Gut vernetzt: Chinas neue Mittelschicht

In China entwickelt die Mittelschicht ein neues Selbstbewusstsein. Sie ist netzaffin, findet kreative Strategien, um Zensur und Restriktionen im Land zu umgehen, und zeigt sich äußerst reise- und konsumfreudig.
Quelle: China Report 2017

Foto: Alibaba AliPay / www.alibabagroup.com

Die Middle Class in China wächst: Aktuell zählen 109 Millionen Menschen zur Mittelschicht, das entspricht 10,7 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung. Die Wachstumsrate für Vermögen beträgt in China bis 2020 rund neun Prozent. Wer über mehr Einkommen verfügt, hat gleichzeitig mehr Möglichkeiten und vor allem einen besseren Zugang zur Bildung. Diese Entwicklung wird durch die Politik weiter vorangetrieben: In ihrem aktuellen Fünfjahresplan hat die Kommunistische Partei Chinas steigenden Wohlstand versprochen – möglichst für alle. Gebildet und reich zu sein ist also im Sinne der Partei. 

Mit weiteren Bildungsmöglichkeiten nehmen auch die Fähigkeiten zu, Informationen zu nutzen und weitere Informationsquellen zu erschließen. Die Folge: Es herrscht ein verstärktes Interesse, Dinge zu hinterfragen, die Diskussionsfähigkeit der Menschen steigt – und sie haben weniger Verständnis für Informationsrestriktionen innerhalb der Landesgrenzen. Was für die Partei einerseits eine große Gefahr sein kann, braucht China andererseits dringend zur Weiterentwicklung: eine erwachsen werdende und sich entwickelnde Mittelschicht. Diese wachsende Middle Class und das zunehmende Bildungsniveau sind entscheidende Ingredienzien zur Rückeroberung der chinesischen Weltherrschaft. 

Das gefilterte Tor zur Welt

Ein Teil der Chinesen, die der Mittelschicht angehören, empfindet einen kontrollierten Zugang zu Informationen sowie ihre Verbreitung als geschuldeten Preis für eine rasante BIP-Entwicklung. Sie beträgt laut offiziellen Angaben sieben Prozent, Ökonomen der westlichen sowie der ostasiatischen Welt mutmaßen dagegen immer lauter, dass die Fünf vor dem Komma schon lange der Vergangenheit angehört. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Chinesen, die den Duft der weiten Welt geschnuppert haben: Sie gehören in ihrem Land zu den neuen Jetsettern und sorgen dafür, dass der Reisehunger wächst. 

Um neue Impulse zu erhalten, einen direkten Know-how-Transfer zu ermöglichen und Lösungen für die Probleme in der Heimat zu finden, werden ausgewählte Staatsbedienstete von höchster Instanz – durch das Wirtschaftsministerium in Beijing – zur Managerausbildung ins Ausland entsandt, künftig auch verstärkt nach Deutschland. Diesen Ansatz wählte schon Japan in der Meiji-Ära ("meiji“ = aufgeklärte Herrschaft, 1868 bis 1912) zu Zeiten des Kaisers Mutsuhito. Dabei wurden nicht nur Japaner zum Studium entsandt, sondern auch verstärkt ausländische Gelehrte zur Bildungsvermittlung ins Land eingeladen. Japan entwickelte sich in diesem Zeitraum zu einer der damals führenden Industrienationen. Die sehr erfolgreiche Staatsentwicklungsstrategie ging von der Prämisse aus, dass Reisen bildet.


Mehr im China Report 2017

Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder, die wir im Kopf haben. Zeit für einen fundierten Reset: Durch Dechiffrieren der wichtigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends in China liefern wir mit unserem neuen China Report von Dr. Diana Kisro-Warnecke Erkenntnisse und praktikable Handlungspotenziale für die zweitgrößte Wirtschaftsnation unserer Zeit.

Mehr über den Report

Internetstrategie: Blockieren, Klonen, Aufkaufen


Blogging und Microblogging sind heute in China nicht mehr wegzudenken. Mit dem Erfolg von Blogging-Plattformen wie Weibo (Microblog) wird auch das Thema Zensur
 in China immer wichtiger. 204 Millionen Microblogger gibt es nach offiziellen Angaben in der Volksrepublik (CNNIC 2015). Und Beijing möchte sie am liebsten alle kontrollieren – denn die Netizens haben zu großen Einfluss auf die Meinungsbildung der chinesischen Gesellschaft. Zwar vereinfacht das Internet auch das Filtern von Stichworten und das sofortige Löschen
 von Einträgen mit geblockten Suchworten. Doch wer etwas sagen will, umgeht die Zensur Diese wachsende Middle Class und das zunehmende Bildungsniveau sind entscheidende Ingredienzien zur Rückeroberung der chinesischen Weltherrschaft. mit alternativen Begriffen, Zahlen und Synonymen. Der Blogger Michael Anti (chinesischer Name: Jing Zhao) nennt es das Katz- und Maus-Spiel mit der Regierung. Die staatsnahen Organisationen geben sich alle Mühe, auch die immer wieder neu auftauchenden Begriffe zu blockieren. Damit der Zugriff effizienter gelingt, werden für ausländische Dienste schnellstmöglich chinesische Paralleldienste programmiert. Meist verfügen diese über mehr Funktionen und sind komfortabler im Handling – und in der Kontrolle. Diskussionsfreiheit für einen bestimmten Zeitraum und zu einem abgesteckten Thema kann dann politische Entscheidungen oder das Verschwinden von unbequemen Politikern legitimieren. Nicht-Zensur wird somit ebenfalls zur Zensur.

Die Kontrolle des Internets in China wird jedoch nicht gelingen, dafür sorgen schon das zunehmende Datenaufkommen und die künftige Entwicklung der
 IT. Sicherlich ergeben sich auch mehr Möglichkeiten der Überwachung – doch eine überproportional wachsende Middle Class mit einem höheren durchschnittlichen Bildungsstand wird ebenfalls immense Möglichkeiten finden, Schlupflöcher zu kreieren und den Zugang zu globalen Informationsquellen zu erhalten. Die durch die Partei angestoßene Bildungsinitiative ist in vollem Gange, sie wird künftig noch stärker gefördert und in alle Winkel des Landes getragen. Der steigende Bildungsgrad lässt sich nicht aufhalten. Die Abschottung eines Systems gegen Einflüsse von außen kann nicht gelingen – nicht in einer globalisierten Welt, deren nationale Grenzen täglich mehr durch neue technische Entwicklungen verschwimmen.

Vom Trend zur Middle Class profitieren

Der neuen, webbasierten Mittelschicht steht in China nur der kontrollierte Filter als Tor zur Welt zur Verfügung, und es ist kaum verwunderlich, dass Chinesen jede Möglichkeit ergreifen, als Touristen ins Ausland zu reisen. Europa mit seinen historischen Sehenswürdigkeiten und Metropolen gilt als beliebte Destination bei chinesischen Travellern. Dies stellt eine große Chance das für die Tourismusbranche in Deutschland, aber auch für Retailer und Marken, um maßgeschneiderte Angebote für diese Zielgruppe zu kreieren. 
Dabei gilt es allerdings zu beachten: Um von reise- und einkaufsfreudigen Ostasiaten zu profitieren und damit am Trend zur neuen Middle Class partizipieren zu können, gilt es, endlich und schnellstmöglich die Dienstleistungsmentalität in Deutschland voranzutreiben. Nur so lässt sich die netzaffine chinesische Mittelschicht adäquat und nachhaltig bedienen, nur so lassen sich chinesische Reisende als Multiplikatoren für Europa und als Investoren für ein Engagement in Deutschland gewinnen.

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Dossier: China

Dossier: China

Wenn wir von China hören, ereilt uns das Gefühl einer großen Maschine: gut geplant, bestens geschmiert, zeitweise versmogt. Doch China ist viel mehr: Das Land wird getrieben von einer großen, in Europa selten gehörten, Zukunftserzählung über Fortschritt und Innovation – von immer mehr jungen Chinesen, die Zukunft „sexy“ finden. Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder in unseren Köpfen – Zeit für einen fundierten Reset.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Diana Kisro-Warnecke

Dr. Diana Kisro-Warnecke gründete 2004 das Beratungsunternehmen Dr. K&K ChinaConsulting. Seitdem berät sie Konzerne, aber auch KMU zu den Themen internationales Management, Unternehmensstrategie, Personal und Marketing.