Big Data: Die Verdatung der Welt

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Seit gut 100 Jahren werden Daten gesammelt. Neu ist Big Data: Die Vernetzung via Internet macht den großen Unterschied. Unendlich viel mehr Daten entstehen und können durch ihre Korrelation bis dahin völlig unmessbare Zusammenhänge erzeugen. Big Data bezeichnet im Gegensatz zu Open Data nicht Daten, die für die Öffentlichkeit von allgemeingültigem Interesse sind, sondern personenbezogene Daten. Das sind Daten, die auf eine spezifische identifizierbare Person zurückzuführen sind. Big-Data-Mining folgt dabei vorwiegend privatwirtschaftlichen Interessen.

Mit fortschreitender Demokratisierung öffentlicher Daten geht auch eine Entfesselung der privaten Daten einher, da zwischen öffentlich und privat immer weniger klar differenziert werden kann. Neben Handys und Web-Applikationen sammeln auch Autos, Händler mit Bonusprogrammen, medizinische Geräte etc. unsere Daten. Und zunehmend tauschen die vernetzten Devices auch untereinander Daten aus.

Der Grund für die emotional aufgeladenen Diskussionen um Privatsphäre und Öffentlichkeit ist die Sammlung und Verwendung von Daten im Umfeld von Big Data: Die Tatsache, Nicht alles, was technisch möglich ist, wird kulturell akzeptiert - und Werte und Normen sind träge dass die Datenmenge persönlicher Daten stetig wächst, aber es noch keine klaren ethischen, rechtlichen und moralischen Richtlinien gibt, wie mit diesen Daten umgegangen werden soll. Inhalte werden aus dem Kontext gerissen und mit dem Label „Daten“ versehen. Nicht alles, was technisch möglich ist, wird kulturell akzeptiert. Und Werte und Normen sind träge: Sie verändern sich evolutionär langsamer als die technologische Machbarkeit.

The Next Big Thing

Mark Zuckerberg legte schon vor über zwei Jahren die Strategie von Facebook offen, indem er verkündete, das Zeitalter der Privatsphäre sei vorbei. Facebook sammelt, für jeden offensichtlich, alle nur erdenklichen Daten über seine Nutzer. Facebook-Nutzer nehmen diese Tatsache mehr oder weniger zähneknirschend hin, weil der persönliche Nutzen die Bedenken weitgehend übertrifft. Facebook ist das perfekte Tool zur Verdatung des Lebens. Alte Bekannte wiederfinden, mit Freunden in Kontakt bleiben, sich selbst darstellen, vom letzten Urlaub erzählen – und das bitte alles unter der „wahren“ Identität. Facebook ist nichts für Trolle und Sockenpuppen. Und doch finden wir sie dort: 83 Millionen der 955 Millionen monatlich aktiven Nutzer sind Fakes oder Duplikate. Aus diesem Grund werden Nutzer gefragt: „Ist dies der echte Name deines Freundes?“ Und aufgefordert, ihren vollständigen Namen anzugeben. Big Data hat wenig Sinn ohne authentische Bezüge. Grund ist die Beschwerde von Werbetreibenden auf Facebook, die erzeugten Klicks seien nicht „echt“.

Mit der Allgegenwart von Smartphones und den fleißigen Datensammlern, die sich Apps nennen, sind wir auf dem besten Wege zum „Quantified Self“, einem quantifizierten Menschen, der sein Verhalten über Self-Tracking und Feedbackschleifen kontrollieren und korrigieren kann. Ganz klar steht bei deren Verwendung der persönliche Nutzen und Spaß im Vordergrund. Games sind die perfekten Datengeneratoren.

Soziale Netzwerke als Detektive?

Juli Zeh, Co-Autorin von „Angriff auf die Freiheit“, sieht einen klaren qualitativen Unterschied zwischen wirtschaftlicher und staatlicher Datennutzung: „Vielleicht wissen die mehr über uns als der Verfassungsschutz, aber man muss unterscheiden – nicht Google fährt im Big Data legt nur offen, was die Personen tun, aber nicht, warum sie es tun Zweifel mit einem Auto vor und verhaftet einen. Sondern der Staat.“ Doch was, wenn sich der privatwirtschaftliche Datensammler als Komplize des Staates erweist? Wie im Falle eines analysierten Chatprotokolls zwischen einem über 30-jährigen Mann und einem minderjährigen Mädchen. Facebook meldete deren Verabredung an die örtlichen Behörden und der Mann wurde von der Polizei festgenommen. Ein soziales Netzwerk als Detektiv?

Die US-Regierung machte Big Data im März 2012 zur Chefsache: Mehr als 200 Millionen US-Dollar werden in Tools und Techniken für den Zugang, die Organisation und Analyse großer Mengen an Big-Data-Beständen investiert. Universitäten in den Vereinigten Staaten entwickeln neue Studiengänge, die Datenanalysten ausbilden sollen.

Eine große Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, kulturell akzeptierte Richtlinien im Umgang mit Big Data zu entwickeln, die sowohl die Interessen von Unternehmen vertreten als auch die Rechte der Person hinter den Daten schützen. Data-Mining ist kein Selbstzweck. Nicht die Quantität an Daten ist entscheidend, sondern die Qualität. Sampling – das Verwenden von Daten in neuen Kontexten – wird zum wichtigen Element der Datenanalyse und birgt gleichzeitig eine der größten Gefahren der falschen Interpretation der Daten. Denn Big Data ist nicht rein, generisch und allgemeingültig. Bereits in der Datenerzeugung können Ungleichgewichte entstanden oder spezielle Filter gesetzt worden sein. Die generierten Daten wurden von einem Menschen erzeugt, der Vorlieben hat, aber auch Interessen verfolgt. Big Data legt nur offen, was die Personen tun, aber nicht, warum sie es tun.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Big Data

Dossier: Big Data

Das Recht auf Privatsphäre ist ein Auslaufmodell. Durch die Verdatung der Welt und die damit einhergehende Demokratisierung der Daten geraten die gegenwärtigen gesetzlichen Regeln, was „Innen“ und was „Außen“ ist, immer mehr unter Beschuss. Openness definiert das Private neu, das Individuum erhält mehr Selbstverantwortung, aber auch mehr Freiräume. So führt die Demokratisierung der öffentlichen Daten auch zur Entfesselung der privaten Informationen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.