Von Schulden, die belasten, zu Schulden, die verbinden

Schulden werden zu einem verbindenden Element innerhalb einer Gemeinschaft, die nicht oder nicht zuallererst am Profit, sondern am gemeinsamen Zukunftsglauben an eine Idee orientiert ist. Ein Auszug aus der Trendstudie „Geld-Gehirn“.

Von Verena Muntschick

Zukunftsinstitut / Ksenia Pogorelova

Über Schulden redet man nicht. Wer Schulden macht, ist äußerst verzweifelt. Schulden sind das letzte Mittel der Wahl. Schulden machen einsam und krank. Diese Glaubenssätze waren lange Zeit gültig und als moralische Prinzipien in der Gesellschaft verankert: Schulden gehören sich nicht. Wer Schulden hatte und damit „über seine Verhältnisse lebte“, stand unter gesellschaftlicher Beobachtung und war von sozialer Ächtung bedroht, wenn er sich nicht bemüht zeigte, seine Schulden baldmöglichst zu tilgen.

Der Grund für dieses schlechte Ansehen von Schulden war die Art und Weise, wie Schulden sozial geregelt waren: Das Prinzip Schulden funktioniert nicht über eine einfache Soll-Haben-Rechnung, sondern über kulturell verankerte Wert- und Moralvorstellungen, die das Schuldempfinden der Menschen formen. Eine einfache Art, dieser Verpflichtung eine möglichst große Strenge zu geben, ist es, ein Schuldverhältnis mit einem Machtverhältnis in Verbindung zu bringen: Wer Schulden macht, unterwirft sich dann in diesem Verständnis dem Gläubiger und wird ein Stück weit entmachtet. Entsprechend werden Schulden als wortwörtlich niederdrückende Belastung empfunden.

Mittlerweile jedoch sind Kredite sowohl im Privaten als auch im Finanzbusiness an der Tagesordnung. Dadurch, dass sie oftmals nur als rote Zahlen mit einem Minuszeichen auf dem Online-Konto erschienen, sind Schulden völlig unpersönlich, abstrakt und spekulativ geworden – der Verlust des Kontakts von Krediten zur Realität auch im Großen wurde nicht zuletzt in der Finanzkrise sichtbar. Schulden belasten nicht mehr, sondern sind ganz normal geworden. Man könnte gar sagen, dass man sie mit dem heutigen Nullzins-System sogar befördert will, da das Aufbewahren und Sparen von Geld weniger zur wirtschaftlichen Erholung beiträgt als der Konsum.

In Zeiten von Online-Kreditprüfung hat sich Schuldenmachen von den Prinzipien sozialer Interaktion völlig losgelöst und verselbständigt. Fast könnte man denken, dass „Schulden machen“ gar nichts mehr mit „in jemandes Schuld stehen“ zu tun hat. Aber: Aktuell transformieren sich Schulden in unserem Schulden sind völlig unpersönlich, abstrakt und spekulativ geworden   Geld-Gehirn von einer leeren Hülse zu einem neuen, sozial sinnvollen Impuls. Eine neue Investitionskultur entsteht, in der Kredite nicht mehr das Zeichen für Machtlosigkeit und Versagertum sind, sondern im Gegenteil: In immer mehr Bereichen werden Schulden als sinnvolle und vertrauenswürdige Investitionen in die Zukunft gesehen. Das hängt mit einer gewandelten Wirtschaft zusammen, in der private Investitionen innerhalb der florierenden Welt der Startup-Kultur keine Seltenheit mehr sind.

Als gut empfundene Ideen werden von kleinen, dezentral organisierten Schuldengesellschaften unterstützt: Über Peer-to-peer-Plattformen im Netz entstehen neue Formen von Crowdfunding und P2P-Lending, bei denen sich Menschen nicht bei Banken oder dem Staat verschulden, sondern bei anderen Privatpersonen. Der Gläubiger übt nicht Macht aus, sondern bietet zusammen mit den anderen Unterstützern einen Vertrauensvorschuss und Rückhalt für das Vorhaben des Schuldners (daher auch der Name Gläubiger = Glaubender).

Gläubiger sind damit nicht nur persönlich, sondern oft auch selbst emotional an den Investitionen des Schuldners beteiligt. Dieser spricht in seiner privaten Kreditnahme ein Zahlungsversprechen für die Zukunft aus, das nicht aus Pflichtbewusstsein und Angst vor Sanktionen eingelöst wird, sondern um eine andere Währung nicht zu verlieren: Vertrauen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Finanzen

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Seit Urzeiten begleitet das Medium Geld die gesellschaftliche Evolution und Geld ist heute die einzige Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird. Zugleich ist Geld auch das wichtigste Informationssystem der Menschheit und die zukünftigen Konzepte für dieses Informationssystem sind so differenziert, weitreichend und faszinierend wie noch nie. Die Zukunft der Finanzwelt erfordert daher neue strategische, digitale Ausrichtungen - und ein neues finanzielles Werteverständnis.

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Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.