Wie innovativ sind wir eigentlich?

Der Mythos ständiger Beschleunigung ist alt – und erweist sich bei genauem Hinsehen als sehr fragwürdig: Stehen wir vor einer Phase der Innovations-Entschleunigung?

Von Matthias Horx (12/2015)

Innovationen sind, das weiß jeder, der Motor von Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum. Nach Jahrzehnten der Rationalisierung, globaler Prozessoptimierung und spekulativer Finanztransaktionen gilt auch im Management die Parole: Zum organischen Wachstum führt kein Weg an der Innovation vorbei. Und weil alle darüber reden, könnte man meinen, wir leben im Zeitalter der Innovation und des nie gekannten Innovationstempos. Bei Licht besehen hat sich jedoch – abgesehen vom Internet, vom iPhone sowie einigen Innovationen im Finanzsektor – im letzten Jahrzehnt gar nicht so viel getan.

Peter Thiel, Gründer von PayPal und einer der großen Innovations-Vordenker Amerikas, beschrieb in seinem Essay „The End of the Future“ eine Zukunft, in der Staaten und Gesellschaften immer innovationsfeindlicher werden und sich die Produktivitäsgewinne durch Innovation ständig abschwächen. Gerade die USA hätten in den vergangenen Jahrzehnten eher Produktionsstätten nach China ausgelagert, anstatt echte Innovationen zu generieren. Statt in den entscheidenden Bereichen – Energie, Verkehr, Medizin – technischen Fortschritt voranzutreiben, habe man sich auf eine einzige Branche, die Computertechnik, zurückgezogen. Diese aber bringt auf Dauer keine tragfähigen neuen Geschäftskonzepte mehr hervor.

Willkommen im “Boring Age”

Thiel ist mit seiner überraschenden Skepsis keineswegs allein. „The Boring Age“, das langweilige Zeitalter, nannte Michael Lind vom Think Tank New America unsere Gegenwart in einem Essay aus dem Jahr 2010: „Wir glauben, dass der Wandel in unserer Ära ein nie dagewesenes Tempo erreicht hat“, schreibt Lind. „Die Wahrheit ist, dass wir in einer Periode der Stagnation leben.“ Und der Schriftsteller Neal Stephenson prägte gar den Begriff „Innovation Starvation“: Die Welt, so seine These, „verhungert“ gerade an mangelnden echten Innovationen, die die entscheidenden menschlichen Probleme lösen könnten.

In der Tat lassen sich in der Innovationsforschung eine Menge Anzeichen dafür finden, dass die Zeiten der bahnbrechenden Forschungsdurchbrüche, der spektakulären neuen Technologien endgültig oder für eine längere Zeit vorbei sind. Wirklich revolutionäre Technologien, die disruptive Sprünge verursachen, sind historisch rar gesät. Hinzu kommt die Mentalitätsfrage: Während die Aussicht auf neue Technologien im letzten Jahrhundert noch Utopien und Visionen hervorbrachte, verursachen sie heute Ängste und Abwehr. Das „Innovative“ selbst scheint seinen guten Ruf zu verlieren. Jedenfalls dort, wo es mit Technik verbunden ist. Der ernüchternde Befund der letzten Dekade lautet: Viele vollmundig angekündigte technologische Durchbrüche sind ausgefallen oder auf halber Strecke versandet.

1. Gentechnik

Der Entzifferung des menschlichen Genoms durch Craig Venter im Jahre 2000 folgte ein gewaltige Euphorie, in der ganze Branchen von revolutionären Umbrüchen träumten. Humanmedizin, Landwirtschaft, Materialtechnik – alles sollte vom „genialen Genom“ profitieren. Heute sind die meisten dieser Träume in weite Ferne gerückt. Die Zahl der Krankheiten, die sich eindeutig genetisch determinieren lassen, bleibt überschaubar. Zwar werden viele Medikamente heute auf gentechnischer Basis produziert, aber am „anderen Ende“, am menschlichen Organismus, scheint diese Veränderung noch nicht anzukommen. Im Gegenteil: Immer mehr High-Tech-Medikamente werden aufgrund von Nebenwirkungen vom Markt genommen. Und die Kosten der Pharmaunternehmen steigen und steigen, für jeden Millimeter Innovation ist immer mehr Risiko und Geld aufzuwenden.

Die zentralen Visionsprojekte der Genomik, etwa der Sieg über den Krebs, die „individualisierte Medizin“, auch das Design von Super-Medikamenten lassen nicht nur auf sich warten. Selbst wenn sie sich irgendwann realisieren ließen, sind sie noch lange kein Markt. Im Gegenteil: Individuelle Medizin könnte das Gesundheitssystem in die Luft sprengen – niemand könnte es mehr bezahlen, und eine totale Zweiklassen-Medizin würde die Gesellschaft nicht akzeptieren. Jetzt hat sich die Zunft vom Menschen ab- und der „synthetischen Biologie“ zugewandt, die transgene Pflanzen und manipulierte Mikroorganismen verheißt. Aber auch hier sinkt die Akzeptanz der Bevölkerung schneller, als die Forschung Ergebnisse liefern kann.

2. Nano- und Materialtechnik

Die Entwicklung von neuen „Super-Materialien“ in der Materialgenese stößt ebenfalls auf eine geheimnisvolle Grenze, die man die „Gläserne Decke der Hyperinnovation“ nennen könnte. Im Nanobereich wird Materie nicht nur schwer manipulierbar, auch die Nebenwirkungen von Nanopartikeln sind völlig unklar. Gemessen am Staunen, das molekulargroße Gitarren und Zahnrädchen seinerzeit hervorriefen, ist die Alltagsausbeute sehr bescheiden und geht kaum über Lotus-Lacke beim Automobil und angebliche Nanopartikel in Sonnenmilch hinaus. Wobei eine sensibilisierte (und teilweise hysterisierte) Öffentlichkeit auch hier mit Argusaugen über jedes Anzeichen kommender Probleme wacht.

3. Energietechnik

Eines der zentralen Zukunftsfelder ist ohne Zweifel der Energiesektor. Auch hier waren und sind die Innovations-Sehnsüchte und -Versprechen riesig. Wasserstofftechnologie, hocheffektive Solarzellen, konzentrierte Batterietechniken und die Fusionsenergie, die „die Menschheit“ ein für allemal von Energieknappheit befreien könnte – müsste der Energiesektor nicht zu einem wahren Brutreaktor bahnbrechender Innovationen werden? Deutschland spielt hier eine Vorreiterrolle, die USA haben dieses Sehnsuchtsfeld gerade erst für sich entdeckt, und High-Tech-Firmen wie Google stürzen sich drauf.

In der Wirklichkeit erweist sich die Energiefrage nicht als ein technisches Problem, sondern als ein politisches. Öl wird anscheinend solange verbrannt, wie eine übermächtige Ölindustrie, in Zusammenarbeit mit der Autoindustrie, es für richtig hält. Der erneuerbare Energiesektor ist deshalb auf Subventionen angewiesen, die seine Innovationskraft beschädigen. Monopole und Subventionen waren immer schon das beste Mittel, Fortschritt auszuhebeln.

4. IT-Technik

Bleibt die nach wie vor im Mooreschen Gesetz steigende Computerkapazität – und die rasende Vernetzung des Planeten bis in den letzten Winkel. Ist dies nicht etwa die wahre Revolution unserer Zeit, eine endlose Ressource für Innovationen? Wird die rasende Entwicklung der binären Welt nicht, wie die Hyper-Utopisten vom Schlage eines Ray Kurzweil behaupten, spätestens Mitte dieses Jahrhunderts zu einem finalen Durchbruch der Künstlichen Intelligenz führen, die wiederum neue Kaskaden von Hyper-Technologie nach sich zieht und uns alle – unsere Nachfahren – unsterblich macht?

Auch hier zeichnen sich mehr als deutlich fundamentale Enttäuschungen ab. Künstliche Intelligenz hat sich von einem Rätsel in ein Geheimnis gewandelt: Rätsel lassen sich mit unseren kognitiven Möglichkeiten „lösen“ – Geheimnisse rücken in immer weitere Ferne, je mehr man sich ihnen annähert. Statt von „Artificial Intelligence“ (AI) sprechen Forscher wie Douglas Engelbart jetzt lieber von „Intelligence Augmentation“: eingebettete Intelligenz, die die menschliche verstärkt. Allenfalls aus der schieren Datenmenge lassen sich mithilfe von „Supercrunch“-Technologien noch Funken schlagen.

Neuer Engpassfaktor scheint hier nicht die Computerkapazität zu sein, sondern die Verarbeitungskapazität im Alltag. Mehr Gadgets. Mehr Gimmicks. Mehr Speicherplatz, so what? Was, so fragen sich viele, würde ein Quantencomputer, der in Echtzeit „die Welt“ berechnen könnte, tatsächlich noch zu rechnen haben? Was würde er zur Lösung unserer Probleme beitragen? Und wie viele Apps wollen wir in unserem Leben überhaupt zulassen?

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