Warum gibt es noch immer Kriege?

“Seit die Menschen existieren, gibt es kriegerische Auseinandersetzungen. Seit tausenden Jahren gibt es Friedensbewegungen, Christen usw. Warum ändert sich nichts auf diesem Planeten?”

Diese Frage ist voller Sympathie für die Menschen, auch voll wertvoller Traurigkeit und Empathie. Ändert sich wirklich nichts auf diesem Planeten? Diesen Eindruck hat man, wenn man durch den Tunnel der medialen Bilder nach draußen schaut: nichts als Krieg, Terror, Krise.

Aber schauen wir uns die Trends rund um menschliche Gewalt etwas näher an. Die gewalttätigsten Gesellschaften sind – oder waren – diejenigen, die für uns eher mit dem Attribut ”friedlich” versehen sind. Jäger- und Sammlergesellschaften hatten die größten Mordraten, und in den meisten Regionen der Erde tobten tribale Kriege ohne Ende. Im natürlichen Urzustand nahm man sich, was man kriegen konnte, Mitglieder eines anderes Stammes galten nicht als “die unsrigen”, und die Tötungshemmung war, zumal in den vielen Knappheits-Situationen, kaum ausgeprägt.

In seiner anthropologischen Großstudie „Vermächtnis“ beschreibt Jared Diamond die Stämme der Dani, Fayu, Daribiu, Enga und Fore in Papua Neuguinea, der Ngarinyin und Yolngu in Australien, der Inupiat in Alaska. Diamond vergleicht die relativen Opferzahlen von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen diesen Stämmen mit den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Er schreibt:

Die Kämpfe der Dani (in Neuguinea) im Jahre 1961 forderten nur etwa elf Todesopfer. Bei einem Massaker am 4. Juni 1966 kamen 125 Menschen um Leben. … In der dreimonatigen Schlacht um Okinawa, in der Bomber, Kamikazeflieger, Artillerie und Flammenwerfer eingesetzt wurden, kamen ungefähr 264.000 Menschen ums Leben, die Gesamtbevölkerung der USA und Japans lag damals bei 250 Millionen. Die 125 Opfer, die bei den Dani 1966 getötet wurden, stellten ungefähr fünf Prozent der rund 2.500 Stammesangehörigen dar. Um diesen Prozentsatz zu erreichen, hätte die Atombombe von Hiroshima nicht 100.000, sondern 4 Millionen Japaner töten müssen, und beim Anschlag auf das World Trade Center wären nicht 2.996 Menschen, sondern 15 Millionen ums Leben gekommen.”

In seinem fulminanten Buch „Gewalt“ zeichnet Steven Pinker die lange Geschichte der tödlichen Gewalt zwischen Menschen nach. Von den Jäger- und Sammler-Kulturen bis in die moderne, globale Zivilisation. Seine überraschende Diagnose: Noch nie war die Welt so friedlich wie heute. Im Vergleich zu den Gewalterfahrungen ALLER Generationen vor uns nimmt die Gewalt deutlich und kontinuierlich ab. Nicht nur die organisierte Kriegsgewalt, sondern auch die Alltags-Gewalt zwischen Menschen. Mord und Totschlag, Amok und Attentat – alle Arten, in denen Menschen Menschen zu Schaden oder zu Tode bringen, sind auf breiter Front und in der überwiegenden Anzahl aller Länder und Regionen auf dem Rückzug. 

Dies belegt auch diese Grafik des Global-Statistikers Max Rose, der die Kriegsopfer seit dem zweiten Weltkrieg zählt. OBWOHL die Weltbevölkerung massiv anstieg, ist die Anzahl der Kriegsopfer enorm zurückgegangen. Nur in den letzten beiden Jahren zeigt sich ein leichter Anstieg, was vor allem auf den Syrien-Konflikt zurückzuführen ist. In allen anderen Kontinenten, in denen vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren noch grausame Bürgerkriege herrschten, ist die Anzahl der Konflikte aber massiv gesunken. Zum Beispiel sind Süd- und Mittelamerika sowie fast ganz Asien heute meistens friedlich.

Grundsätzlich existiert Krieg in zwei Arten: Staatlich organisierte, mit tausenden von Soldaten ausgefochtene, technologisch geführte Kriege. Und chaotische, asymmetrische, Gewalt mit Kalaschnikows, selbstgebastelten Bomben, Zähnen, Klauen. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert wird der erste Typus deutlich seltener und der zweite (wieder) häufiger. Und in der allerneuesten Entwicklung, siehe Libyen und Syrien, vermischen sich beide Formen auf untrennbare Weise. Die Zukunft des Krieges ist in jedem Fall asymmetrisch. Damit aber entgrenzt sich die Gewalt aus ihren Organisationen und Schlachtfeldern heraus. Krieg ist plötzlich auf dem Marktplatz. In der U-Bahn.

Wie kommt es zum Rückgang der staatlichen Kriege? Staatliche Kriegsführung benötigen ein enorm hohes Maß an zentraler Organisation. Man braucht  große Mengen von jungen Männern (oder auch Frauen), die sich motivieren lassen (notfalls durch Geld und soziale Lage), ihr Leben zu opfern. Man braucht extrem teure Technologie. In demokratischen Wohlstandsgesellschaften wird es immer schwieriger, dies alles über einen längeren Zeitraum zu mobilisieren. Außerdem wird es schwieriger, einen Krieg zu gewinnen, wenn man keine einfachen Terrain-Vorteile erringen kann. Selbst Amerika kann heute keine erfolgreichen Kriege mehr gegen asymmetrische Gegner führen.

Medien spielen in diesem Kontext eine Doppelrolle. Sie problematisieren in Demokratien zwar den Krieg, aber sie können auch, wie im Irak-Krieg in den USA, eine zeitlang die öffentliche Meinung für den Krieg anpeitschen. Das hat sich auch durch das Internet wenig geändert. Aber Medien in der Erregungs-Demokratie neigen zur Skandalisierung, und das führt organisierte Kriege schnell wieder in Legitimitätskrisen.

Die heutigen Bürgerkriege folgen allerdings einem anderen Muster. Nach dem Soziologen Gunnar Heinsohn sind sie mit dem Phänomen eines „youth bulges“ korreliert – einer Überzahl junger, zorniger, arbeitsloser Männer zwischen 14 und 30, die aus großen Familien mit fünf, sechs, sieben oder zehn Kindern pro Frau stammen. Und verzweifelt um Status und Anerkennung kämpfen. Sie finden in Gesellschaften statt, in denen es vor zwanzig, dreißig Jahren eine enorm hohe Geburtenrate gab. Dort existiert ein rissiges Potenzial an arbeitslosen, zornigen, “überflüssigen” Männern, die sich leicht in eine Kriegskultur einspannen lassen. Dies betrifft vor allem die nordafrikanische und arabische Region.

Doch auch in diesen Ländern gehen die Geburtenraten seit zwei Jahrzehnten rapide zurück. Ein islamisches Land wie Iran hat heute eine Geburtenrate von 1,8 Kindern, das ist kaum höher als in Deutschland. in Ägypten sind es 2,3 Kinder, in Tunesien 1,9 – Tendenz weiter fallend. In einer Generation, so die These, werden in dieser Region ebenfalls die Kleinfamilien-Strukturen dominieren. Einen einzelnen Sohn lässt man nicht so ohne weiteres in einen Djihad ziehen. Individualisierung macht friedlich(er).

Es besteht also durchaus Hoffnung, dass die Welt WEITER friedlicher wird. Allerdings müssen wir verstehen, dass unser subjektiver Eindruck immer nach dem Prinzip der KOGNITIVEN DIFFERENZ funktioniert: je weniger alltäglich die Gewalt, desto “skandalöser” – und emotional schmerzvoller – erscheinen uns Kriege und Gewalttaten durch das Brennglas der medialen Berichterstattung. Noch in den 80er und 90er Jahren gab es in zahlreichen Ländern viele, viele Kriege, aber von diesen sah man kaum etwas auf den Bildschirmen – im Kongo waren einfach keine Fernsehreporter unterwegs, außerdem interessierte uns das nicht sonderlich. Mit der zusammenwachsenden Welt, der “endgültigen Globalisierung”, rücken uns diese Konflikte immer näher. Weil alles mit allem zusammenhängt. Und weil Flüchtlinge in einer vernetzten Welt leichter über Grenzen kommen.  

Kriegerische Gewalt ist, wie alles Komplexe, multifaktoriell. Der Hormon-Forscher Paul J. Zak: „Man vermische all diese Phänomene: hohes Testosteron, autoritäre Gesellschaftsstruktur, Autoritätsgläubigkeit, Gruppen-Selektion, Ent-menschlichende Stereotypen...“ Machtinteressen, wie im 19. und 20. Jahrhundert, erleben zwar immer wieder eine Renaissance (siehe Russland, Türkei etc.). Aber es wird immer schwieriger, solche Machtinteressen auch ökonomisch zu realisieren. Wer ein anderes Land besetzt, hat in einer Welt, in der Rohstoffe viel ubiquitärer sind, zunächst einmal Kosten. Das macht Angriffskriege unattraktiv.

Das, was Menschen immer wieder in den Krieg treibt, sind inzwischen vor allem psychologische Gründe. „War Is A Force That Gives Us Meaning“, lautet ein Buchtitel des Kriegs-Experten Chris Hedges. Krieg stiftet Sinn. Gemeinsamkeit. Identität. Er konstituiert ein exklusives, heroisches Wir, das sich in der Gefahr bewährt und gegenseitig stabilisiert. Gewalt entsteht, wo Individuen oder ganze Gruppen extreme Verluste von Selbstwirksamkeit erleiden. Kriegsgerassel ist eine Art Sucht unsicherer Kulturen. Siehe Russland. Dass aus den Energien verletzter Seelen “heißer Krieg” werden kann, ist die eigentliche Gefahr. Aber vielleicht unterschätzen wir, dass die Diplomatie heute viel weiter ist als früher. Wenn man einmal nachvollzieht, wie die Mächtigen des Jahres 1914 in den Ersten Weltkrieg stolperten, dann bekommt man hohen Respekt vor Angela Merkel. Und dem wachsende Heer der Diplomaten von UNO, UNESCO und EU, die heute versuchen, Machtbalancen auszutarieren, Eskalationen zu dämpfen, Ausgleiche zu schaffen..

Je mehr Menschen den Code des Globalen nutzen, desto schwieriger wird es, Eskalationsprozesse, mörderische Selektionen, ungestört durchzuziehen – immer mehr Beobachter werfen immer mehr Sand ins Getriebe der Konflikte. Je mehr sich Ökonomien verbinden, desto mehr Win-win-Spiele sind möglich. Auch die Zahl der globalen Herausforderungen wächst, vom Global Warming bis zu weltweiten Seuchen. Es müssen nicht die mörderischen Aliens aus dem All sein, die uns  „als Menschheit“ vereinen. Wir haben auf unserem Planeten genug zu tun, was wir nur gemeinsam schaffen können.

All das heißt nicht, dass jemals völliger Friede herrschen wird. Es begründet nur eine Drift, die sich im Abnehmen der Gewalt trotz allem ausdrückt. Wir werden Zeuge eines systemischen Prozesses, den man „positive network externalities”, Positive Netzwerk-Externalisierung, nennt. Frieden wird sozusagen zum evolutionären Vorzugs-Spiel, Krieg hat in diesem Spiel dauerhaft schlechtere Karten. Die Atombombe macht Krieg zudem zur abstrakten Vernichtung ohne jeden Triumph-Aspekt. Auf eine paradoxe Weise sieht es so aus, als würden sogar die kommenden Gewaltausbrüche den Frieden nur stabilisieren, der sich langsam, mit schrecklichen Rückschlägen, aber unaufhaltsam aus dem Zusammenwachsen der Welt herausevolutioniert.

Reicht das, um ein bisschen Hoffnung zu geben, lieber Hubert Fritz?

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Zukunftsforschung

Dossier: Zukunftsforschung

Wird alles übel enden? Stehen uns Katastrophen und ökologische Zusammenbrüche bevor? Das denken heute viele, insbesondere in deutschsprachigen Kulturkreisen. Die Zukunftsforschung liefert Antworten auf diese Ängste durch neue “Modelle des scheinbar Nichtwahrscheinlichen”

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.