Japan und die Zukunft der Wearables

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Geht es ums Thema Wearables, blicken die Entwickler immer wieder gespannt nach Japan. Von Media-Uniformen für Verkäufer mit Echtzeit-Displays, auf denen kundenbezogene Werbeinhalte oder Informationen vermittelt werden, bis hin zur Electronic Skin oder einem neural gesteuerten Roboteranzug, der Vielfalt und Kreativität in der Entwicklung von Ubiquitous Computing Devices sind in Japan keine Grenzen gesetzt.

Die Verschmelzung von Mensch und Roboter ist in Japan bei Kindern wie Erwachsenen schon seit Jahrzehnten äußerst beliebt. In popkulturellen Medien wie Manga und Anime wird dem Topos gar eine eigene Sparte gewidmet, das „Mecha“-Genre (vom engl. mechanical). Roboteranzüge als Kampfmaschinen gehören zwar (noch) in den Bereich der Science Fiction, aber japanische Unternehmen und Universitäten beschäftigen sich innerhalb von Forschungsbereichen wie Cybernics (Kombination aus Cybernetics, Mechatronics und Informatics) und Cyborg-Studies schon lange mit dem Komplex der Mensch- Maschinen-Fusion.

HAL: Ein Cybernoid als Hoffnungsträger

Der japanische Forscher Toshiyuki Sankai, Professor am Center for Cybernics Research (CCR) der Tsukuba Universität und CEO der Firma Cyberdyne, begann schon in den 90er Jahren im Bereich der Human Assistive Technology mit der Entwicklung eines nervengesteuerten Exoskeletts, welches er HAL nannte – Hybrid Assistive Limb.

Dieser Mensch-Maschine-Interface-Robot-Suit (MMIRS) reagiert auf neurale Reize oder initiiert sie und steht damit weltweit als Hoffnungsträger für Menschen mit Gehbehinderungen und Lähmungen.

Auch für Personen, die berufsbedingt schwere Hebetätigkeiten verrichten müssen, sowie in Katastrophensituationen könnte dieser Cyborg-Suit neue Perspektiven der Mobilität eröffnen. Dr. Cosima Wagner, Japanologin und Expertin für kulturwissenschaftliche Robotikforschung (FU Berlin), schreibt in ihrem Werk zur Akzeptanz von Robotern in Japan, bei HAL handele es sich um ein Musterbeispiel von am Nutzer orientierter Entwicklung: Der Anzug wurde in enger Kooperation mit einer querschnittsgelähmten Testperson entwickelt.

Entwickler Sankai übrigens behielt die Folgen seiner Erfindung im Blick und lehnte den Verkauf des HAL-Suit-Patents an das Militär aus moralisch-ethischen Gründen entschieden ab. Das 2012 in Bochum gegründete Zentrum für Neurorobotales Bewegungstraining (ZNB) arbeitet europaweit als erstes mit der japanischen Roboter-Orthese. Im August 2013 gründete Cyberdyne Japan mit Förderung der japanischen Regierung eigens eine Tochterfirma mit Sitz in Deutschland, um seine Innovation in Deutschland, Österreich und der Schweiz intensiver vermarkten zu können. Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 rückte der Roboteranzug ins Blickfeld der Öffentlichkeit, da sein Potenzial bei der Unfallhilfe in Katastrophensituationen erkannt wurde.

Devices für Shared Realities

Der Miniaturcomputer am Kopf – längst ist dieses Augmented-Reality-Szenario technische Wirklichkeit. Die in den Medien omnipräsente Brille Google Glass soll 2014 regulär auf dem Markt erhältlich sein. Auch Japan hat in diesem Bereich etwas zu bieten. Doch gleich zu Beginn sei gesagt, dass die Japans Zukunft liegt weniger in humanoiden Robotern als in der Weiterentwicklung hochtechnologischer Unterstützungsgeräte Brille mit dem eigentlich vielversprechenden Namen Telepathy One vom Funktionsumfang her keinerlei Konkurrenz für die Google Glass darstellen will. Entwickler Takahito Iguchi (Firsthand Technology Value) sieht Google nicht als Gegner, sondern will gemeinsam eine neue Industrie kreieren. Absicht der Brille ist es, die eigene Perspektive durch Fotos und Videosequenzen mit Freunden teilen zu können. Zwar scheint die japanische Medien-Brille keineswegs so anspruchsvoll und eigenständig wie der Google-Allrounder, doch sie könnte in Zeiten von ausgeprägten Shared-Reality-Bedürfnissen, in denen Media-Apps wie Vine (Videosequenzen) und Instagram (Fotos) boomen, eine interessante, günstigere Alternative darstellen.

In einem Interview zu Japans künftiger Positionierung auf dem Weltmarkt äußert sich Wagner positiv zum Bereich der Wearables. Sie sieht Japans Zukunft in der Weiterentwicklung genau solcher hochtechnologischer Unterstützungsgeräte wie HAL und nicht in humanoiden Robotern, die einen als Partner im Alltagsleben begleiten: „Die Entwicklung dieser Geräte erfolgt viel näher am zukünftigen Nutzer und nicht als traumorientierte Technik-Vision einer ,Robot assisted Society‘.“ Außerdem sind sie schneller einsatzfähig, da nicht so viele Hightech-Komponenten zusammen funktionieren müssen wie bei Robotern. So sind sie preiswerter in der Anschaffung – wenn auch zunächst hauptsächlich gedacht für Institutionen wie Krankenhäuser und Seniorenheime.

Japan, jahrzehntelang das „Land der Roboter“ und „Hi-Tech-Nation“, hat zwar mit starker internationaler Konkurrenz im Hightech-Sektor zu kämpfen, doch mit Folgendem kann das Land, welches immerhin weltweit auf Platz zwei bei Patentanmeldungen liegt, punkten: Hochtechnologie, Zukunftssinn und vor allem kreative Innovation.


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Dossier: Technologie

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Was vor wenigen Jahren noch als visionäres Raunen durch die Fachpresse ging, ist jetzt Alltag geworden: das Internet der Dinge. Das digitale Leben hat den Desktop-Computer endgültig hinter sich gelassen und lässt sich in jedermanns Hosentasche herumtragen. Digitale und analoge Realität verschmelzen zunehmend zu einer, was auch eine langfristige “Technisierung” unserer Lebenwelt bedeutet.

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