Was kommt nach dem Burnout?

Der Sinnstress!

Vor Kurzem haben die Krankenkassen einen deutlichen Rückgang des Burnout-Syndroms registriert. Das ist eine schlechte Botschaft. Denn was soll nun aus all den Talkshows werden, in denen die strenge Anne Will oder der gnadenlose Mister Plasberg die Experten bohrend befragte, ob wir uns alle im Spätkapitalismus “nicht” in eine nervlich zerrüttete, von Prekarisierung gefolterte Horde von Zombies verwandeln? (Die Antworten waren inklusive. Und die Einschaltquoten erstaunlich hoch) .

Allerdings ist durchaus ein Ersatz für diese Modekrankheit, die gleichzeitig eine Art modernes Adelsprädikat darstellte, in Sicht. Der Soziologe Heinz Bude hat den Begriff SINNSTRESS in die Debatte eingeführt, unter dem im Spätkapitalismus besonders die Jungen, die Generation Y,  “zunehmend” leiden:  "Wer bei allem, was einem wichtig ist, eine Resonanz in sich selbst sucht, ist in Gefahr, an sich selbst zu verzweifeln.“

Sinnstress, das ist es! Immer wenn ich eine Zeitung aufschlage oder ins Internet gehe, ereilt mich in eine intensive Attacke an  Sinnstress.  So heisst es etwa in der Huffington Post von heute: Fernbusse sind der Wahnsinn! /Siebzehn Tricks für wahrhaft heissen Sex./ Irans Luftangriffen Thüringen, Jacksons Alptraum: Das müssen Sie heute morgen wissen./ Kinder zeigen, dass uns etwas Trauriges passiert, wenn wir erwachsen werden/ Kreative Menschen nehmen mehr Drogen und bleiben länger wach./ Heidemarie-Wieczorek Zeul: Der Kampf gegen die Armut und die Bändigung der Finanzmärkte./    /Warum ich finde , dass Helene Fischer den Hass nicht verdient, der ihr gerade entgegenschlägt./ - 20 Dinge, die ich eigentlich in der Schule hätte lernen sollen. Oha. Wer in  solchen Nachrichten Resonanz in sich selbst sucht, dem muss der Sinn-Stress fürchterlich zusetzen. Auf der STERN-Website lesen wir derweil: “Sexpuppen sind gesellschaftlich total tabu. Da ist es fast ein Wunder, dass unsere dänische Fotografin Männer vor die Kamera gekriegt hat, die ihr ihre Puppen zeigen. Doch andererseits sind die Männer auch stolz auf ihre künstlichen Frauen und sehr eitel mit ihnen: Sie verwenden viel Zeit darauf, sie zu frisieren und zu schminken, wenn sie sie selbst fotografieren.”

David Cronenberg, der Horrorfilm-Autor, schildert in seinem neuen Werk (einem Buch) die fiktive Zukunfts-Welt eines Online-Echtzeit-Journalismus, in der nur noch die subjektive Erfahrung als Wirklichkeit dient, und Erregung die einzige gehandelte Ware darstellt. Die Realität hat sich in ein virtuelles Erlebnisparadies  verwandelt, in der wir wie Traumwandler auf einer Müllkippe nach Intensitäten, Erkenntnissen, BETROFFENHEIT suchen. In “The Zero Theorem” versucht ein genialischer, schräger Wissenschaftler und Computerspezialist (Christoph Walz)  endlich die Sinnfrage zu lösen. Er steht ganz sichtlich unter Stress. Der Film ist hektisch und irr, hat aber bereits Kultstatus. Denn, wie es der Ober-Bösewicht im Film formuliert: “Was ist schon der Sinn für IRGENDWAS?”

Sinnstress also. Das schöne an dieser Krankheit ist, dass sie niemals geheilt werden kann.  Sinn ist die wahrscheinlich knappste Ressource der Welt, noch viel knapper als die seltenen Erden, die die Chinesen gebunkert haben. Gleichzeitig wird Sinn in grossen Eimern an jeder Strassenecke feilgeboten, von vermummten Gestalten mit schwarzen Fahnen ebenso wie von seriösen Experten für den Klimawandel oder den kommenden Finanzcrash. Ich bin dafür, Sinnstress als neue Krankheit, ja als Zivilisationsproblem sui generis anzuerkennen. Und sowohl Untersuchungskommissionen wie nachhaltige Therapiezentren einzurichten. Morgen werde ich bei meiner Kasse Antrag  auf Sinnstress-Krankengeld bis Februar stellen. Und höchste Zeit, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen, für das wir schliesslich Gebühren zahlen, sich endlich dieses wahrhaft brennenden Themas annimmt: Schluss mit den blöden Kriegs-Rentner-Terror-Konflikt-Gequatsche. Wichtig ist doch, dass in diesem Winter Millionen Jugendliche, aber auch Alte, Frauen und Erwachsene, unter schrecklichen Sinnresonanzen leiden. Wer kümmert sich denn bitteschön darum?

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.