Befreite Kreativität: Bildung nach Corona

Wissen ist wieder cool geworden: Nach der Krise werden wir informierter, wissbegieriger und besser aufgestellt sein als davor. Corona führt zu verschobenen Semesterstarts und Abiturprüfungen – bewirkt aber auch, dass Lehrpläne dynamischer werden, Digitalisierung einen selbstverständlichen Platz in Bildungsinstitutionen einnimmt, und Raum für echte Kreativität zurückerobert wird.

Von Nina Pfuderer

Illustration: Julian Horx

Alles auf online: Die Entzauberung des Digitalen

Nachdem Schulen, Universitäten und Fortbildungszentren wegen des Coronavirus geschlossen werden mussten, setzte ein Umdenken in Bezug auf die Vermittlung von Wissen ein. Vor der Krise waren das „digitale Klassenzimmer“ oder der „Flipped Classroom“ eher theoretische Ziele voller realer und fiktiver Hindernisse. Das Coronavirus wirkt hier als echter Game Changer, der den Lehrbetrieb zwangsdigitalisiert – und den Weg dafür bereitet, dass E-Learning und unterrichtsbegleitende Online-Angebote künftig immer mehr zum normalen Bestandteil der Lehre werden. Die Krise macht Bildungsinstitutionen unmissverständlich klar, dass sie noch lange nicht in der Gegenwart angekommen sind und bereits bestehende Möglichkeiten zu lange ungenutzt gelassen hatten.

Kreativität braucht Safe Spaces

Bereits seit 15 Jahren arbeitet die Europäische Kommission darauf hin, die Rolle von Schul- und Ausbildung zu stärken, indem sie Kreativität als bedeutsame Kompetenz definiert. Ziel aller unterrichteten Fächer soll es sein, Menschen auszubilden, die in der Lage sind, ihr ganzes Leben lang Neues zu lernen. Es scheint, dass dieses Ziel erst mit dem einschneidenden Erlebnis der Digitalisierung ist nicht nur eine Voraussetzung für gute und stabile Lehre – sondern schafft auch Raum für mehr Kreativität im Bildungsalltag. Coronakrise ernst genommen werden könnte. Angestoßen durch die Pandemie, erkennt das Bildungssystem, dass Digitalisierung nicht nur eine Voraussetzung für gute und stabile Lehre ist – sondern auch Raum schafft für mehr Kreativität im Bildungsalltag. Während im schnöden Frontalunterricht Impulse des kreativen Schaffens von Kindern und Jugendlichen kaum einen Platz haben, sich zu entfalten, laufen Kinder und Teenager auf digitalen Plattformen wie TikTok und Youtube zu kreativen Höchstleistungen auf. Diese digitalen Sphären sind jedoch nur bedingt für Kinder und Jugendliche geeignet: Es fehlt an Medienkompetenz und Schutz vor digitalem Mobbing. Übergriffe auf die Privatsphäre, verstörender Content bis hin zu Missbrauch kommen leider viel zu häufig vor. Daher ist es längst überfällig, dem Schaffensdrang junger Menschen auch innerhalb des Bildungssystems Safe Spaces zur Verfügung zu stellen, die Kinder und Jugendlichen zu fördern und dabei einen gesunden Umgang mit digitaler Technologie schon im frühesten Alter zu vermitteln.

Lernziel: Digital Literacy

Diesem Bestreben stand bis zu Corona auch die fehlende Digital Literacy von Lehrkräften selbst im Weg. Jetzt kommen Lehrende nicht mehr darum herum, sich mit digitalen Technologien auseinanderzusetzen – auch jene, die am liebsten noch mit dem Overheadprojektor gearbeitet hätten. Weil digitale Bildung sich aber als echte Hilfe für Lehrende herausstellt, wird sie nun nicht mehr nur als ein weiteres kompliziertes Thema gesehen, mit dem Lehrkräfte und Pädagoginnen sich neben Inklusion, Ganztagsangeboten und straffen Lehrplänen beschäftigen müssen. Lern-Apps wie Anton, die Lerninhalte kostenlos zur Verfügung stellen und eine unkomplizierte Zuweisung von Aufgaben ermöglichen, oder Messenger-Apps wie SchoolFox, die die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften vereinfachen, werden zunehmend in den Lehralltag integriert – denn sie machen auch im Präsenz-Schulalltag vieles leichter. Gleiches gilt für die Akzeptanz von virtuellen Konferenzen wie Zoom oder Google Meets, die im Zuge der Krise Einzug in Schulen und Universitäten hielten.

Gleiche Entwicklungschancen für alle

Eine flächendeckende Implementierung digitaler Lösungen ist zentral, um zu verhindern, dass sich die Bildungsschere noch stärker ausweitet. Eltern, die ihre Kinder engagiert unterstützen können, sowie Privatschulen und -universitäten, die über die nötigen Mittel verfügen, werden digitale Möglichkeiten auch nach der Krise ganz selbstverständlich nutzen. Das Bildungssystem muss nun dafür sorgen, dass auch Kinder aus sozial schwachen Familien sowie öffentliche Bildungsinstitutionen mit diesen Entwicklungen Schritt halten können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Ungleichgewicht in der Bildung sich nach der Krise sogar noch verstärken könnte. Insgesamt wird es in Zukunft darum gehen, nicht nur online Materialien bereitzustellen, sondern digital-interaktiven Unterricht zu gestalten. Eltern, die vor der Krise noch kritisch gegenüber Apps für Kinder eingestellt waren, lernten, dass digitale Bildung nicht noch mehr Medienkonsum bedeuten muss, sondern im besten Fall eine bewusstere Mediennutzung fördert.

Gleichzeitig machte die Krise aber auch deutlich: Digitale Technologien können guten Unterricht nicht ersetzen. Sie können den Unterricht aber so ergänzen, dass neben der Vermittlung von neuem Stoff und dem Einüben von Fähigkeiten auch genug Zeit und Raum bleibt für angeregte Diskussionen, das Erlernen sozialer Kompetenzen oder das Schaffen von gemeinschaftlichen Werten. Genau dadurch kann ein Nährboden geboten werden, auf dem sich freie Kreativität entwickeln kann. So werden Bildungsinstitutionen zu kreativen Orten für alle – Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte gleichermaßen.

 

Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Trendstudie „Die Welt nach Corona. Business, Märkte, Lebenswelten – was sich ändern wird“. Die Studie dient als Leitfaden für die Post-Corona-Realität, auf die Unternehmen hinarbeiten können.



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