Solo Trip mit Sinn: Warum immer mehr Frauen alleine reisen

Solo-Reisen wird zum Trendphänomen, vor allem bei Frauen. Die Motive sind vielschichtig und beeinflusst von der neuen Multigrafie des Lebens.

Von Marisa Mühlböck

SuemetLin will individualreisende Frauen untereinander vernetzen (www.suemetlin.com)

Ob in Europa, Amerika, Australien oder Asien – der unabhängige Reisestil befindet sich auf der Überholspur. Der Megatrend Individualisierung gibt die Richtung vor, die Besonderheit: vor allem Frauen schätzen das Alleinreisen. Der Reiseanbieter GAdventures spricht von einem 134%-Anstieg an Solo-Reisenden seit 2008, mit einem derzeitigen Anteil von 40% des gesamten Kundenportfolios. 65% davon sind Frauen, was einem Anstieg von knapp 150% innerhalb von fünf Jahren entspricht. Auch einer Umfrage der Internetplattform TripAdvisor bestätigt den Trend: 74% der Teilnehmerinnen geben an, bereits einmal alleine verreist zu sein oder eine Solo-Reise zu planen.

Woher kommt diese Begeisterung? Ein aktuelles Studienprojekt* in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut analysiert die Motivlagen: Neben dem Streben nach Unabhängigkeit und der Veränderung der Geschlechterrollen – siehe die Megatrends Individualisierung und Gender Shift – hat das neue Trendphänomen Solo-Reisen für Frauen viel mit den neuen multigrafischen Lebensverläufen zu tun. Das Lebensphasenmodell des Zukunftsinstituts gibt im Rahmen des Studienprojekts Orientierung.

Neue Lebensphasen voller Brüche und Neuanfänge

Dieses Modell geht ab von dem starren Dreiklang des Industriezeitalters (Kindheit/Jugend – Erwerbsalter/Heirat/Kinder – Ruhestand/Alter) und beschreibt ein neues, vielfältigeres Lebensbild des Wissenszeitalters: Die Kindheit ist kürzer, dafür die Jugend länger ("Postadoleszenz"), es folgt die "Rush Hour" des Lebens mit Karriere, Kindern und Kraftbedarf, anschließend steht ein "zweiter Aufbruch" an (statt einer passiven Rentenphase), bis schließlich der "Un-Ruhestand" der aktiven Alten kommt. 

Aus der Biografie wird eine Multigrafie, die von Brüchen, Umwegen und Neuanfängen geprägt ist. Wir absolvieren mehrere Ausbildungen in unterschiedlichen Lebensphasen, machen Career Breaks, wechseln Jobs, heiraten später oder gar nicht, lassen uns scheiden, gehen neue Partnerschaften ein, bekommen Kinder von verschiedenen Partnern, und selbst im vermeintlichen Ruhestand führen wir ein aktiveres Leben als jemals zuvor. Es lebe die Multidimensionalität! 

Gerade entlang der Brüche setzen sich immer mehr Frauen allein ins Flugzeug, in den Bus oder die Bahn. Weil sie Abstand suchen, sich neu orientieren oder sich einfach etwas Gutes tun wollen.

"Postadoleszenz" (Anfang 20 bis Anfang 30): Junge Frauen wollen sich vom Elternhaus emanzipieren und die Welt entdecken

In der Lebensphase der "Post-Adoleszenz" mit relativ hohen Freiheitsgraden stehen der Wunsch nach dem Sammeln eigener Erfahrungen und die Emanzipation vom Elternhaus im Vordergrund. Alleinreisen wird in diesem Zeitraum zu einem immer beliebteren Medium für einen Reifungsprozess, an dessen Ende Erkenntnisse stehen, die den Übergang zu einer neuen Lebensphase erleichtern.

Alleinreisen als Entschleunigung und Belohnung in der "Rush-Hour" des Lebens (Anfang 30 bis Anfang 50):

In der "Rush-Hour" des Lebens, wo das persönliche Wohlbefinden am Tiefststand und die wahrgenommene Stressbelastung am Höhepunkt liegen, will man sich mit dem Reisen belohnen. Die Entscheidung, die Reise alleine in Angriff zu nehmen, wird dabei entweder freiwillig gefällt – um abschalten und sich auf sich selbst konzentrieren zu können – oder als Folge des privaten Beziehungsstatus: Eheschließungen und Familiengründung sind am Zenit angekommen. Immer mehr Singles stehen vor der Herausforderung, dass ihre ehemaligen Reisegefährten nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Solo-Reise wird somit oft zum Kompromiss.

"Zweiter Aufbruch" (Anfang 50 bis Ende 60): Neuorientierung und neue Freiheiten auskosten

Die Lebensphase des "zweiten Aufbruchs" ist geprägt vom Erlangen neuer Freiheitsgrade. Beruflich ist man meist gefestigt, die Kinder verlassen das Elternhaus. Oftmals geht diese Phase einher mit privaten Trennungen oder Scheidungen. Die Freiräume für Reisen werden wieder größer, die Familienmitglieder stehen als Reisepartner aber seltener zur Verfügung. Das Alleinreisen wird Mittel zum Zweck. Wer die Reise antritt, schafft die Orientierung in der neuen Lebensphase oft besser und schneller.

 "(Un-)Ruhestand" (ab Ende 60): Identitätsfindung und Loslassen

Im "(Un-)Ruhestand" rückt die finale Suche nach der eigenen Identität ins Zentrum. Die Beschäftigung mit Ängsten, Sorgen und gesellschaftlichen Zwängen tritt in den Hintergrund. Das selbstdefinierte Wohlergehen erreicht trotz persönlicher Verluste (immer mehr Frauen sind verwitwet) und körperlicher Alterserscheinungen seinen Höhepunkt. Eine Form von Loslassen und ein Blick nach innen sind gefordert. Alleinreisen wird zu einem Instrument, das diesen inneren Reflexionsprozess begünstigt.

Allein heißt nicht einsam – das Phänomen Ko-Isolation

Mit den neuen individuellen Freiheiten verändern sich auch unsere Werte. Das Stigma des Mitleids mit den Alleinreisenden bricht auf. "Allein" ist heute nicht mehr gleichbedeutend mit einsam, sondern auch mit selbstbestimmt, unabhängig und frei. Viele Frauen haben die Unabhängigkeit beim Alleinreisen zu schätzen gelernt. Dennoch bleibt der Wunsch nach punktuellem sozialen Austausch, nach Bezugspunkten, die selbständig organisiert werden

Das Zukunftsinstitut sieht einen wesentlichen Grund dafür in einer Weiterentwicklung des Megatrends Individualisierung. Das Phänomen heißt Ko-Isolation: Menschen versuchen, ihren Lebensideen zu folgen, sie sind alleine, vernetzen sich aber dennoch permanent. Gerade Frauen erleben diese Art des Lebensstils als echten Fortschritt.


Das Forschungsprojekt

Im Zeitraum Dezember 2015 bis Februar 2016 wurden Fokusgruppen mit rund 30 Teilnehmerinnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz im Altersspektrum von 29 bis 64 Jahren durchgeführt. Die Gespräche wurden ausgewertet und analysiert und in den Kontext des vom Zukunftsinstitut entwickelten Lebensphasenmodells gesetzt. 


Die Studienautorin

Marisa Mühlböck ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und war von 2011 bis 2015 Geschäftsführerin der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Think Tanks Julius Raab Stiftung. Sie forscht und publiziert zu Themen im gesellschaftspolitischen Kontext. Als passionierte Vielreisende beobachtet und analysiert sie unter anderem  das Trendphänomen der "alleinreisenden Frau" und hat dazu 2015 ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut initiiert. Die Bedürfnisse der Zielgruppe kennend, ist sie dabei, ein Unternehmen zu gründen, das individualreisende Frauen untereinander vernetzen will. Nähere Infos unter www.suemetlin.com. 

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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