Vom Optimierungswahn zum Mind Balancing

Die Bemühungen, durch Selbstoptimierungspraktiken zu mehr innerer Kraft und aktiver Lebensenergie zu kommen waren nie größer als heute. Wahre Ausgeglichenheit jedoch kann auf Basis eines solchen Leistungsgedankens nicht erreicht werden – ein Auszug aus der neuen Studie "Health Trends".

Von Janine Seitz und Verena Muntschick

Foto: Seymor+ Projects, Credit: Camille Malissen / www.seymourprojects.com

Gelassenheit gilt als die neue geistige Einstellung, die zu einem ganzheitlichen Gesundheitsgefühl und damit zu wahrer Gesundzufriedenheit führt. Sie ist das Gegenteil der aktiven Suche nach Lebensenergie, denn sie hat kein Ziel – hier ist der Weg das Ziel: loslassen (können). Gelassenheit ist damit eher eine Kompetenz als ein psychischer Momentzustand: Es geht um das Wissen, was die eigene Gesundzufriedenheit ist, wie man positive Elemente im Leben verstärken und andere bewusst fallen lassen kann, um in einem fließenden Gleichgewicht zu sein und zu bleiben.

Neben gängigen Praktiken wie der Meditation gewinnen in jüngster Zeit "Detoxing"-Angebote zur Reinigung des Geistes an Bedeutung. Über die Hälfte der Deutschen findet Fasten aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll. Das ergab eine Umfrage von Forsa im Auftrag der DAK im Januar 2016. Vor allem Menschen unter 30 Jahren erachten es als sinnvoll, mehrere Wochen gezielt auf ein bestimmtes Genussmittel, wie z.B. Alkohol, oder auch Konsumgüter, wie z.B. Fernsehen, zu verzichten. Das Detoxing bezieht sich dabei nicht nur auf das Konsumverhalten in der globalisierten Ökonomie, sondern auch auf geistiges Loslassen-können.

Daher ist auch Digital Detox, der Verzicht auf alles Digitale, nicht ein Verzichtshandeln, sondern bewusste Entschleunigung – ein Trend, der im Kontext der Slow-Bewegung bereits in viele Lebensbereiche Einzug gehalten hat. Neben Stressreduktion sind entsprechend "Zeit für sich haben" und "abschalten können" die wichtigsten Motive dafür. Eine digitale Gelassenheit legt tatsächlich schon die Mehrheit der Deutschen an den Tag: Nur 16 Prozent der Internetnutzer ist es wichtig, immer und überall erreichbar zu sein. Ein Trend, der bisher eher in den westlichen Ländern zu beobachten ist, aber auch bereits in Japan sichtbar wird.

Always on

Business-Ideen, die es dem Individuum ermöglichen, loszulassen und einige Schritte zurückzutreten, um sich selbst und die Welt zu beobachten, entwickeln sich zu einem Wachstumsmarkt. Bei den Deutschen steht Urlaub im eigenen Land hoch im Kurs, denn beliebt ist vor allem eins: Ruhe, Mind Balancing bildet nicht den freizeitkonnotierten Gegenpol, sondern ist einer neuer Grundmodus. Erholung und Entspannung. Urlaub auf dem Bauernhof, in der Natur oder in abgelegenen Klöstern und Retreats erfreut sich wachsender Beliebtheit. Gelassenheit – Mind Balancing – bildet letztlich aber nicht den freizeitkonnotierten Gegenpol zum stressigen Job, sondern ist ein neuer Grundmodus, der in allen Lebensbereichen zu einem neuen, gesundzufriedenen Denken und Handeln führt.

BEST PRACTICE: Spa für die Gedanken

Mitten in Paris, an einem der vielbefahrenen Boulevards, findet sich hinter einer unscheinbaren weißen Fassade ein geheimnisvoller Ort der Entschleunigung. Das Seymour+ ist ein "Escape Room" für den Geist und die Gedanken, ein Raum ohne Technologie und andere Ablenkungen. Keine Computer, keine Handys, selbst Bücher und Zeitschriften sind in dem 230 Quadratmeter großen Loft nicht erlaubt, das sich über zwei Etagen erstreckt. Die Besucher werden in fünf interaktiven Umgebungen mit unterschiedlichen Methoden und Übungen aufgefordert, sich ausschließlich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Melissa Unger, Gründerin des Seymour+, versteht ihr 2015 begonnenes Projekt als einen Raum der Stille und der Stressreduktion, wo Menschen vorübergehend alle Verbindungen zur Außenwelt kappen, um sich wieder mit sich selbst zu verbinden.
seymourprojects.com

Dieser Text ist ein Auszug aus der im Oktober 2016 erschienenen Studie "Health Trends".

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Health Trends

Dossier: Health Trends

Der Megatrend Gesundheit hat sich fest in der Gesellschaft etabliert und ist in sämtliche Lebensbereiche vorgedrungen. Wie aber steht es um die großen Wirkungsfelder rund um die Gesundheit: um die Beziehung zwischen Mensch und Ökosystem, angepasste Infrastrukturen am Arbeitsplatz, individuelle Gesundheitskompetenz und die Digitalisierung des Gesundheitsmanagements?

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.

Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.