Microadventures: Achtsame Mini-Breaks

Je gleichförmiger unser (Arbeits-)Alltag abläuft, umso schwieriger wird es, wirklich kreativ und innovativ zu sein. Kleine Auszeiten helfen, den Sinn für das Hier und Jetzt zu schärfen.

Von Saddia-Kiran Malik (11/2016)

Unsplash / Jamison McAndie / CC0

Täglich um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Um halb Acht gibt es den ersten Kaffee. Pünktlich um Zwölf geht es mit den Kollegen in die Mittagspause. Ein Meeting-Marathon später, und schon ist es 20 Uhr und höchste Zeit nach Hause zu gehen – auszuruhen, bevor der nächste Tag denselben Lauf nimmt und der Wecker wieder um 6.30 Uhr klingelt ...

Zugegeben, dieser Tagesablauf ist etwas überspitzt dargestellt. Aber: Haben wir nicht alle schon mal festgestellt, dass manche Tage von anderen kaum zu unterscheiden sind, dass die Zeit nur so verfliegt, Weihnachten schon wieder vor der Tür steht, obwohl der Herbst noch gar nicht begonnen hat? Dass aus Tagen im Nu Monate werden und schon bald ein ganzes Jahr vergangen ist, ein neuer Geburtstag geplant wird und wir uns fragen: Wo ist nur die Zeit geblieben?

Psychologisch betrachtet rennt unsere Zeit nur dann so schnell, wenn wir nichts Neues mehr erleben. Tagein, tagaus das Gleiche: Irgendwann setzt die Routine ein und verfestigt sich als Langeweile und Stagnation. Sicher, Routinen sind wichtige Strukturelemente und helfen uns unseren Alltag zu organisieren. Schalten wir aber zu oft in den Autopilot-Modus, lähmt es nicht nur unsere Kreativität, sondern täuscht auch unsere Wahrnehmung – und die Uhr scheint schneller zu ticken.

Wie also die Zeit entschleunigen? Wie können wir nachhaltiger leben und arbeiten, bewusster genießen und wieder intensiver fühlen? Nach zehn Jahren im Bereich Unternehmensberatung habe ich mich genau das gefragt – und ein persönliches Experiment gewagt, das mich zur Idee der "Microadventures" führte ...

Mein Experiment war eine Weltreise: Mit rund neun Kilogramm auf dem Rücken tourte ich durch Südostasien. Ich erlebte spannende Menschen, andere Kulturen, exotisches Essen, neue Herausforderungen, Nervenkitzel und Abenteuer. Nach viereinhalb Monaten kehrte ich zurück. Viereinhalb Monate, das hört sich wenig an, aber mir kam es wie ein ganzes Leben vor. Meine erste Übernachtung im Dschungel, meine erste Rollerfahrt auf Asiens Straßen, meine erste Schweigemeditation, mein erster Tauchgang, meine erste Wanderung auf einem Vulkan ... Was war passiert, und woher kam das Gefühl der Entschleunigung?

Regelmäßig aus seiner Routine auszubrechen, Dinge zum ersten Mal oder neu zu erleben, auch mal seine Comfort Zone zu verlassen, all das führt zu einer intensiveren Wahrnehmung der Umgebung – und vor allem seines Selbsts. Die Sinne werden sensibler, man wird achtsamer, lernt wieder, seiner Intuition zu vertrauen, "out of the box" zu denken und mit Leichtigkeit die Grenzen von Kreativität und Gedanken zu überschreiten.


Slow Business 

Jahrzehntelang war das Streben nach Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung bestimmt. Entscheidungen im Management, Innovationsprozesse, Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze – wenn etwas zu lange dauerte, war es schlecht. Langsam wird jedoch klar: Zeitknappheit und Alltagsstress erlöst man nicht durch noch mehr Effizienz. In der Studie Slow Business signalisieren 8 Wirtschaftsbereiche die Absage an die alte, dem Ende entgegenrasende Beschleunigungsökonomie. Entdecken Sie in Slow Business, was Fortschritt ohne Schnelligkeit im Zeitalter der Achtsamkeit bedeutet.
Mehr über diese Studie

Genau aus dieser Reflexion heraus kam mir die Idee der Microadventures. Microadventures sind Mini-Abenteuer, Mini-Urlaube, Mini-Relaxations, Mini-Outbreaks, um wieder sein Bewusstsein zu schärfen, einmal den Refresh-Button zu drücken, neue Energien zu tanken, Perspektivenwandel zu betreiben, daran zu wachsen und die Zeit wieder bewusster zu spüren – ohne gleich auf eine ganze Weltreise gehen zu müssen. Quality time für den Alltag.

Microadventures können ganz einfache Dinge sein, zum Beispiel einen Fluss zu seiner Ursprungsquelle verfolgen oder an einer unbekannten Endhaltestelle aussteigen und mit dem Fahrrad zurück finden (ohne Navi, versteht sich): alles, was einen aus der Routine bringt und frische Konzentration fordert. Größere Microadventures sind zum Beispiel eine Nacht unter dem Sternenhimmel, im Baumhaus oder im Tipi – oder das Schlüpfen in eine andere Rolle: die eines Songwriters, Tischlers, Regisseurs, Tänzers, Feuerwehrmanns. Denn warum sollten wir nicht auch mal jemand anderes sein und die Welt mit neuen Augen erblicken können? Ein ganzes Wochenende investiert man am besten in sogenannte Offline-Weekends: Internet-Detox für die Seele, in Survival Camps, Sport-Bootcamps, in Ferienlagern für Erwachsene. Auch hier gibt es mittlerweile viele spannende Angebote.

Microadventures haben viel mit Achtsamkeit zu tun. Viele denken als erstes an Meditationen als Instrument der Achtsamkeit: Während einer Meditation sind wir konzentriert und geben Acht. Das gleiche tun wir aber auch, wenn wir Dinge zum ersten Mal erleben: Wir tauchen tief ein, saugen mit allen Sinnen auf und sind im absoluten Hier und Jetzt. Wir sind also achtsam. Eben deshalb können wir uns an den ersten Kuss besser erinnern als an den zweiten.

Foto: catchAwish / www.catchawish.de

Dass Meditationen einen nachhaltigen positiven Effekt auf unsere Gehirnstrukturen haben, ist mittlerweile neurowissenschaftlich erforscht und bekannt. Und ähnlich wie Meditationen balancieren auch Microadventures das Wohlbefinden: Sie katapultieren uns unabdingbar in die Gegenwart, lassen uns auf die positiven Dinge fokussieren, fördern unsere Konzentration, machen uns produktiver und schützen uns vor dem Ausbrennen.

Ausgleich schafft Raum für Kreativität. Und so sind Microadventures nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Aktuell findet eine Awareness-Erweiterung in unterschiedlichen Bereichen des Lebens statt. Neben "Excitement" und "Live in the Now" werden auch "Healthy Habits" wie alternative Ernährungsformen (ayurvedisch, avicenna, vegan...) und mehr Bewegung wieder hip und avancieren zu echten Lifestyle-Bekenntnissen. Auch in der Arbeitswelt führen Kreativität und "Thinking outside the box" zu "Outside of 9 to 5", "Outside of common Structures" – und rein in die Individualität, Freiheit und Selbstbestimmung. Die wachsende Digitalisierung öffnet Tür und Tor für innovative Geschäfts- und flexiblere Arbeitsmodelle.

Eine der ersten Bewegungen, die von dem digitalen Fortschritt profitieren, ist die der sogenannten "digitalen Nomaden". Hierzu findet zweimal jährlich die DNX (Digitale Nomaden Konferenz) in Berlin statt. Sie versammelt rund 500 Entrepreneure, die sich ihren zukünftigen Lebensweg ortsunabhängig, selbstbestimmt und vor allem flexibel vorstellen, sei es mit einem eigenen Startup oder als Freelancer.

Auch alteingesessenen Unternehmen ist dieser Trend und der Wunsch nach mehr Freiheit nicht entgangen, und so gibt es schon seit geraumer Zeit Arbeitsmodelle mit Home-Office-Regelungen, die mehr Flexibilität einräumen. Andere Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter und lassen ihre Angestellten remote von überall auf der Welt arbeiten, ganz nach dem Motto "Selbstbestimmung macht glücklich, und glückliche Menschen leisten mehr".

Es bleibt spannend, wie sich die Arbeitswelt von morgen entwickelt, wenn sich das individuelle Wertesystem immer weiter hin zu mehr Selbstbestimmung, Individualität, gegenseitiges Vertrauen und Freiraum verschiebt. Ich freue mich auf dieses Morgen – und darüber, dass wir diese Entwicklung schon heute ganz bewusst mitgestalten können. Bis dahin sollten wir uns öfter fragen: "Wann haben wir eigentlich das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?"

Über die Autorin

Saddia-Kiran Malik arbeitete zehn Jahre lang als Unternehmensberaterin mit dem Fokus auf globale Transformationsprojekte. Im Jahr 2016 gründete die Wirtschaftsinformatikerin ihr Herzensprojekt catchAwish, mit dem sie Microadventures anbietet, die helfen, regelmäßig die eigenen Routinen zu durchbrechen. Malik ist ein Travel-Junkie, probiert gerne Neues aus und verlässt wann immer es geht ihre Comfort Zone. Sie verdient ihr Geld als selbständige Beraterin.

Übrigens: Auf catchAwish finden sich auch Maliks "Top 10 Microadventure-Tipps", die Sie sofort direkt vor der Haustür ausprobieren können.

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