Futuristischer Humor

Kabarettist Vince Ebert über die Macht des Humors in unübersichtlichen Zeiten. Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

Vince Ebert / Foto von Frank Eidel

Wir leben in verwirrenden Zeiten. Werden zum Beispiel Computer irgendwann intelligenter werden als wir? Werden sie womöglich schon bald die Herrschaft übernehmen? In Amerika war das schon einmal Realität: Da wurde Kalifornien acht Jahre lang von einem Terminator T 800 regiert. Sollten Sie jetzt gerade über diesen kleinen Scherz schmunzeln, dann besitzen Sie etwas, was Computer höchstwahrscheinlich nie haben werden: Humor.

Rein technisch liegt das Wesen eines Witzes darin, dass unsere Erwartungen auf eine unerwartete Weise fehlgeleitet werden. Im Grunde ist ein Witz ein logischer Widerspruch, ein Fehler im System. Und unser Gehirn löst diesen Fehler dann in Lachen auf. Damit wird auch klar, warum Computer so unfassbar humorlos sind. Prozessoren machen nun mal keine Fehler. Und deswegen haben sie auch keinen Sinn für Absurdität. Im Gegensatz Durch Humor entsteht auf magische Art und Weise Erkenntnis: Lachen verwandelt Mauern in Fenster zu uns Menschen: Wie genau Komik in unserem Gehirn funktioniert, wird bis zum heutigen Tag intensiv erforscht.

Am Londoner Institute of Neurology schob man Testpersonen in einen Gehirnscanner und erzählte ihnen mehr oder weniger lustige Witze. Zündete eine Pointe, leuchtete besonders der sogenannte Vorderhirnlappen (medialer präfrontaler Kortex) stark auf, ein Bereich im Gehirn, der für die Belohnung zuständig ist. Interessanterweise verlieren Menschen, die durch einen Unfall eine Verletzung an eben diesem Vorderhirnlappen erlitten haben, komplett ihren Sinn für Humor. Diese Menschen verstehen zwar den Witz, aber sie können darüber nicht lachen. Umgekehrt hat natürlich nicht jeder humorlose Mensch automatisch einen Hirnschaden. Sonst müsste ja halb Ostwestfalen in neurologische Behandlung.

In einem Punkt sind sich alle Neurowissenschaftler einig: Humor ist eine enorme intellektuelle Fähigkeit. Denn durch das Verknüpfen von Dingen, die eigentlich nicht zusammenpassen, entsteht auf magische Art und Weise Erkenntnis. Humor legt sozusagen die Strukturen unter der Oberfläche frei. Oder bildlich gesprochen: Lachen verwandelt Mauern in Fenster.

Vor einigen Jahren war ich zu einem Auftritt eingeladen, bei dem ich das Thema Technologie vor Mitarbeitern von Greenpeace kabarettistisch aufbereiten sollte. Ich begann meine Show mit einer fiktiven Geschichte, in der ich einen Greenpeace-Aktivisten frage: “Warum demonstriert ihr eigentlich immer nur gegen Pelzmäntel, aber nie gegen Lederjacken?” Darauf der: “Weil man ältere Damen risikoloser anpöbeln kann als die Hells Angels.” Zu meinem großen Erstaunen zündete der Gag tatsächlich. 

Mit Humor kann man also vieles in Gang setzen. In dem Kinofilm “Im Namen der Rose” sagt der Bibliothekar Jorge de Burgos: “Lachen tötet die Furcht, und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben.” Deswegen brachte er alle Mönche um, die das verbotene satirische “Zweite Buch der Poetik” von Aristoteles lesen wollten. Es ist kein Zufall, dass das Kennzeichen aller totalitären Herrscher und Regime ihre bleierne Humorlosigkeit ist.

Denn wenn das Volk erst mal über den Tyrannen lacht, verliert dieser Macht, und das Negative wird klarer sichtbar. Schon immer haben Diktaturen Satire, Karikaturen und Witze bekämpft, weil sie auf elegante Weise die wahren Verhältnisse entlarven. Im „Dritten Reich“  Kabarettist Werner Finck während einer Vorstellung einen eifrig mitschreibenden SS-Mann: „Bin ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“

Die Trennlinie zwischen einer welt- und zukunftsoffenen Gesellschaft und einer eng begrenzten totalitären verlief immer entlang der Humorgrenze. Churchill sagte ja angeblich mal: „Ich sammle Witze, die Menschen über mich machen.“ Und Stalin soll geantwortet haben: „Ich sammle Menschen, die Witze über mich machen.“

Humor bricht Regeln, ist anarchistisch und zeigt uns dadurch unorthodoxe Perspektiven und Sichtweisen – und manchmal sogar Lösungen. Satire rückt schiefe Verhältnisse gerade, deckt Tabus und unausgesprochene Probleme auf. Und das alles mit einem souveränen, gelassenen Lächeln. Gerade in verwirrenden Zeiten wie diesen sollten wir mehr auf die Hofnarren hören.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2018.

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