inhaltstoffe auf den Produkten finden, so könnten sie auch eine weitere Kennzahl tragen, die die enthaltene Biokapazität ausweist. Auf der Vorderseite des Etiketts stünde der Verkaufspreis, auf der Rückseite der Naturverbrauch. Der Käse, die Jeans oder die Urlaubsreise – alles lässt sich in Biokapazität umrechnen: die Fläche nämlich, die benötigt wird, um die Ware oder die Dienstleistung bereit zu stellen. Beim Käse ist es im Wesentlichen die Weide, die die Kuh benötigt, um Milch zu geben und natürlich auch die Energie, um Milch in Käse zu verwandeln. Bei der Jeans ist es das Baumwollfeld und bei der Reise sind es viele Dinge, die berücksichtigt werden müssen, vom Flugbenzin bis zum Hotel. Wenn für viele Städter der Strom auch aus der Steckdose kommt und die Milch aus der Tüte – hinter all dem, was wir zum Leben brauchen, steckt ein Stück Natur. 

Biokapazität bewusst machen

Auch hier wieder die Parallele zum Geld: So lange genug davon vorhanden ist, scheint alles in Ordnung, wir nehmen es einfach als gegeben. Aber wenn nicht? Ohne biologische Kapazität zu sein, fühlt sich so ähnlich an, wie ohne Geld zu sein. Zum Beispiel wenn man in einer fremden Stadt gestrandet ist, ohne Bargeld, ohne Kreditkarte: Was will man essen? Wo will man schlafen? Was wäre denn, wenn die Natur ihre wunderbaren Dienste plötzlich nicht mehr bereitstellen könnte? Wenn es zu wenig Wasser gäbe, um Leben und wirtschaftliche Aktivitäten überhaupt möglich zu machen. Wenn die Fischgründe in den Ozeanen schrumpften oder gar kollabierten, die Nachfrage aber weiter stiege und Fisch damit immer seltener und vielleicht teurer werden würde. Oder wenn die paar Felder hinter dem Haus einfach zu wenig für die Familie abwerfen und man - wie viele Menschen im ländlichen Bangladesch - kein Geld hat, um Essen hinzu zu kaufen? Oder wenn die Wälder und Ozeane auf einmal kein weiteres Kohlendioxid mehr aufnehmen, sondern, umgekehrt, das gespeicherte Klimagas in die Atmosphäre wieder entlassen würden. Was dann? 

Geld ist unser zentrales ökonomisches Bewertungsmedium. Der Footprint funktioniert, wie gesagt, ganz ähnlich – nur auf einer anderen Ebene. Geld kann aber noch mehr, es ist nicht nur ein Maßstab, sondern zugleich ein Zahlungsmittel. Als solches geht es von Hand zu Hand. Das kann der Footprint nicht. Man kann zwar Biokapazität austauschen, zum Beispiel indem man Holz importiert und Fleisch exportiert, aber dabei wird nicht der Footprint gehandelt, sondern Holz und Fleisch, deren Footprint man wiederum bestimmen kann. Geld ist zudem so etwas wie ein Vermögensspeicher (das Sparbuch, das Portfolio), auch das ist beim Footprint anders. Das Naturkapital ist immer nur in der Natur selber, der Footprint, als Methode oder als Kennzahl, beschreibt es und sagt, was ist. Aber während Geld als Wert anerkannt, ja, oft vergöttert wird, wird das Naturkapital unterschätzt. Wir leben so, als wäre die Natur unendlich und unermüdlich darin, die Menschen mit ihren Reichtümern zu versorgen. Auf lange Sicht jedoch ist die Natur der Wertgegenstand, Geld nur ein Symbol. 

Nun gibt es ja auch Dinge, die man nicht kaufen kann, zum Beispiel wahre Liebe. Folglich kann man sie auch nicht in Geld ausdrücken. Ein anderes Beispiel ist die Atmosphäre. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, sie als kostenlose Mülldeponie für ihre Emissionen zu nutzen. Wie beim Geld gibt es auch beim Footprint Bereiche, die er ausspart. Ein Stein zum Beispiel hat keinen Footprint. Er ist einfach nur da – seine Existenz hat keinen messbaren Verbrauch. Tiere dagegen haben sehr wohl einen Footprint, sie atmen, trinken und fressen, verbrauchen Biokapazität und damit Fläche. Der Fisch, den der Seelöwe frisst, steht uns nicht mehr zur Verfügung. Oder nur indirekt, wenn wir den Seelöwen verspeisen oder sein Fell nutzen. 

Wie viel Biokapazität braucht ein Mensch? Um zu essen, sich zu kleiden, um sein Haus zu bauen, es zu heizen, schließlich, um zu reisen und um Waren zu transportieren, benötigt er die Dienste der Natur. Dabei hinterlässt er Abfall, festen, flüssigen, gasförmigen. Auch damit muss die Natur fertig werden. So zieht der Mensch durch die Welt und drückt seinen „Fuß“ hinein. Manch einer geht festen Schrittes, ein anderer ist so schmal und zart, dass er kaum den Boden berührt. Ob groß oder klein, jeder Mensch hinterlässt eine Spur, so lange er lebt. Genau darin besteht die Metapher des Footprint. 

Der Footprint misst aber nicht nur den Naturbedarf eines einzelnen Menschen, man kann die Methode ebenso auf die Bevölkerung einer Stadt, einer Nation und schließlich auf die gesamte Menschheit anwenden. Dabei fokussiert der Footprint auf einen besonderen Teil des Naturkapitals, nämlich den, der Ressourcen erneuern kann. 

Energie (ver)braucht Natur

Beispiel fossile Energie: Seit der industriellen Revolution greift der Mensch massiv auf die natürlichen Vorräte von Kohle, Öl und Gas zurück; dabei handelt es sich um nicht-erneuerbare, genauer: nur in gewaltigen Zeiträumen erneuerbare Ressourcen. Er holt sie aus der Erdkruste und bringt sie an die Oberfläche und damit in die Biosphäre ein. Bei den Berechnungen des Footprint spielt die Menge an Kohle oder Öl selber keine direkte Rolle. Sie ist ja nicht Teil der lebendigen Natur, sondern über Jahrmillionen entstanden, und eher ein Wertgegenstand, wie ein Stück Gold oder ein Gemälde von Picasso.

Die Nutzung der Kohle oder des Öls aber braucht Natur. Das misst der Footprint. Wenn diese Mengen fossiler Energieträger verbrannt werden, wird Kohlendioxid freigesetzt. Damit muss die Biosphäre fertig werden, denn dies ist neues Kohlendioxid, das nicht bereits in den natürlichen Kreisläufen zirkuliert. Damit die Konzentration des Kohlendioxids in der Atmosphäre nicht ansteigt und langfristig das Klima destabilisiert, sollte es wieder entfernt werden – was bislang jedoch nur marginal geschieht. Die Aufgabe wird vielmehr der Natur überlassen. Ein guter Teil des überschüssigen Kohlendioxids wird mittlerweile von den Ozeanen aufgenommen (die dadurch weiter übersäuern), aber der Rest muss von Ökosystemen an Land absorbiert werden. Sonst bleibt es in der Atmosphäre zurück. Die Methode fragt daher: Wie viel Fläche, wie viel Wald ist notwendig, um die Restmenge an Kohlendioxid zu absorbieren? Forschungen belegen, dass ein durchschnittlicher Hektar Wald auf diesem Planeten, der im Sinne des Klimaschutzes bewirtschaftet wird, jährlich etwa die Menge Kohlendioxid aufnehmen kann, die bei der Verbrennung von 1.500 Litern Öl freigesetzt wird.

In den vergangenen 200 Jahren hat der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre um rund ein Drittel zugenommen von 270ppm auf über 400. Offensichtlich setzen wir nicht genug biologische Kapazität auf unserem Planeten ein – vor allem Wälder und Ozeane –, um die Verbrennungsrückstände in eben der Geschwindigkeit abzubauen, wie sie erzeugt werden. Theoretisch gäbe es dafür zwar immer noch ausreichend Fläche, aber dann könnten wir deutlich weniger Biokapazität für anderes einsetzen: Essen, Fasern, Brennholz, Stadtflächen. 2011 besetzte der weltweite Carbon Footprint allein 85 Prozent der Biokapazität des Planeten. Da bleibt nicht mehr viel für alles andere.

Ähnlich ist es mit anderen nicht-regenerativen Rohstoffen wie Stahl, Kupfer oder Mineralien. Diese Stoffe sind nur begrenzt Teile der lebendigen Natur. Die meisten mineralischen Substanzen entnehmen wir der Erdkruste. Um sie zu konzentrieren und zu verarbeiten, benötigen wir die Dienste der Natur. Der Footprint berücksichtigt diese Substanzen daher, indem er die Menge an Energie, die bei der Gewinnung, beim Transport und bei der Verarbeitung anfällt, bilanziert. Das ist die Rechnung, die wir der Natur stellen. Damit sind wir wieder beim Kohlendioxid. Und bei der Biokapazität, die erforderlich ist, um eine bestimmte Menge Kohlenstoff mit Hilfe der Photosynthese in fester Biomasse zu binden. Mit anderen Worten, mineralische Substanzen und Erze sind Wertgegenständewie Gold oder Aktien, nur benötigen sie im Gebrauch zusätzliche Energie. Auch die kostet Biokapazität. 

Lange wurde den nicht-erneuerbaren Ressourcen des Naturkapitals die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Der wichtigste Grund dafür war die Einsicht, dass die Vorräte an fossilen Energieträgern, aber auch an bestimmten Erzen und Mineralien, endlich sind. Die Sorge ist verständlich, da die industriellen Produktionsprozesse auf diese Stoffe angewiesen sind. Und einige Stoffe sind tatsächlich schon knapp. Erst in jüngster Zeit rückt aber die Tatsache in den Vordergrund, dass die erneuerbaren Ressourcen mit ihren lebensunterstützenden Funktionen noch stärker gefährdet sind.

Nicht-erneuerbare Ressourcen – Wälder, Fischpopulationen, Feuchtgebiete – können durch Übernutzung zur Gänze aufgebraucht werden. Und zwar dann, wenn der Mensch die erneuerbaren Ressourcen schneller ausbeutet, als sie sich regenerieren können. Während die nicht-erneuerbaren Ressourcen für die direkte Erhaltung des Lebens geringere Bedeutung haben, sind die erneuerbaren Ressourcen eine conditio sine qua non für die Existenz allen Lebens auf der Erde. Aus diesem Grund stellen gerade die erneuerbaren Ressourcen, und damit auch das Regenerationspotenzial der Biosphäre insgesamt, den eigentlich limitierenden Faktor dar, um menschliches Leben und Wohlergehen aufrecht zu erhalten. Dasselbe gilt für die mehr als zehn Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Welt.

Die Welt als Bauernhof

Wir sehen die Welt also wie einen Bauernhof. Wie groß ist er? Wie viel gibt er her? Was brauchen wir im Vergleich zur Produktion des Bauernhofs? Bauern denken auch in Fläche – es sind eben diese Flächen, die die ökologischen Dienstleistungen bereitstellen. Die Sicht des Bauern auf die Natur übersetzt sich in ein wissenschaftliches Buchhaltungssystem. Hinter der Footprint-Methode steht ein Gerüst, das Millionen von Zahlen, die mit Hilfe von Satelliten, Handelsstatistiken, Volkszählungen und Fragebögen gewonnen werden, zusammenführt. Seit dem Jahr 1961 erheben die Vereinten Nationen für den Globus komplette Datensätze. Von diesem Zeitpunkt an kann der Footprint von Nationen konsistent berechnet werden. Das geschieht heute für alle 220 Länder der UN Statistiken.

Noch einmal: Wie viel Biokapazität braucht ein Mensch? Diese Frage lässt sich im statistischen Sinne heute zwar immer genauer beantworten, eines wissen wir aber mit Gewissheit: dass die Resultate aufgrund der Komplexität der Realität ungenau sind. Sie zeigen zwar in die richtige Richtung, absolut präzise sind sie aber nicht. Und doch sind sie die besten verfügbaren Antworten auf unsere Fragen. Global Footprint Network, seine Partnerorganisationen und andere Institutionen arbeiten stetig an der wissenschaftlichen Verbesserung. In der Folge werden die Ergebnisse immer verlässlicher. 

Die Ergebnisse für 2011 haben eine überaus große Bandbreite. Sie repräsentieren den „globalen Bauernhof“ – Wald, Fischgründe, Weide und Ackerfläche –, der nötig ist, um den Ressourcenverbrauch zu stillen und die Abfälle aufzunehmen. Somit liegt der durchschnittliche Footprint eines Menschen aus Haiti – ein Land, dessen ökologischer Kollaps von wirtschaftlicher Turbulenz und heftigen politischen Erschütterungen begleitet wurde – bei 0,54 globalen Hektar. Die Nachfrage nach Biokapazität im krisengeschüttelten Afrika beträgt 1,2 globale Hektar pro Person. Ein Deutscher dagegen nutzt 4,4, ein Franzose 4,2, ein Amerikaner 6,8 und ein Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate 8,1 globale Hektar. 

Im Internet gibt es eine Reihe von Footprint-Rechnern, mit deren Hilfe man ohne großen Aufwand seinen eigenen Footprint ermitteln kann. Ähnlich wie bei einem Quiz antwortet man auf Fragen nach der eigenen Ernährung – zum Beispiel wie oft man in der Woche Fleisch isst –, nach den Wohnbedingungen und nach Mobilitätsgewohnheiten. Der Footprint für einen Einzelnen lässt sich mit diesen Indizien grob abstecken. Die Methode ist aber nicht nur auf Lebensstile anwendbar, sondern ebenso auf alle möglichen Aktivitäten, Produkte und Dienstleistungen, vom Frühstück bis zur Flugreise – insgesamt vollständig skalierbar. 

Eine neue Alltagswahrnehmung

Der Footprint eröffnet dabei eine neue Wahrnehmung. Wir sehen, was die Dinge, die wir Tag für Tag benötigen, die uns ein reiches und erfülltes Leben ermöglichen, tatsächlich „kosten“, wie viel Biokapazität in ihnen steckt. Unser Dasein ist direkt mit der ökologischen Kapazität des Planeten verknüpft. Aus dieser Perspektive sind Material- und Energieflüsse nicht irgendwo da draußen, jenseits der ökonomischen Sphäre. Vielmehr verstehen wir das menschliche Leben und die Wirtschaft als Teilsystem der Biosphäre. Und zwar sehr konkret: Der Footprint ist ein Werkzeug, um den Stoffwechsel (Metabolismus) von Mensch und Natur zu beschreiben, ein Mikro- wie ein Makroinstrument. Im Kleinen wie im Großen kann man so quantitativ abschätzen, was die Natur uns anbietet, und auch wie wir sie nutzen. 

Der Footprint beschreibt in erster Linie, was ist. Die Tatsache, dass wir Biokapazität überhaupt messen und damit objektivieren können, ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. Ein Beispiel: Wir wissen heute, dass wir vor großen Herausforderungen stehen, um das Klimasystem des Planeten einigermaßen stabil zu halten. Die Auswirkungen von Kohlendioxid, dem primären Treibhausgas, auf die biologischen Systeme sind gewaltig. Rund die Hälfte des gesamten Footprints der rund sieben Milliarden Menschen heute ist eine Folge der Nutzung fossiler Energie. Der Carbon-Footprint ist dabei rasant gewachsen. Seit 1961, dem Beginn der statistisch gesicherten Daten der Vereinten Nationen, hat er sich mehr als verdoppelt. Der Energieverbrauch ist noch schneller gestiegen, besonders für Erdgas, das aber weniger CO2 intensiv ist und somit einen kleineren Carbon Footprint pro Energieeinheit aufweist. Allerdings nur, solange wenig vom Methan des Erdgases unverbrannt entweicht. Denn Methan ist ein potentes Treibhausgas. Schon kleine Verluste in der Gasförderung und -verteilung machen den Vorteil des Gases gegenüber Kohle wieder wett.

Die Nachfrage nach Ressourcen ist nach oben kaum beschränkt. Was damit zu tun hat, dass man in größeren Häusern leben kann, und nahezu beliebig viel Auto fahren oder fliegen kann – vorausgesetzt, das Geld dafür ist vorhanden. Beim Essen nimmt der Footprint zu durch längere Transportwege der Nahrungsmittel, mehr Fleisch, und raffiniertere Zubereitung. 

Die Kohlendioxid-Emissionen sammeln sich in der Atmosphäre an und führen zu langfristigen, in einigen Regionen sogar zu massiven Auswirkungen auf das Klima und den Wasserhaushalt. Mit Hilfe des Footprints kann man abschätzen, was geschähe, wenn man erhebliche Teile der Energieversorgung auf nachwachsende Rohstoffe, zum Beispiel Agrotreibstoffe, verlagern würde. Die Atmosphäre mag zwar in den meisten Fällen entlastet werden – aber wird dadurch vielleicht an anderer Stelle Druck auf die biologischen Systeme ausgeübt? Das erfasst der Footprint. Die meisten gebräuchlichen Techniken, um Energie aus regenerativen Quellen zu gewinnen – Wasserkraft, Windkraft und Biomasse –, weisen einen verringerten Ausstoß an Kohlendioxid auf, aber gleichzeitig brauchen sie eben auch biologisch produktive Flächen. Bei der Gewinnung von Energie aus Biomasse gibt es unterschiedliche Verfahren. Bislang werden ausschließlich die Früchte der Agrarprodukte – zum Beispiel Maiskörner, Rapssamen oder Palmölkerne – verwendet; die Techniken der zweiten Generation nutzen dagegen die gesamte Pflanze, der Wirkungsgrad ist entsprechend höher. Trotzdem: Wird dabei nicht dringend benötigte Biokapazität eingesetzt, die der Nahrungsmittelproduktion verloren geht? Der Footprint kann die unterschiedlichen Verfahren quantifizieren, vergleichbar machen und die Fragen damit beantworten. 

Den Planeten besser verstehen

Das Klimaproblem an sich ist gewaltig. Und doch ist es nur ein Ausschnitt eines umfassenderen Bildes: dem des erstaunlich robusten, aber zugleich auch verletzlichen Planeten Erde mit seiner gesamten Biologie. Das Ganze sehen, das ist die eigentliche Perspektive des Footprint. Er funktioniert dabei wie eine Landkarte. Seinem Grundgedanken folgend übersetzt er die Ansprüche an Ökosysteme und bringt sie auf „einen Nenner“. Im Hintergrund steht ein ebenso umfangreiches wie genaues Datenset, eben wie bei einer Landkarte. Die zeigt uns freilich nur das Wesentliche: Städte, Straßen, Ländergrenzen. Würde sie jeden einzelnen Baum, jedes Haus erfassen, könnten wir sie gar nicht lesen. Diese Komplexitätsreduzierung ist es gerade, die uns hilft, ein unübersichtliches Terrain zu erfassen.

Analog ermöglicht es der Footprint, unsere Welt, unseren Planeten mit seinen überaus vielfältigen und bewunderungswürdigen natürlichen Regelwerken besser zu verstehen, auch, wie tief wir darin eingreifen dürfen. Kurz, er hilft uns, Risiken und Möglichkeiten zu beurteilen. Um einen gangbaren Weg zu finden. 

Dieser Text ist ein Auszug auf dem Buch “Ecological Footprint. Die Welt neu vermessen” von Mathis Wackernagel und Bert Beyers, das Ende 2015 in einer zweiten verbesserten Auflage in der Europäischen Verlagsanstalt erscheint.

Über die Autoren

Credit: Erik Johnson

Mathis Wackernagel ist Präsident des Global Footprint Network mit Sitz in Oakland (Kalifornien), Genf, Manila und Brüssel. Das Network hat Partner und Projekte auf allen Kontinenten und wurde 2007 mit dem Skoll Award for Social Entrepreneurship ausgezeichnet. Zusammen mit Bill Rees ist Wackernagel Pionier der Ecological-Footprint-Methode. Er erhielt u.a. den IAIA Global Environment Award 2015, den Prix Nature Swisscanto 2013 und den Binding-Preis für Naturschutz 2012.

Bert Beyers ist Redakteur beim NDR in Hamburg und befasst sich seit Jahren mit ökologischen und Zukunftsfragen. Zuletzt erschien von ihm “Welt mit Zukunft – Überleben im 21. Jahrhundert” (zusammen mit Franz Josef Radermacher).

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