Automatisierung: Wir brauchen Kontext!

Wie gestaltet sich eine Zukunft der Arbeit von Mensch und Maschine und welchen Fragen müssen sich Unternehmen hierzulande stellen? Ein Beitrag von Dirk Nicolas Wagner, Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University.

Der Diskurs über die Zukunft der Arbeit muss diesem Land Sorgen bereiten. Ob man Sorge um die Zukunft der Arbeit haben muss, lässt sich dabei aktuell noch nicht einmal sagen. Zunächst ist zu fragen, welchen Beitrag die Vordenker, insbesondere die Ökonomen, hierzulande eigentlich leisten, wenn es um die Sicherung der Zukunft geht? Im Jahr des 200. Geburtstags von Karl Marx mag die Zeit der großen Propheten lange vorbei sein. Aber auch im Wettbewerb der kleinen Ideen gibt es wenig bemerkenswerte Teilnehmer. Dabei hat der Exportweltmeister Deutschland viel zu verlieren. Es geht um nicht weniger als darum, mit aktueller Prozessorgeschwindigkeit im digitalen Zeitalter anzukommen.

Die Warnung, dass Automatisierung innerhalb weniger Jahre rund die Hälfte aller Jobs entbehrlich mache (vgl. Frey/Osborne 2017), wird hierzulande gern in den Wind "Selbstfahrende Autos sind eine tolle Entwicklung, aber eingekreist mit einer dicken weißen Linie sitzen sie in der Falle" geschlagen. Dies möge für Länder wie die USA gelten, aber nicht für Deutschland, wo andere wirtschafts- und beschäftigungspolitische Bedingungen herrschten. In der Autonation Deutschland fürchtet man keinen sich quer durch den Süden ziehenden Rust-Belt à la Detroit. Man mag sich nicht vorstellen, dass sich eine Geschichte wie die des Ruhrgebiets an anderer Stelle oder gar flächendeckend wiederholen könnte. Solche Narrative stören den behaglichen Wohlstand, den vorangegangene Generationen aufgebaut haben.

Man gibt sich selbstsicher: Nicht die Automatisierung bestimme das Verhältnis von Mensch und Maschine, sondern politische und gesellschaftliche Entscheidungen. Doch wer so etwas behauptet, verkennt die normative Kraft des Faktischen. Im Moment sind es profitorientierte, privatwirtschaftliche Unternehmen, nicht selten aus Nordamerika, mit zum Teil monopolartigen Marktanteilen, die den Takt der fortschreitenden Automatisierung angeben.

Kleine Unternehmen in Ballungsgebieten schaffen neue Arbeitsplätze

Ein beliebtes, vergangenheitserprobtes Argument, um die wirtschaftliche Zukunft entspannt zu sehen, besteht in der Aussicht darauf, dass ein Verlust an Arbeitsplätzen durch neue Jobs kompensiert werden könne. Interessant wird es, wenn man genauer hinschaut, wo diese neuen Jobs erwartet werden: vor allem in den Bereichen Reglementierung, Controlling, Überwachung und Evaluation (vgl. Binswanger 2018). Nun ließe sich ausführlich argumentieren, dass diese Gleichung in mehrfacher Hinsicht nicht aufgehen wird. Vordringlicher scheint jedoch eine andere Frage zu sein: Sehen wir die Herausforderungen der Digitalisierung am Arbeitsmarkt darin gelöst, dass wir ein Mehr an Bürokratie prognostizieren?

Wenn es darum geht, die Vorteile von Automatisierung zu nutzen und gleichzeitig unerwünschte soziale Kosten zu minimieren, würde eine Alternative darin bestehen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Vorschläge international etablierter Ökonomen wie Carl Benedikt Frey konstruktiv aufzugreifen. Statt auf Jobs in der Bürokratie zu warten, stellt Frey kleine Unternehmen in den Mittelpunkt wirtschaftspolitischer Bemühungen. Denn hier werden die meisten neuen Jobs geschaffen. Der deutsche Mittelstand wird ihm da ebenso beipflichten wie junge Menschen, die sich mit zukunftsweisenden Ideen selbständig machen oder im Rahmen einer Nachfolgeregelung kleine Betriebe ins neue Zeitalter führen wollen.

Auch die Erkenntnis, dass neue Arbeitsplätze in den Ballungsgebieten entstehen, wo die Technologie ist, ist hierzulande relevant – wenngleich bei anderem Leidensdruck als in den USA. In einigen Regionen hat man dies erkannt und versucht, Bürgermeister auch kleinerer Orte zu mehr Gründungsfreundlichkeit zu aktivieren.  

Zentral für eine Zukunft mit gut bezahlter Arbeit ist und bleibt aber die Aus- und Weiterbildung. Diese Herausforderung ist alles andere als neu. Umso erstaunlicher, dass man generisch im Diagnostischen verharrt: Es gibt kaum Antworten auf die Frage: „Worin und wofür soll ausgebildet werden, wenn von allen Seiten automatisiert wird?“

Auf der notwendigerweise interdisziplinären Suche nach Antworten helfen möglichst konkrete Vorstellungen davon, wie die Welt in einigen Jahren aussehen kann. Denn wie schon der Psychologe Kurt Lewin sagte: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“. Hier bietet der britische Informatiker Nick Jennings die Beschreibung von „Human-Agent Collectives“ (HAC) an, also Kollektive, in denen Menschen und Software gemeinsam agieren: In einer Welt mit immer leistungsfähigerer Künstlicher Intelligenz werden zunehmend auch Maschinen Entscheidungen treffen, die dann von Menschen ausgeführt werden.

Agiles Teams aus Menschen und Maschinen

Assistenzsysteme im Auto können da als Vorboten deutlich weitreichenderer Technologien verstanden werden: Es entstehen agile Teams aus Menschen und Maschinen, in denen mal der Mensch den Ton angibt und mal die Maschine. Ob als hochdotierte Investmentbankerin oder als einfacher Mitarbeiter in einem Logistikzentrum, für menschliche Arbeitnehmer stellen sich völlig neue Herausforderungen. Nur im Team mit der Maschine wird ihre Arbeit einen Beitrag zur eigenen Rente leisten.

Doch der neue Kollege ist ganz anders als die alten, schließlich arbeitet er hauptsächlich hinter den Kulissen beziehungsweise in der Cloud. Der neue Kollege ist wahnsinnig schnell und wird immer schneller. Für den vielbeachteten Abgleich der Parteiprogramme von CDU, CSU und SPD mit dem Koalitionsvertrag der großen Koalition benötigte er gerade mal dreißig Sekunden – ein Mensch hätte knapp dreißig Tage gebraucht. Aber der Software fehlt der gesunde Menschenverstand: Der Computer muss bislang und auf absehbare Zeit auf „Common Sense“ verzichten. Selbstfahrende Autos sind eine tolle Entwicklung, aber eingekreist mit einer dicken weißen Linie sitzen sie in der Falle.

Die Chance des deutschen Mitteldands

Dahinter steckt das Problem, dass Kontextwechsel für Maschinen schwer zu meistern sind. Und hier steckt gleichzeitig eine der Chancen für deutsche Weltmarktführer, die sich vor allem im Maschinenbau, in der Elektroindustrie sowie in den Bereichen von Automotiven und Industrieprodukten finden: Die – im wahrsten Sinne des Wortes – „Herstellung“ von Kontext für Computer, die mit unmenschlicher Geschwindigkeit sehr große Mengen an Daten sehr präzise durcharbeiten können. Der deutsche Mittelstand kann sein Domain-Wissen zum Einsatz bringen, um Künstliche Intelligenz zu trainieren und zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze zu ermöglichen.

Es sind konkrete Leitgedanken und Fragen wie diese, denen sich Vordenker stellen müssen, um gerade der deutschen, mittelständisch geprägten Wirtschaft die erforderlichen Transferleistungen zugänglich zu machen. In einer täglich komplexer werdenden Welt ist diese Orientierung wichtig, um – wie der Evolutionsforscher Stuart Kauffman sagen würde – die Entdeckung des „adjacent possible“ zu erleichtern. Denn nicht jedes Unternehmen hat Zugang zu den Forschungszentren der führenden Universitäten, um herauszufinden, wie menschlicher und mitunter auch wieder menschlicherer Arbeit eine Zukunft bereitet werden kann. Mit Bürokratie lassen sich die anstehenden Aufgaben nicht lösen, aber Regeln und vor allem Leitgedanken und strategische Ideen wird es brauchen.

Welche neuen Formen der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine werden möglich? Wie soll flexible Autonomie in teilautomatisierten Mensch-Maschine-Kollektiven funktionieren? Was ist, wenn der maschinelle Kollegen oder Vorgesetzte zwar dem Arbeitgeber gehört, dessen „Gehirn und Gedächtnis“ aber von einem marktmächtigen amerikanischen Konzern betrieben wird? Wessen Beitrag zur Teamarbeit wird wie bewertet und wie besteuert? Von den Antworten auf diese und ähnliche Fragen wird viel abhängen, wenn es darum geht, wie viele der bekannten Arbeitsplätze in Deutschland und Europa durch Automatisierung wegfallen – und welche an ihrer Stelle geschaffen werden.

Über den Autor

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.

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Dirk Nicolas Wagner

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der KIU und Geschäftsführer des KMI. Seit den 90er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.