Der wiederentdeckte Flaneur

Was haben die heutigen Pokemon-Go-Spieler mit dem französischen Dichter Baudelaire aus dem 19. Jahrhundert gemeinsam? Sie verkörpern beide die Vorstellung des Flaneurs. Wie das Flanieren uns helfen kann, die Stadt zurückzuerobern. Ein gekürzter Auszug aus 50 Insights – Zukunft Des Wohnens.

 Von Oona Horx-Strathern

Wikipedia.org / Gustave Caillebotte / Straße in Paris an einem regnerischen Tag / gemeinfrei

Der Flaneur erweckt in seiner traditionellen Form das Bild eines Gentleman, der mit einer Zigarre und vielleicht auch einem Gehstock durch eine Stadt spaziert und dabei über philosophische Fragen sinniert. Das Wort stammt von dem französischen Substantiv Flâneur und bedeutet „Spaziergänger“, „Faulenzer“, „Schlenderer“ oder „Nichtstuer“. Der Flaneur war typischerweise der Literat aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts, und das Wort erweckte vielfältige Assoziationen: der Müßiggänger, der Tagedieb, der Erkunder der Stadt, der Genießer der Straße.

Baudelaire charakterisierte den Flaneur als „Gentleman und Müßiggänger Dem Flaneur kommt eine Schlüsselrolle zu, um Städte zu verstehen in den Straßen der Stadt“ und einen „Mann der Menschenmengen“. Seiner Ansicht nach kam dem Flaneur eine Schlüsselrolle zu, um die Stadt zu verstehen, darzustellen und an ihr teilzuhaben. Ein Flaneur spielte daher eine wichtige Doppelrolle – zum einen als Teilnehmer am urbanen Leben und zum anderen als dessen Beobachter, womit er gleichzeitig ein Teil des Lebens in der Stadt und auch vom Stadtleben losgelöst war. Der Philosoph Walter Benjamin prägte außerdem den Begriff des städtischen Beobachters – sowohl als Analysewerkzeug als auch als Lebensstil –, und er sprach von ihm als jemandem, der „auf dem Asphalt botanisieren geht“. Gar nicht so weit entfernt vom Anblick der heutigen Pokemon-Go-Jäger, die ständig auf dem Bürgersteig stehenbleiben und wieder losgehen.

Im Kontext der modernen Architektur und Stadtplanung ist die Gestaltung für den modernen Flaneur (beiderlei Geschlechts) ein Weg, mit den psychologischen Aspekten der bebauten Umgebung und der öffentlichen Flächen umzugehen, da wir uns nämlich mit den Menschen beschäftigen, die indirekt und unbeabsichtigt von einem bestimmten Design beeinflusst werden, das sie im Vorbeigehen wahrnehmen. Das Entwerfen von glücklichen und lebenswerten Städten für die Zukunft verlangt also eine neue Denkweise im Herangehen an öffentliche Räume, wie wir es in der Arbeit von Jan Gehl und Hans Monderman sehen.

Eine der Möglichkeiten, wie wir über die Zukunft dieser Räume nachdenken können, ist die Wiederentdeckung des Flaneurs. In Los Angeles kann man sogar professionelle Flaneure mieten – sogenannte People Walker. Chuck McCarthy ist ein solcher Mann, dessen Team aus Neo-Flaneuren für 7 Dollar pro Meile mit den Menschen durch die Straßen geht. Diese Dienstleistungen sprechen viele Stadtbewohner an, die Angst haben, alleine auf die Straße zu gehen, oder auch Menschen mit einem Einsamkeitsproblem, die einfach eine angenehme Gesellschaft haben wollen. Seine Kunden brauchen Gesellschaft – Interaktion, die außerhalb ihrer digitalen Geräte stattfindet –, aber oft brauchen sie auch die körperliche Betätigung.

Eine weitere moderne Antwort auf das Konzept des Flaneurs ist, die Begehbarkeit einer Stadt zu messen. Die Analyse von großen Datenmengen ermöglicht uns, verschiedene Wege zu erstellen und sie nach verschiedenen Kriterien zu bewerten, wie etwa danach, welcher Weg der sicherste, der architektonisch interessanteste, der grünste usw. ist. Walkscore hat beispielsweise bereits die Begehbarkeit von 10.000 Stadtvierteln in 3.000 Städten in den USA untersucht.

Die Definitionen der Begehbarkeit sind unterschiedlich, aber es besteht ein gemeinsamer Konsens, dass es sich dabei um „das Maß handelt, in dem die bebaute Umgebung für die Menschen, die in einem bestimmten Gebiet leben, einkaufen, Besuche machen, sich erfreuen oder Zeit verbringen, angenehm ist“. Die Faktoren, die sich auf die Begehbarkeit auswirken, sind zumeist:

  • Straßenkonnektivität (wir gut wir uns durch die Stadt bewegen können)
  • Die Mischung der Landverwendung, einschließlich Häufigkeit und Vielfalt an Gebäuden
  • Wohn- und Einzelhandelsdichte
  • Grüne Flächen, Bäume und Vegetation
  • Eingänge und andere Eindrücke an den Fassaden entlang der Straßen
  • Transparenz, einschließlich der Menge an Glas in den Fenstern, Orientierung und Nähe der Wohnungen und Wohnhäuser sowie Gebäude, die man über die Straße hinweg sehen kann
  • Erreichbarkeit und Anzahl der Orte, zu denen man in der Nähe der Wohngebiete gehen kann
  • Platzgestaltung; Straßen, die auch für Menschen und nicht nur für Autos gestaltet wurden

Wenn wir die edle Kunst des Flaneurs zurückbringen und der Idee des Flanierens neues Leben einhauchen können, dann bringt uns das in den Worten von Walkscore „begehbare Stadtviertel mit Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, besseres Pendeln und Nähe zu den Menschen und Orten, die Sie lieben“. Es ist ein Weg, um Flächen in der Stadt wieder für sich zu beanspruchen und neu zu entdecken und die sogenannte „Psychogeographie“ einer Stadt zu verbessern. Das alles wird einer der Schlüssel für eine glücklichere, gesündere und nachhaltigere Lebensführung in den Städten der Zukunft sein.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Wohnen

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Weltweit steht die Bauwirtschaft vor Jahrzehnten spannender Aufgaben. Wir benötigen neue Mobilitäts-Infrastrukturen und Energie-Landschaften, Lösungen für partikulareres und gemeinschaftliches Wohnen - viel Raum für Planer und Verwirklicher.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Oona Horx-Strathern

Ihr Spezialgebiet ist die Zukunft des Wohnens. Als erfahrene Trendberaterin für große Unternehmen liefert Oona Horx-Strathern wertvolle Inspirationen – ebenso charmant wie visionär.