2050: Der moderierte Klimawandel

Im Jahre 2050 wird das Wort „Klimakatastrophe“ aus dem öffentlichen Wortschatz verschwunden sein.

Quelle: Trend Report 2014

Michael Rosskothen/ Fotolia

Prognosen sind schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Das betraf, aus der Sicht des Jahres 2050, auch einen Klassiker der langfristigen Vorhersage: den Klimawandel. Aus der angesagten Katastrophe wurde ein Prozess, der den Planeten zwar veränderte, aber keineswegs zerstörte.

Im Jahr 2020 setzte sich im IPX, dem Internationalen Klimaforschungs-Gremium (dem Nachfolger des IPCC), eine neue Schule durch: die »Revisionisten«. Anfangs massiv von den Hütern der katastrophischen Denkweise angegriffen, erwiesen sich die Modelle der Revisionisten als treffsicherer als die alten Prognosen. Sie zogen natürliche Schwankungen der Sonnenzyklen sowie der Erdumlaufbahn mit in die Modellrechnung ein, errechneten Pufferfunktionen der weltweiten Vegetation und den sogenannten »Green Rebound«-Effekt (steigende CO2-Anteile in der Atmosphäre fördern die Man hatte dem Klimawandel ein Problem zugeschrieben, das ihm gar nicht »gehörte« Vegetation, was wiederum zu CO2-Senken führt). Ihre Modelle ent-materialisierten die Klimaforschung und führten dazu, dass das Thema der globalen Erwärmung vom Ideologie- zum Gestaltungs-Thema wurde.

Sturmfluten und Extremwetterereignisse, wo wies das IPX nach, hatten nur einem sehr geringen Teil ihre Ursache in der Erderwärmung durch CO2. Das Problem war eher ein »homologes«: Immer mehr Menschen siedelten seit Beginn der Industrialisierung in Regionen, die schon immer anfällig waren für extreme Wetterphänomene. Man hatte dem Klimawandel sozusagen ein Problem zugeschrieben, das ihm gar nicht »gehörte«. Obendrein erwies sich, dass der Temperaturanstieg asymmetrischer stattfand als geglaubt. Und die meisten Regionen sogar davon profitierten. Sogar im Sahel erzeugte die Steigerung keine stärkeren Hitzewellen, sondern mehr Niederschläge.

Die Kälteperiode von 2015 bis 2030, in der die mittlere Erdtemperatur deutlich absank, gab den Revisionisten zusätzlich recht. Nun entstand ein neuer medialer Alarmismus: Das »langfristige Minimum« (der Sonnenaktivitäten) würde früher oder später zu einer neuen Eiszeit führen. Schon machten sich ganze Wissenschaftsschulen dafür stark, mehr CO2 in die Atmosphäre zu lassen, um den Abkühlungseffekt zu puffern…

Im Jahr 2050 ist der globale Wasserspiegel um 22 Zentimeter im Vergleich zu 2010 gestiegen - allerdings ungleichzeitig. In der Südsee beträgt der Wert fast 40 Zentimeter (auf Grub gravimetrischer Ungleichgewichte der Erdmasse), an den europäischen Küsten nur 15 Zentimeter. Die weiteren Prognosen sind relativ klar: gegen Ende des Jahrhunderts werde der globale Wasserspiegel um etwas mehr als 50 Zentimeter gestiegen sein. Mit 50 cm kann die Menschheit leben. Sehr gut sogar.

Die Resilienz-Branche

Im seit Jahrhunderten von Stürmen und Fluten heimgesuchten Holland entwickelte sich eine ganz neue Branche: die Resilienz-Industrie. Teile von Hollands Landfläche liegen schon seit Jahrhunderten deutlich unter der Wasserfläche. Das Land, zum großen Teil durch Deiche dem Meer abgetrotzt, war immer schon schweren Sturmfluten ausgesetzt – und trotzdem war es hier kaum zu Landverlusten gekommen. Grund war die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Holländer, die nicht nur ständig ihre Deiche und Flutungsanlagen verstärkten, sondern auch eine Menge von großflächiger Strömungsarchitektur wussten. Holländer verlegten ganze Flüsse. Wenn es sein musste, bauten sie komplette künstliche Küstenlandschaften in vorgelagerten Positionen. Sie veränderten Küstenlinien, Meeresströmungen – und ihren Hausbau. Niederländische »Aquatekten« bauten Stadtstrukturen, die an Küsten »floaten« konnten – also sowohl schwere Sturmfluten überleben als sich auch an veränderte Wasserspiegel anpassen.

Schon 2010 entstand die Firma Waterstudio. NL, die sich in den kommenden Jahrzehnten zu einem der größten Planungs- und Baukonzerne des Planeten entwickeln sollte. Waterstudio designte nicht nur Teile der amerikanischen Küstenbebauung nach dem Sturm Sandy neu, sondern in den 2030ern auch die Küstenlinien von Bangladesh, wo mit dem großen »Waterfrontprojekt 2030« eins der größten Terraforming-Projekte der Weltgeschichte entstand.

Leben am Wasser avancierte nun erstaunlicherweise zu einem neuen »hydro-hybriden« Lebensstil. Häuser wurden Boote, und Boote Häuser. In den Küstenstädten der Welt erwies sich dies bald als enorm attraktiv – ein neuer Lebensstil entstand: Als hätte sich eine neue Schicht von »ankernden Seefahrern« gebildet, zogen die Wohlhabenden und Kreativen in die neuen Floating-Living-Areale. So entwickelte sich eine neue »hydroponische« Kultur, die die Architektur auf Jahrzehnte beeinflussen sollte.

Energiewende: Durchbruch der Erneuerbaren

Nachdem Deutschland seine Anfangsschwierigkeiten – die Nicht-Synchronisation von erneuerbaren und Übergangsenergieträgern – überwunden hatte, wurde das »germanische Energiemodell« von vielen Ländern übernommen. Es bestand in einer (subventionsgetriebenen) schnellen Zunahme des Anteils von erneuerbaren Energien, was eine Kaskade von energetischer Innovation hervorbrachte.

2030 stammten 70 Prozent der Primärenenergie Deutschlands aus erneuerbaren Quellen. Das »Energy Grid«, die neue, dezentrale Vernetzungstechnologie von Energiequellen und -verbrauchern, erwies sich als eine der größten technischen Infrastruktur-Investitionen der letzten 30 Jahre; es bildete die Grundlage für den ökonomischen Boom Europas in den 2020er Jahren. Grüne Energien trugen im Jahr 2013 16 Prozent zur weltweiten Energieerzeugung bei. Im Jahr 2030 waren es bereits 35 Prozent. Im Jahr 2035 fing der Primärenergiebedarf der Menschheit zum ersten Mal an zu sinken – obwohl nun 75 Prozent der Erdbewohner in Wohlstandsverhältnissen lebten.

Beschleunigt wurde die Entwicklung auch durch massive technologische Fortschritte. Die Gel- und Druckspeicher, die sich in den Zwanzigerjahren als Speichermedien für Solar- und Windproduktion durchsetzten, wurden in den Vierzigern durch schnelle Molekularspeicher ersetzt. Die größten Effektivitäts-Fortschritte machten in den Zwanzigern Gezeiten- und Wellenkraftwerke, von denen rund um den Planeten zigtausende gebaut wurden. Von 2030 an entstanden überall kompakte Kraftwerke mit Biomasse der dritten Generation – man konnte nun Stroh, Blätter, selbst Papier in effektive Biomasse umwandeln. Die gigantischen solaren Projekte der arabischen Länder taten ein Übriges. Und von 2040 an verschwanden auch die Windmühlen-Wälder wieder aus den Landschaften. Sie wanderten in den Himmel: Heliumballon-Rotoren erzeugten in 3.000 bis 8.000 Meter Höhe dreimal so viel Elektrizität wie auf der Oberfläche.

Ähnlich wie bei der Weltbevölkerungszahl kündigte sich der »Tipping Point« des CO2-Ausstoßes bereits 30 Jahre vor seinem Eintreten an. Stieg der CO2-Ausstoß vor 2000 noch um nahezu 2,5 Prozent pro Jahr, lag der Wert in den Zehnerjahren bereits um oder unter 1 Prozent. Die mittlere Konzentration von CO2 in der Luft lag damals bei circa 400 ppm. Obwohl bei diesen Werten die Kohlenstoffdioxid-Konzentration noch bis weit über die Mitte des Jahrhunderts zunehmen würde, war abzusehen, dass der Ausstoß des Treibhausgases irgendwann um 2070 seinen Peak erreichen würde. Durch den »Nachtragungseffekt« wäre der CO2-Level in der Atmosphäre jedoch dennoch bis 2100 auf 1.000 ppm angestiegen – ein durchaus kritischer Wert. Dass es nicht so kam, lag vor allem an der Energiepolitik Chinas.

Chinas “Große Grüne Revolution”

Einer der endgültigen Auslöser für die »Große Grüne Revolution« in China war die massive Verteuerung der Fossilenergien aus den Nahoststaaten. Die ölfördernden Länder im Nahen Osten drosselten nicht nur ihre Förderung, sondern näherten sich in den 2020er Jahren auch immer mehr an die EU an. Mit den europäischen Staaten als starkem Partner entschloss man sich, die Ölexporte nach China – und nicht nur diese, sondern einen Großteil aller Exportgüter – mit hohen Steuern zu belegen.

Aber schon vorher hatte sich in China eine massive ökologische Bewegung abgezeichnet, die in einer Fusion von Konfuzianismus, Markt-Ehrgeiz und Parteiräson die Umweltverschmutzung bekämpfen wollte. In nur wenigen Jahren stieg das Land zur führenden grünen Wirtschaftsmacht auf. China setzte bereits Anfang der Zehnerjahre auf solare Energie. Nicht unbedingt Narzisstischer Mythos vom Planeten, der sich am Menschen rächt aus Einsicht, vor allem aus wirtschaftlichen Interessen – hier konnte sich das Land gegen den Erzkonkurrenten USA, die aufkommende arabische Marktmacht und Europa fast so etwas wie eine Monopolstellung sichern. Aufgrund günstiger Solarmodule »Made in China« und eines steigenden Bedarfs danach – gerade in den ehemaligen Schwellenländern, die in den 2020er-Jahren die Kraft der Sonne entdeckten – festigte China seine Position als Treiber für erneuerbare Energieträger weltweit.

Obwohl China 2020 die Produktion von Solarzellen in gigantischem Ausmaß beherrschte, fehlten dem Land jedoch die subtileren Technologien des Green Grid. Maßnahmen hierfür wurden auch bereits in den 2010er Jahren getroffen – mit mäßigem Erfolg: Um die Produktionsstätten globaler Hightech-Unternehmen ins eigene Land zu verlegen, schränkte China ab 2010 die Ausfuhr seltener Erden ein. Diese waren vor allem für Brennstoffzellen, Windkraftwerke sowie Elektromobilität nötig und wurden damals weltweit zu 97 Prozent in China gefördert. Hinzu kamen europaweit – die EU war damals der Hauptantreiber der Erneuerbaren – anhaltende Debatten über die Zukunft der Ökostromförderung.

2012 gingen in Europa die Investitionen in Erneuerbare von 112,3 Milliarden im Vorjahr auf knapp 80 Milliarden Dollar zurück. Länder wie Spanien oder Tschechien hatten dabei ihre teils massiven Subventionen für die grünen Kraftwerke nach unten geschraubt. Europäische Investoren wurden vorsichtig. Europas Zögern brachte China einen kleinen Aufschwung auf dem Markt der Erneuerbaren. Doch erst die »Große Grüne Revolution« machte China im Jahr 2025 nicht nur zum größten Nettostromexporteur der Erde, sondern auch zur solaren Supermacht, die überall auf der Welt hocheffiziente Solarwerke, Wasserstofffabriken und -speicher baute. Dass der CO2-Ausstoß Chinas schon ab 2025 jedes Jahr um fast fünf Prozent fiel, war damit nur ein Nebeneffekt dieser Entwicklung.

Am Ende war es eine Mischung aus Adaption, Pragmatismus und Erfindungsreichtum, die der »Klimakatastrophe« den Stachel nahm. Heute, aus der Sicht des Jahres 2050, sehnen wir uns manchmal regelrecht zurück nach diesem grandiosen Mythos, dieser grundlegend religiösen Idee: Dass »Gaia«, der spirituelle Planet, sich am Menschen »rächen« könnte. Die Klügeren von uns verstanden schon vor langer Zeit, dass dies nicht nur eine naive, sondern auch eine im Kern narzisstische, ja geradezu größenwahnsinnige Idee war.

Relevanz heute

  • Resilienz prägt den zukünftigen Umgang mit den nur schwer berechenbaren Folgen des Klimawandels. Neue Branchen entstehen, die innovative, anpassungsfähige Lösungen bieten.
  • Versorger werden künftig daran gemessen, welchen Beitrag sie zur Begrenzung des Ausstoßes von Treibhausgasen leisten.
  • Die CO2-Bilanzierung hält Einzug in integrierte Managementsysteme, um eine höhere Umweltqualität von Prozessen und Produkten zu gewährleisten.
  • Vor allem in Asien steigt die Nachfrage nach erneuerbaren Energien kräftig. Marktforscher prognostizieren dreistellige prozentuale Wachstumsraten für das zweite Halbjahr 2013.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Zukunftsforschung

Dossier: Zukunftsforschung

Wird alles übel enden? Stehen uns Katastrophen und ökologische Zusammenbrüche bevor? Das denken heute viele, insbesondere in deutschsprachigen Kulturkreisen. Die Zukunftsforschung liefert Antworten auf diese Ängste durch neue “Modelle des scheinbar Nichtwahrscheinlichen”

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.