Out of the box: Soziale Innovation

Innovative, zukunftsweisende Lösungen werden heute zunehmend an neuen Orten gefunden – jenseits traditioneller Organisationsstrukturen, transparent und kollaborativ, gemeinsam mit den Betroffenen. Ein gemeinsamer Nenner solcher Projekte ist das wachsende Gebiet der sozialen Innovation.

So organisieren sich etwa im Crowdsourcing-Projekt Koopstadt Bürger in Bremen, Leipzig und Nürnberg, um sanierungsbedürftige oder lärmige Ecken ihrer Städte zu lokalisieren. In privaten Organisationen wie dem Harlem Children’s Zone Project werden Kinder und Jugendliche kontinuierlich über verschiedene Altersstufen hinweg gefördert und unterstützt. Und in FabLabs entsteht eine neue Maker-Ökonomie, bei der beispielsweise Notunterkünfte aus dem 3D-Drucker co-kreiert werden.

Soziale Innovationen sind neuartige Lösungen, die in partizipativen, offenen und interdisziplinären Prozessen entwickelt werden – und sich direkt am Menschen und seinem Umfeld orientieren. Aus unternehmerischer Perspektive ist dieser Ansatz spannend, weil er einen neuen Weg zu nachhaltigen Innovationen verspricht. Die Schnittstelle zwischen klassischer wirtschaftlicher Denke (Fokus auf Ertrag und Effizienz) und sozialen Zielsetzungen (gesellschaftliche Teilhabe, gerechtere Ressourcenverteilung) ermöglicht neue Lösungen, die auf echte Bedürfnisse zugeschnitten sind

Angetrieben wird diese nachhaltigere Orientierung in der Innovationsarbeit durch die grundsätzliche Infragestellung einer wirtschaftlichen Ausrichtung auf kontinuierliches Wachstum (mehr dazu im Fokusthema Next Economy). Angesichts sinkender Wachstumsraten und zunehmender Globalisierung können komplexe Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit oder Überalterung immer weniger von einzelnen Staaten alleine bewältigt werden. Zivilgesellschaftliche Institutionen und Firmen treten hier als neue Akteure auf – und prägen gesellschaftliche Prozesse.

Diese Entwicklungen betreffen auch unser Ausbildungssystem. Um die gesellschaftliche Tragweite von Innovationen zu verstehen, wird für Studierende der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften die Auseinandersetzung mit Sozial- und Kulturwissenschaften immer wichtiger. Kollaboration bedeutet hier mehr als nur eine Gruppenarbeit in einem Studiengang. Unter dieser Perspektive sucht auch das interdisziplinäre Projekt SocialLab der Hochschule Luzern nach anwendungsorientierten Lösungen für gesellschaftliche Problemstellungen: Mit Hilfe der Innovationsmethode Design Thinking werden soziale Innovationen entwickelt und umgesetzt – gemeinsam mit Praxispartnern aus der Wirtschaft und dem Non-Profit Sektor.

Zunächst werden dabei im direkten Austausch passende Fragestellungen formuliert. Anders als bei Produktinnovationen für Konsumenten oder Businesskunden stehen hier vor allem gesellschaftliche Innovationskontexte im Fokus. Unter dieser Perspektive müssen klassische Management-Zielsetzungen, etwa die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit eines Angebots, oft auf konkrete Situationen heruntergebrochen werden. Wichtig ist auch, dass Unternehmen ein echtes Interesse mitbringen, die erarbeiteten Lösungen umzusetzen. Dieses beidseitige Commitment bildet die Basis für einen offenen Austausch – und damit auch für die Entwicklung wirklich wegweisender Lösungsansätze.

Die Lösungsvorschläge, die im SocialLab entwickelt werden, können verschiedene Formen annehmen: Serviceverbesserungen, Kommunikationsstrategien oder neue Produktideen. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass bestehende Angebote und Strategien von Unternehmen grundsätzlich hinterfragt werden. Oftmals ist diese Spiegelung der bisherigen Praxis für Unternehmen ein echtes Aha-Erlebnis – und erhöht die Offenheit für neue Lösungsansätze. Produkte und Services, die aus dem SocialLab hervorgingen, sind zum Beispiel:

  • Recycling-Aktionen, die das IT-Rückgabegut als Eintritt zu einer Veranstaltung uminterpretierten
  • Nacht-Kioske für die Verpflegung von Studierenden
  • Vorschläge für räumliche Umgestaltungen zur Senkung von Abwesenheitszahlen

Im SocialLab haben Projekte eine festgesetzte Laufzeit von einem halben Jahr. Das bedeutet, dass die Umsetzung von Lösungen zwar detailliert geplant wird, aber nicht im Rahmen des SocialLabs stattfindet. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird das erarbeitete Konzept an das jeweilige Unternehmen übergeben, das dann entscheidet, wie genau die Konzepte genutzt und umgesetzt werden. Immer aber erhalten Unternehmen einen Anstoß, neue Wege zu denken und zumindest Teile der vorgeschlagenen Lösungen zu realisieren.

Für die beteiligten Unternehmen ist schon die neue Arbeitserfahrung wichtig: Mitarbeiter und Führungskräfte erleben, wie Studierende, Forschende und Dozierende aus unterschiedlichen Disziplinen in einem kollaborativen Prozess Neues entwickeln. Sie erfahren, was es heißt, mit Hilfe von Design-Thinking-Techniken direkt an der Lösung von Problemstellungen beteiligt zu sein. Immer geht es darum, das Verhalten in Entscheidungsprozessen so zu ändern, dass diese Entscheidungen für Mitarbeiter nachvollziehbarer werden und eine Idee im Markt glaubwürdiger ankommt.

Davon profitieren auch die Studierenden – und letztlich die gesamte Arbeitswelt: Denn Soziallabore tragen dazu bei, eine neue, zukunftsweisende Generation von Mitarbeitenden aufzubauen. Diese Mitarbeiter und Führungskräfte von morgen haben bereits wichtige Erfahrungen gesammelt mit den Schlüsselbegriffen neuer unternehmerischer Verantwortung – und mit offenen, kollaborativen Innovationsprozessen.

Auf der SocialLab-Website besteht die Möglichkeit, über das Kontaktformular eine unverbindliche Anfrage zu senden.

Über die Autorinnen

Bettina Minder promoviert an der Aalborg Universität, Dänemark, im Bereich Innovation und Design und ist Kernteammitglied des Zukunftslabors CreaLab der Hochschule Luzern. Sie arbeitet seit 2007 an der Hochschule Luzern als Dozentin und Forscherin im Competence Centre Visual Narration in angewandten Forschungsprojekten. Ihre Schwerpunkte sind partizipative und kollaborative Prozesse im Design.

Dr. Christine Larbig arbeitet an der Hochschule Luzern als Dozentin und Projektleiterin im Competence Centre Dienstleistungsmanagement und ist Kernteammitglied des Zukunftslabors CreaLab der Hochschule Luzern. Larbig hat einen Doktor der City University Cass Business School (London). Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich Marketing, Prozessmanagement und Innovation. 

Prof. Mariana Christen Jakob leitet das SocialLab an der Hochschule Luzern und ist Kernteammitglied des Zukunftslabors CreaLab der Hochschule Luzern. Sie ist Gründerin und CEO von seif, das Social Businesses fördert und unterstützt. seif führt den größten Businessplan-Wettbewerb in der Schweiz durch und bietet großen Unternehmen kollaborative Programme mit Startups an.

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