Bildung nach Corona: Evolutionssprung der Wissenskultur

Corona sorgte für viel Unsicherheit im Bildungssystem. Die Krise bewirkte aber auch, dass Lehrpläne dynamischer wurden und Digitalisierung für Lehrpersonen kein Fremdwort mehr ist. Wissen ist wieder cool geworden: Nach der Krise werden wir informierter, wissbegieriger und besser aufgestellt sein als davor.

Von Nina Pfuderer

Illustration: Julian Horx

Nachdem Schulen, Universitäten und Fortbildungszentren wegen Corona geschlossen werden mussten, setzte in Bezug auf Wissensvermittlung ein Umdenken ein. Vor der Krise waren das „digitale Klassenzimmer“ oder der „Flipped Classroom“ eher theoretische Ziele voller realer und fiktiver Hindernisse. Corona wirkte hier als echter Game Changer, der den Lehrbetrieb zwangsdigitalisierte – und den Weg dafür bereitete, dass E-Learning und unterrichtsbegleitende Online-Angebote künftig immer mehr zum normalen Bestandteil der Lehre werden. Die Krise machte Bildungsinstitutionen unmissverständlich klar, dass sie noch lange nicht in der Gegenwart angekommen waren und bereits bestehende Möglichkeiten ungenutzt gelassen hatten. Immer mehr erkennt das Bildungssystem, dass Digitalisierung eine Voraussetzung für gute und stabile Lehre ist – und dass Schulen und Universitäten bei der bestmöglichen Umsetzung Unterstützung brauchen.

Während der Krise mussten sich alle Lehrenden mit digitalen Technologien auseinandersetzen, auch jene, die am liebsten noch mit dem Overhead-Projektor gearbeitet hätten. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten wurden dabei Berührungsängste abgebaut. Weil digitale Bildung sich als echte Hilfe für Lehrende herausstellte, wird sie nun nicht mehr nur als ein weiteres kompliziertes Thema gesehen, mit dem man sich neben Inklusion, Ganztagsangeboten und straffen Lehrplänen beschäftigen muss. Lern-Apps wie Anton, die Lerninhalte kostenlos zur Verfügung stellen und eine unkomplizierte Zuweisung von Aufgaben ermöglichen, oder Messenger-Apps wie SchoolFox, die die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften vereinfachen, werden zunehmend in den Lehralltag integriert – denn sie machen auch im Präsenz-Schulalltag vieles leichter. Gleiches gilt für die Akzeptanz von virtuellen Konferenzen wie Zoom oder Google Meets, die im Zuge der Krise Einzug in Schulen und Universitäten hielten.

Der neue Stellenwert von Technologie in der Bildung

Eine flächendeckende Implementierung digitaler Lösungen ist auch zentral, um zu verhindern, dass die Bildungsschere noch weiter auseinander geht. Eltern, die ihre Kinder engagiert unterstützen können, sowie Privatschulen und -universitäten, die über die nötigen Mittel verfügen, werden digitale Möglichkeiten auch nach der Krise ganz selbstverständlich nutzen. Das Bildungssystem muss nun dafür sorgen, dass auch Kinder aus sozial schwachen Familien sowie öffentliche Bildungsinstitutionen mit diesen Entwicklungen Schritt halten können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Ungleichgewicht in der Bildung sich nach der Krise sogar noch verstärken könnte.

Insgesamt wird es nun darum gehen, nicht nur Online-Materialien bereitzustellen, sondern digital-interaktiven Unterricht zu gestalten. Eltern, die vor der Krise noch kritisch gegenüber Apps für Kinder eingestellt waren, lernten, dass digitale Bildung nicht noch mehr Medienkonsum bedeuten muss, sondern im besten Fall eine bewusstere Mediennutzung fördert. Gleichzeitig machte die Krise aber auch deutlich: Digitale Technologien können guten Unterricht nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen.

Wissen für alle: Open Knowledge, Open Resources

Die Corona-Krise macht wahr, was sich viele schon immer gewünscht haben: Wissen für alle. Corona wirkte wie ein Katalysator für bereits bestehende Online-Angebote. Massive Open Online Courses (MOOC) wie EDx, Coursera oder Udemy, digitale Angebote an Fernuniversitäten oder Volkshochschulen, aber auch Sprachlern-Apps wie Babbel oder Duolingo gewannen stark an Beliebtheit. Selbst Unternehmen wie SAP öffneten ihre Lernplattformen für Interessierte – kostenlos. Auch nach der Krise werden wir uns online weiterbilden. Wissen und Informationen sind unsere Waffen in Krisenzeiten – und jeder Mensch hat ein Recht, darauf zugreifen zu können. Ob Nachhilfe-Threads auf Twitter, Lifehack-Clips auf TikTok oder spannende Uni-Vorträge im Facebook-Livestream: Offene Bildungsformate sind zum Normalfall geworden. Wir haben verstanden, dass Wissen unbezahlbar ist.
 
Das gilt auch für das Lernen als reine Freizeitbeschäftigung, das während der Krise ebenfalls eine Renaissance erlebte: Die Zahl von Online-Sprachkursen stieg rapide an, Bildungs- und Lern-Apps wurden zuhauf heruntergeladen, und die Do-it-yourself-Bewegung erlebte neue Höhenflüge. Das DIY-Prinzip umfasst weit mehr als nur Repair Cafés oder Urban Gardening – alles ist lernbar! Von Lockpicking über Jonglieren bis zum Wändestreichen, von Meditieren bis zum Schreiben von Kurzgeschichten – alle möglichen Skills können inzwischen überall erworben werden. So wie das Erklären und Teilen eigener Kenntnisse zum neuen Standard wird.

Weder Künstliche Intelligenz noch Hightech-Medizin noch ein Blitz-Impfstoff retteten uns vor den verheerenden Folgen des Virus – sondern das Wissen um die richtigen Kulturtechniken und Verhaltensweisen zur richtigen Zeit. Wissen ist das Key Ingredient für eine langfristig resiliente, kluge Gesellschaft – das ist eine zentrale Lehre aus der Corona-Krise. Die Budgets für Bildung werden daher steigen, und die Barrieren, diese Gelder tatsächlich zu erhalten, werden sinken. Der Megatrend Wissenskultur nimmt durch die Corona-Krise an Fahrt auf. Fakten werden wieder wichtiger als emotionale Meinungsmache.

Die neuen Influencer: Hype um Wissenschaftlerinnen

Stellen wir uns vor, es ist 2021. Fragt man junge Schülerinnen und Schüler nach ihren Vorbildern, fallen nun auch Namen wie Dr. Christian Drosten und Dr. Melanie Brinkmann. Denn Corona zeigte uns, wie viel Wissen wert ist. Neben privaten Formaten à la Jung & Naiv profitieren davon auch die Öffentlich-Rechtlichen – als erste Quelle für fundierte Informationen und Expertenmeinungen. Digitale Schnittstellen zu Wissenschaft und Politik sind Teil des Mainstreams geworden. Zunächst primär für ein junges Publikum gedacht, erfreuen sich nun Menschen jeden Alters an einer ungezwungenen und unvoreingenommenen Art der Informationsvermittlung. Denn sie basiert auf Fakten – nicht auf Lobby-Interessen, politischer Meinungsmache oder individuellen Befindlichkeiten.

Plötzlich vertraut die Regierung wieder auf wissenschaftliche Expertise: Das konnte die Diskussion um den Klimawandel nicht leisten – es mussten erst greifbar Menschenleben auf dem Spiel stehen. Die Meinung von Naturwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern ist gefragt, denn um gesellschaftlichen Wandel und menschliches Verhalten zu verstehen, braucht es soziologische, ethnologische, psychologische Kenntnisse. Allheilsbringer ist nicht mehr nur der technologische Fortschritt, sondern der Kulturwandel. Nun greift auch ein Prinzip, das in der Wissenschaft schon lange präsent ist, auf den Rest der Gesellschaft über: das Konzept der Inter- und Transdisziplinarität. Wissen und Erkenntnisse werden geteilt, um gemeinsam dem Ziel etwas näher zu kommen. Das starre ökonomische Konkurrenzdenken wirkt antiquiert: Die Netzwerkgesellschaft beginnt sich zu entfalten.  

Sinnvolle Umstrukturierung: Konzentration auf das wirklich Wichtige

Bereits seit 15 Jahren arbeitet die Europäische Kommission darauf hin, die Rolle von Schul- und Ausbildung zu stärken, indem sie Kreativität als bedeutsame Kompetenz definiert. Ziel aller unterrichteten Fächer soll es sein, Menschen auszubilden, die in der Lage sind, ihr ganzes Leben lang Neues zu lernen. Es scheint, dass dieses Ziel erst mit dem einschneidenden Erlebnis der Corona-Krise ernst genommen werden könnte. Menschen liefen plötzlich zu Höchstform auf, als es darum ging, gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen zu entwickeln, vor die das Virus die Gesellschaft stellte. Der von der Bundesregierung organisierte Hackathon #WirVsVirus zeigte eindrucksvoll, wie gut die Verbindung von Teamwork, Basisdemokratie und die transdisziplinäre Entwicklung von Ideen zu einem gemeinsamen Ziel funktionieren kann. Künftig wird auch die Bildung mehr Wert darauf legen, Zukunftsskills wie Kreativität, Selbstdenken und Unsicherheitskompetenz zu vermitteln.

Die Entwicklungen während der Krise haben gezeigt, wie wichtig es ist, auch das Bewusstsein für ein soziales Miteinander zu stärken. Die Pandemie machte deutlich, dass es nicht genügt, sich nur um sich selbst und die eigene Familie zu kümmern. Das eigene Verhalten hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft – etwa, wenn man trotz Ausgangsbeschränkung nicht zu Hause bleibt. Um dieses Verständnis zu fördern, könnten künftig neue Unterrichtsfächer in die Lehrpläne implementiert werden, etwa Achtsamkeit, gewaltfreie Kommunikation oder auch psychologische Selbstfürsorge: Fächer, die die Resilienz jedes Individuums – und damit auch der Gesellschaft als Ganzes – stärken.

Diese Konzentration auf das wirklich Wichtige kann jedoch nur gelingen, wenn Institutionen sich während der Krise die Frage stellten, wer sie danach sein wollen – anstatt sich ausschließlich auf den Erhalt des Alten zu fokussieren. Es ist dieses zukunftsoffene und -mutige Mindset, das uns nach der Corona-Krise in eine neue Dimension der Wissenskultur führen wird.

Knowledge is Key

Organisationen und Unternehmen, die heute auf sinnvolle Informationsvermittlung setzen und auch intern für transparente Strukturen, breite Weiterbildungsangebote und reibungslose Wissensvermittlung sorgen, werden auch in der Zeit nach Corona gut aufgestellt sein. Im Bildungssektor wird es vorrangig darum gehen, digitale Tools flächendeckend einzusetzen. Die teilweise schon seit Jahren vorhandenen Programme und wissenschaftlichen Erkenntnisse warten nur darauf, in den Alltag überführt zu werden.

Die Bildung nach Corona braucht also keine Neuerfindungen, sondern vor allem die reflektierte Implementierung der Tools, die schon vorhanden sind. Unternehmen, die sich auf digitale Lern-Infrastrukturen spezialisiert haben, können dabei Unterstützung leisten. Speziell jene Organisationen, die im Bildungssektor tätig sind, müssen ihre Aufgabe mit einer neuen Ernsthaftigkeit wahrnehmen und ihre Perspektiven auch auf jene Bereiche ausweiten, die traditionell nicht mit Wissensvermittlung assoziiert wurden. So ergeben sich neue Möglichkeitsräume – und zukunftsweisende Geschäftsmodelle.



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