Arbeit am Ich: Das Ende des Hobbys

Immer mehr Menschen haben mehr als einen Job – aus Lust an der Selbstverwirklichung: Bei der Generation Slash vermischen sich Arbeit und Freizeit.

Quelle: Trend Update

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Da ist der Chirurg, der nebenher Piano in einer Band spielt und am Wochenende für Auftritte gebucht wird. Oder die Apothekerin, die leidenschaftlich gern fotografiert und davon träumt, diese Leidenschaft zu ihrem Hauptberuf zu machen. Immer mehr Menschen wollen sich wieder voll und ganz mit einer Tätigkeit identifizieren, unabhängig von Beruf und Vorbildung. Ob sich ein kommerzieller Erfolg einstellt, ist dabei oft weniger wichtig. Und wenn doch, hat der Einzelne eine Vielzahl an Optionen.

In Zeiten, deren Diskurse geprägt sind von Begriffen wie Individualität, Selbstverwirklichung und Kreativität, wollen immer mehr Menschen – auch und gerade Die Chancen waren noch nie so groß wie heute, ohne Ausbildung, aber mit Leidenschaft und autodidaktisch erlerntem Wissen erfolgreich zu sein jene, die nicht in Kreativbranchen arbeiten – in ihrem Tun Sinn und sich selbst wiederfinden. Die Lust an echter Könnerschaft erhellt dabei den Weg zur Erkenntnis des eigenen Talents. Somit fängt eine Generation an, sich von vorgefertigten Berufs- und Erfolgsschablonen zu trennen, um sich auf den eigenen Weg zu machen – die Generation der Slash/Slash-Biografien. Ideal ist, dass die Chancen noch nie so groß waren wie heute, ohne Ausbildung, aber mit Leidenschaft und autodidaktisch erlerntem Wissen erfolgreich zu sein.

Pragmatischer Idealismus

Hinzu kommt, dass sich insbesondere durch die (Berufs)-Biografien junger Menschen immer häufiger eine Art von pragmatischem Idealismus zieht. „Progressive Entwicklung im nie enden wollenden Experimentierstadium, statt der ewigen Suche nach dem ‚richtigen‘ Status quo“: Slash/Slash-Biografien sind auch ein Merkmal des „Lifestyle of Resilience“, beschrieb das Zukunftsinstitut dieses Phänomen schon im Trend-Report 2013. Das Mind-Set der Slash/Slash-Generation gleicht dem facettenreichen Spiel eines Kaleidoskops: bunt, vielfältig, abwechslungsreich, etwas unberechenbar. Und doch ergibt das Gesamtbild Sinn.

Im Kern steht ein vielschichtiger Lebensstil, der sich aus unterschiedlichen Leidenschaften und den daraus resultierenden Erfahrungen und Netzwerken speist. Schnurgerade und im Eiltempo die Karriereleiter erklimmen, kommt nicht mehr infrage. Was zählt, ist das Erkennen und Ausschöpfen des eigenen Potenzials. Ein Chirurg bezeichnet sich nicht mehr „nur“ als Arzt, sondern auch als Pianist/Filmnerd/professioneller Polospieler. Ein einzigartiger, persönlichkeitsbildender Lebensstil ist der Slash/Slash-Generation wichtiger als eine klassische Karriere.

Beate Westphal, Berufsberaterin und Buchautorin, befürwortet diese Einstellung. „Es ist illusorisch zu glauben, dass wir all unsere Interessen in einem einzigen Job befriedigen können.“ Die 44-Jährige hat Wirtschaftswissenschaften und Kulturmanagement studiert und ist heute überzeugte Multi-Jobberin. So verkauft sie im Moment selbst gebackene Multijobbing: Job-Patchwork auf Basis individueller Talente und Interessen Vanilleherzen an Chefetagen und Kinos, arbeitet als Berufsberaterin und beschreibt dies alles in ihrer Tätigkeit als Buchautorin. Sie plädiert für eine Betrachtung des Themas „Multijobbing“, die den Aspekt der Existenznot einmal außer Acht lässt. Die andere Seite der Medaille bietet für jene viele noch ungenutzte Möglichkeiten, die sich selbst verwirklichen wollen. „Viele Menschen schöpfen ihr Potenzial nicht voll aus. Mein Ansatz ist, sich zu überlegen, welche Talente und Interessen man hat und sich darauf ein ,Job-Patchwork‘ zu gestalten“, erklärt Westphal.

Eine andere Variante des „Slashies“ ist Philip Landsberg, 32. Er ist passionierter Kampfsportler und gibt neben seiner Arbeit als Handelsvertreter für Elektrogeräte oft Boxunterricht, mal als Personal Trainer, mal als Aushilfe in den Fitnessstudios seiner Stadt. Landsberg sieht seinen Hauptjob allein als Möglichkeit, seine Brötchen zu verdienen – sein Herzblut fließt jedoch nur in den Sport. Nachdem Landsberg selbst bereits jahrelang für alle Arten des Kampfsportes brennt, fokussiert er sich nun besonders auf die Disziplin der Mixed-Martial-Arts. Und dies nicht nur als Kämpfer, sondern auch als Förderer: Neben seiner „gewöhnlichen“ Arbeit managt er ein von ihm entdecktes, junges Talent aus Mazedonien mithilfe seiner Expertise, seiner Zeit – und dem Geld, das er in seinem Hauptjob verdient. Persönliche Passion trifft auf Ehrenamt. Nach fünf Jahren ist der Mazedonier nun fit für die Weltmeisterschaft. Landsberg arbeitet trotz des Erfolgs explizit nicht daran, seine „Zweitkarriere“ als Erstjob auszuüben: „Ich würde nie meinen Hauptjob aufgeben, um mit dem Kampfsport, in welcher Form auch immer, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Damit würde ich meiner Passion die Leichtigkeit nehmen.“

Hobbykeller extrem

Anstatt seinen Keller mit entsprechenden Gegenständen vollzuräumen, passiert bei dem Kanadier Joe Murray genau das Gegenteil – sein Keller wird immer leerer, je mehr er seinem Hobby frönt. Denn Murrays Leidenschaft sind ferngesteuerte Baufahrzeuge in Miniatur. Mit ihnen gräbt er seinen Keller aus, seit sieben Jahren transportieren Schaufel für Schaufel kleine Bagger winzigen Schutt und golfballgroße Erdklumpen auf Miniatur-Laster. Die Laster bahnen sich dann ihren Weg über die Mini-Baustelle über kleine Holzrampen, die über eine Katzenklappe aus dem Keller hinaus ins Freie führen. Dort wird das Geröll fachmännisch auf einen – im Vergleich zu den Fahrzeugen – gigantischen Haufen entladen. Der Unterschied zum Eigenbrötlertum der klassischen Hobbykeller: Murray hat all seine Arbeiten auf Youtube dokumentiert, es sind dabei rund 150 Videos zusammengekommen. Der Leiter der Baustelle lenkt die feingliedrig-komplexen Funktionsmodelle gleichzeitig – über Fernsteuerung. Murray ist außerdem noch CEO und Eigentümer des fiktiven Unternehmens „Lil’Giants Construction Co.“ (Baufirma der kleinen Giganten), das er eigens für seine Lieblingsbeschäftigung gegründet hat.

Der technikvernarrte Tüftler ist im „wahren“ Leben Viehzüchter und Getreidebauer und wohnt in einer Provinz in Kanada. Murray ist ledig und kinderlos, und bekämpft die Langeweile in den bis zu minus 30 Grad kalten Wintern mit dem Zusammenbauen der Modelle. Als er die Staubschicht auf den fertigen Modellen nicht mehr ertragen kann, startet er 2005 sein „Project Basement“ – das „Keller-Projekt“. Murray ist – besonders in der Bastler-Szene ferngesteuerter Fahrzeuge – mittlerweile ein kleiner Star, und auch Medien aus der ganzen Welt sind bereits auf ihn aufmerksam geworden. Doch ging es ihm nie um Ruhm und Ehre, sondern um die Sache selbst. Vielmehr ist ihm die ganze mediale Aufmerksamkeit eher lästig geworden. Er hofft, dass in sein Farmerdasein „bald wieder Ruhe einkehrt“.

Sinn statt Work-Life-Balance

Im Umfeld von Individualität, Selbstverwirklichung und Kreativität wächst die Generation Slash. Vor allem bei den 18- bis 25-Jährigen prägt zudem pragmatischer Idealismus die Berufsplanung. Die Zahl der Personen, die mehr als einer Erwerbstätigkeit nachgehen, steigt, wobei die individuellen Gründe für Multijobber nicht erfasst sind. In den meisten Fällen scheint es sich aber um ein selbst gewähltes Lebensmodell zu handeln, selten an wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Generation Slash ist nicht daran interessiert an einer Work-Life-Balance zu arbeiten – es wird ohnehin nicht mehr klar zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden. Ziel sind Sinn, Glück, Erfüllung. Die wenigen Studien zu den Folgen von Mehrfacherwerbstätigkeit geben bisher jedenfalls keine systematischen Hinweise auf negative Effekte auf die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit“, sagt Conny Wunsch, Professorin für Arbeitsökonomie an der Uni Basel. Allerdings: „Der große Leistungsdruck, immer Neues und anderes zu machen und einzigartig zu sein, birgt zumindest auch die Gefahr der Erschöpfung.“

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Dossier: Leadership

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Der langjährige Top-Manager ist Experte für die Zukunft der Arbeit. Aus der Verbindung von Trendforschung und Unternehmensberatung liefert er facettenreiche, praxisnahe Lösungen und charmante Inspiration.

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Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.