Die 5 Pfeiler der Progressiven Provinz

Was macht ein Dorf zukunftsfähig, was macht eine abgehängte Region zur Progressiven Provinz? Schnelles Internet, so die Standard-Antwort. Natürlich ist Technologie wichtig, aber sie ist nicht der alleinige Heilsbringer! Im Kern der ruralen Renaissance stehen die lebendigen Beziehungen zwischen Menschen. – Eine Analyse von Matthias Horx

Illustration: Sabrina Katzenberger

Längst sind es nicht mehr nur Fußballvereine und Freiwillige Feuerwehren, die die ländliche Zivilgesellschaft ausmachen – sondern auch Yogagruppen, Segelflugvereine, Foodies, Aussteiger-Kommunen und Unternehmer-Clubs. Kleinstädte, Dörfer und Regionen können sich selbst neu erfinden, wenn sie ihre sozialen Potenziale heben:

1. Lokale Visionärinnen

Die Renaissance des Ortes braucht charismatische Bürgermeister und engagierte Persönlichkeiten mit viel Liebe zum eigenen Dorf. Nicht selten sind diese Pioniere und Pionierinnen aus den Großstädten Zurückgekehrte und Vielgereiste, die ihre Wurzeln wiederentdecken und zu Change-Agents des Ländlichen werden. Die Heimkehrer bringen Impulse (und bisweilen auch Kapital) in den Ort und verändern das Klima in Richtung Zukunft – wenn man ihnen Spielräume lässt!

2. Transitorische Architekturen

So idyllisch ländliche Architekturen sein können – ohne eine Spannung der Formen kann sich keine Zukunftsdynamik entwickeln. Deshalb braucht es neben dem alten Fachwerkhaus ein modernes Designgebäude, eine Schule mit Öko-Architektur, ein Brutal-Beton-Gemeindehaus oder andere „Provokationen“, die das provinzielle Idyll produktiv stören. Nicht alle Projekte werden gleich einen „Bilbao-Effekt“ erzeugen. Aber sie  erzeugen eine notwendige Spannungs-Elektrizität zwischen Tradition und Moderne im dörflichen oder kleinstädtischen Raum.

3. Resonanz-Räume

Auch Dörfer haben immer schon Fremde aufgenommen – und von ihnen profitiert. Fahrendes Volk brachte Waren und Ideen, reisende Knechte und Mägde prägten die Weiler des Mittelalters. In der mittelalterlichen Kleinstadt entstanden die ersten gelungenen Formen urbaner Öffentlichkeit. Weltoffenheit ist gerade für das Dorf oder die Kleinstadt existenziell: Wenn das lokale Klima von Depression und Abwehrängsten geprägt ist, kommt eine Negativspirale in Gang. Wer möchte schon dorthin, wo das Misstrauen herrscht? Regionaltourismus ist in – und bringt neues Leben in alte Strukturen. Das stärkt nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern auch die Identität der Dorfbewohner. Denn erst in der Auseinandersetzung mit dem Fremden entsteht die Wertschätzung kultureller Eigenheiten.

4. USP des Dorfes

Wie jeder Mensch hat jede Kleinstadt, jedes Dorf, ein ganz eigenes Potenzial, einen spezifischen Charakter und ein besonderes Talent. Eine eigene Geschichte. Das kann ein bestimmtes Handwerk sein oder eine regionale Spezialität, ein Brauchtum, eine Charaktereigenschaft, ein Naturphänomen. Oder besondere Mythen und Märchen, menschliche Tragödien oder Dramen. Lokale Innovationspolitik muss, wie im modernen Marketing, dieses Besondere herausarbeiten, den „Unique Selling Point“ eines Dorfes, einer Kleinstadt oder Region. Und diesem „Geheimnis“ Sprache und Gestalt verleihen – so, dass es als Botschaft für eine bessere Zukunft dechiffrierbar wird.

5. Glokales Mindset

Im Unterschied zu Nationalstolz, der immer eine gefährliche Komponente der Abwertung anderer enthält, kann Regionalstolz charmant und einladend sein. Die Liebe zur Heimat ist die Grundlage selbstbewussten Wandels. Aber diese Heimatliebe kann glokal sein: Sie muss sich nicht abgrenzen, sondern kann sich auf die ganze Welt beziehen, der man etwas Eigenes, Spezifisches hinzufügt (und eben nicht gegenüberstellt).