Die Zeitung – von gestern?

Das Verlagswesen stirbt nicht aus, sondern passt sich den neuen Bedingungen an: In “Post-Digital Print” fragt Alessandro Ludovico nach der Zukunft des Drucks.

Quelle: Trend Update 03/2013

Alessandro Ludovico, Journalist aus Bari, ist ein alter Kämpfer. Als solcher ist er es gewohnt, zwischen den Fronten zu wechseln. Die Fronten in diesem Fall: zwischen der Papierwelt und dem digitalen Universum, im Kampf um die Frage: Wie wird unsere Medienwelt in den kommenden Jahrzehnten aussehen?Wird im Jahre 2050 wirklich jedes „jemals geschriebene Wort“ digital verfügbar sein? Seit Anbeginn der Zeit? Und wer wird das dann alles brauchen?

Ludovico geht mit seinem Buch weit über die Frage hinaus, ob es eine Zukunft für gedruckte Medien gibt, wie wir sie heute kennen. Die Frage, ob das dann ein toller Markt für Anzeigenverkäufer oder für Fans des Großformats zum Frühstückskaffee sein wird. Oder ob sich irgendjemand finden wird, der die Digitalisierung all der alten schriftlichen Zeugnisse wirklich finanzieren will.

Als Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift „Neural“ verfolgt er seit 1993 alles rund um die elektronische Kultur – in Print. Sein Buch ist daher ein Bekenntnis zu beidem und versucht sich an der Frage, wie ein Zusammenleben der beiden Welten in der Zukunft aussehen könnte. Während der Autor an dieser Frage allerdings am Ende von 170 Seiten seiner Reise durch die Historie des gedruckten Wortes scheitert, angesichts der unendlichen Fragmentierung der Mikrochancen und Wenn-dann-Risiken, so stellt er unterwegs in großartigen Kapiteln zu Hauptsträngen und verwunschenen Nebenwegen des Textuniversums Fragen, die wahrhaft inspirieren.

Was bedeutet der leicht megalomanische Versuch eines amerikanischen Such-Unternehmens, gegründet vor 15 Jahren, eine „Universale Bibliothek“ allen Wissens digital zu erstellen? Ist es der Kampf gegen Print oder vielmehr der alte Traum der Bibliothek von Alexandria, das weltweit zerstreute Wissen wieder an einem Ort zusammenzuführen, die Fragmentierung zurückzudrehen? Eine Vorstellung, die auf paradoxe Weise perfekt zu einem Content-Aggregator wie Google passt und selbstverständlich enden muss wie die Borges- Erzählung von der Bibliothek von Babel aus dem Jahre 1941: Deren Mitarbeiter wissen definitiv, dass alles Wissen irgendwo in den unendlichen Gängen ihres Instituts vorhanden ist – wenn man nur wüsste, wo!

Print: Das überlegene Interface?

Sehr erhellend seine Abhandlungen über das überlegene Interface: Always on, verfügbar, mobil, leicht kommentierbar, ultra-einfaches Handling, Welche Contentlösungen werden uns in den kommenden Jahren umgeben? voll standardisiert und ein extrem sicheres, stabiles Speichermedium: Print. Und dass andererseits die Technisierung stets der stärkste Treiber der Print-Entwickung war, zeigen Ausflüge in die – zum Teil gar nicht so weit entfernte – Geschichte der Fax-Zeitungen in den 70ern, des Telegraphen als Grundlage der Gründung eines newsgetriebenen Zeitungswesens und der Gratiszeitungen mit enormen Auflagen, die schon im 19 Jahrhundert nur von Inseraten, sprich: Anzeigenkunden, lebten und sich höchster Reputation erfreuten.

Ludovico ist kein Apologet hemmungslosen globalen Papierverbrauchs. Es gelingt ihm zu zeigen, dass die Welt der gedruckten Worte durch die Digitalisierung eine Art Frischzellenkur durchläuft und schon jetzt viele neue Komponenten die bestehenden Formate bereichern. Weniger sichtbar im derzeitigen Layoutverständnis, sondern in der gerade erst beginnenden Neupositionierung der Interaktion mit der Gesellschaft, die den Medien keine alleinige Deutungshoheit mehr gewährt, sondern beteiligt sein will und – ganz im Sinne einer individualisierten Medienlandschaft – Inhalte fordert, die spezifischer sind, konkreter, bedeutungsvoller. Leistungen, die ein fixiertes Format durchaus auch künftig überzeugend transportieren kann. Wer wissen möchte, welche Contentlösungen uns in den kommenden Jahren umgeben werden, sollte zu dem – bislang  leider nur in Englisch verfügbaren – Büchlein greifen.


Matthias Horx "Future Tools"

Die Pflichtlektüre für Zukunfts-Agenten

Mit diesem Handbuch schärfen Sie Ihren Blick für die Zukunft – und lernen Methoden, Denkweisen und Philosophien der neuen Trendforschung kennen.

Mehr über die Studie

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Medien

Dossier: Medien

In der Medienwelt von morgen werden sich Geschichten noch weiter von ihren Trägermedien lösen und alte Denkschemata in „Zielgruppen“ obsolet machen. Im Zentrum strategischer Überlegungen wird die individuelle Nutzungssituation stehen - und damit auch die Frage, ob ein Medium Diffusions- oder Fokusmedium sein will. Den Medien von morgen gelingt es, beides miteinander zu verbinden.

Buchrezensionen

Buchrezensionen

Vielleicht haben Sie in Ihrem Alltag wenig Zeit, sich Büchern zu widmen, die sich mit dem Thema Zukunft beschäftigen. Hier finden Sie eine wachsende kommentierte Auswahl an Publikationen, die wir intensiver betrachtet haben.