Unschooling: Schulfrei für immer

Lernen jenseits des Klassenzimmers: Der pädagogische Unschooling-Trend aus den USA weist auf eine tieferliegende Krise des Bildungssystems hin

Quelle: Trend Update 06/2014

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“Unschooling“ heißt der Erziehungstrend in den USA, der die Verantwortung für die Erziehung der Kinder aus der Schule ins Elternhaus zurückholen will. Schon in den 1970er-Jahren wurde der Begriff von dem Pädagogen John Holt geprägt, der die Meinung vertrat, dass Kinder ganz von selbst lernen, wenn man sie nur lässt – und die Schulen ließen sie nicht. Effektiver und für alle Beteiligten erfreulicher sei es, Schüler ihre eigenen Interessen verfolgen zu lassen und sie dabei zu unterstützen. Dass John Holts Unschooling-Theorie jetzt derart an Popularität gewinnt, weist auf eine tieferliegende Krise des Bildungssystems hin.

Der Journalist und Zukunftsforscher Cory Doctorow schimpfte in dem Weblog Boing Boing über „pädagogisch suspekte, bedeutungslose, zerstörerische High-Stakes-Tests“ und beschrieb sie als Symptom eines „implodierenden Erziehungssystems, das von der lächerlichen Vorstellung einer Schul-Fabrik angetrieben „pädagogisch suspekte, bedeutungslose, zerstörerische High-Stakes-Tests“ wird, die fertig erzogene Kinder produzieren soll“.

Seine Kritik an den standardisierten Tests im Zuge des No-Child-Left-Behind-Act von 2001 ist eine amerikanische Besonderheit, ebenso wie die vergleichsweise lockere Schulpficht. Doch die grundsätzliche Kritik, die im Zuge des Unschooling-Trends an den amerikanischen Schulen geübt wird, lässt sich ebenso auch auf europäische Schulen anwenden:

  • Das Schulsystem ist autoritär: Den Schülern wird das Lernen von außen aufgezwungen. Dadurch wird ihre intrinsische Motivation erstickt: Das ständige „Du musst“ des Lehrers macht jedes „Ich will“ des Schülers fast unmöglich. Auf diese Weise lernt der Schüler vor allem eins: die Lehrer auszutricksen.
  • Das Schulsystem ist unkreativ: Und damit sind nicht primär Budgetkürzungen gemeint, die den Kunst- und Musikunterricht beschränken, sondern die grundsätzliche Herangehensweise an Problem und Lösung. Denn in der Schule gibt es auf jede Frage immer nur eine einzige richtige Antwort – ganz anders als im wirklichen Leben.
  • Das Schulsystem isoliert die Schüler voneinander: Abschreiben ist verboten! Die Schüler dürfen nicht im Team arbeiten, sondern müssen ganz allein diese einzige richtige Antwort finden. Auch das hat mit Problemlösung im wirklichen Leben nicht viel zu tun.
  • Das Schulsystem isoliert die Schüler von der Gesellschaft: Das Klassenzimmer ist ein künstlich geschaffenes Umfeld, das in seiner Eintönigkeit nicht gerade stimulierend auf die Motivation der Schüler wirkt. Tagtäglich begegnen sie nur Kindern in ihrem eigenen Alter – nie Jüngeren oder Älteren oder gar erwachsenen Personen aus ihrer lokalen „Community“. Die Schüler wachsen auf, ohne ein Unternehmen, eine Behörde oder NGO je von innen gesehen zu haben.
  • Das Schulsystem ist nicht individuell genug: Nicht alle Schüler im selben Alter sind in ihrem Lernfortschritt und ihren Interessen gleich, aber das Schulsystem behandelt sie so. Weder im Lernstil noch in Bezug auf persönliche Interessen oder unterschiedliche Entwicklungsstadien wird es Unterschieden gerecht.
  • Das Schulsystem operiert mit Druck und Angst: Die ursprüngliche Idee zum Unschooling hatte John Holt, als er seine Nichten und Neffen beobachtete: Kinder im Vorschulalter waren freche, neugierige kleine Abenteurer. Doch seine Nichten und Neffen, die schon ein paar Jahre zur Schule gingen, waren zu verhuschten, ängstlichen Kreaturen geworden, die sich kaum trauten, den Mund aufzumachen. Holt machte das Schulsystem dafür verantwortlich und entwarf mit „Unschooling“ eine Pädagogik, von der er hoffte, dass sie den Abenteurergeist in den Kindern nicht erstickt, sondern fördert.
  • Das Schulsystem isoliert Kinder von ihren Eltern: Ein wichtiger Treiber des Unschooling-Trends ist der Trend zum „Attachment Parenting“, der eine engere emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern propagiert. Im Zusammenhang mit der Schule ist der Kritikpunkt vor allem der, dass Eltern ihre Rolle als Erzieher ihrer Kinder an Lehrer „outsourcen“ und sich selbst nicht mehr dafür verantwortlich fühlen. Unschooling bedeutet, dass Eltern ihren Kindern gegenüber wieder Verantwortung übernehmen, indem sie eine Mentorenrolle einnehmen. Sie sollen den Kindern nicht nur Zugang zu theoretischem Wissen eröffnen, sondern sie vor allem auch mit der Praxis in Kontakt bringen. Interessiert sich das Kind zum Beispiel gerade fürs Angeln, würden Unschooling-Eltern versuchen, einen Angler ausfindig zu machen, der sich bereit erklärt, das Kind auf einen Angeltrip mitzunehmen. Interessiert es sich gerade für das Steuersystem, würden die Eltern das Kind mit einbeziehen, wenn sie ihre Steuererklärung machen. Das Ziel ist die Erschließung der Welt im Zuge des Learning by Doing. Doch überhaupt möglich ist das natürlich nur, wenn die Eltern viel Zeit für die Erziehung ihrer Kinder haben.

Gesucht: Ein Schulsystem für die Zukunft

Das Schulsystem unserer Gegenwart, so die Kritik, erzieht auf die Vergangenheit hin, nicht auf die Zukunft. Es ist darauf ausgerichtet, Kinder zu braven, angepassten Angestellten zu machen, die jeden Tag ins Büro gehen und ordentlich ihre Pficht erledigen. Kinder von heute sollen zu Erwachsenen der 1950er-Jahre gemacht werden, nicht zu den Erwachsenen der Zukunft. Denn die Industriegesellschaft, für die dieses Erziehungssystem ursprünglich entworfen wurde, verabschiedet sich gerade aus der westlichen Welt: 1991 wurden noch 30 Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland am Fließband erwirtschaftet, 2012 waren es noch 26 Prozent. Dienstleistungen hingegen verzeichneten 1991 63 Prozent, im Jahr 2012 schon 68 Prozent des in Deutschland erwirtschafteten Geldes. Und 1991 zählten noch 13 Prozent der Erwerbstätigen zu den sogenannten „atypisch Beschäftigten“ – 2012 waren es 22 Prozent (Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2013).

Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist volatil, unsicher und teilweise prekär. Hier sind schnelle Reaktionen und unkonventionelle Ideen gefragt, Mut und Unternehmergeist – und ganz sicher kein stures Auswendiglernen von Informationen (die man ja jederzeit im Internet nachlesen könnte) oder das unkritische Befolgen von Befehlen. Wir steuern vielmehr auf eine kreative Wissensökonomie zu, in der es vor allem darauf ankommen wird, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungen für noch nie dagewesene Probleme zu finden.

Aus der Kritik am Schulsystem, die im Zuge des Unschooling-Trends geäußert wird, können wir positive Rückschlüsse auf unser eigenes Schulsystem ziehen. Darin spiegelt sich der Wandlungsprozess von der Industrie zur Wissensgesellschaft, auf den Schulen reagieren müssen. Und sie tun es bereits: Unter den Schlagwörtern „COOL“ (cooperatives Lernen) und „SEGEL“ (selbst gesteuertes In Zukunft wird das Lernen von den Schülern ausgehen, nicht von den Lehrern Lernen) werden in Deutschland schon seit den 1990er-Jahren entsprechende Reformen bemüht. Doch Eltern und Schulen können sich darauf nicht ausruhen: Es sind die grundsätzlichen Paradigmen der Erziehung, die in Deutschland seit dem PISA-Schock der Nullerjahre und jetzt in den USA im Zuge des Unschooling-Trends infrage gestellt werden. Es wird deutlich, dass in der ganzen westlichen Welt wieder auf die intrinsische Neugier der Schüler gesetzt werden muss: In Zukunft wird das Lernen von den Schülern ausgehen, nicht von den Lehrern.

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